Stuff

Anus Horribilis: Vor einem Jahr hat jemand ein Flugzeug vom Himmel geschissen

Zum Jahrestag des denkwürdigen Flugs von London nach Dubai, der sein Ziel nie erreichte, fragen wir: Was haben wir seither gelernt? Sind wir als Gesellschaft daran gewachsen?
16 März 2016, 1:46pm

Foto: Aero Icarus | Flickr | CC BY-SA 2.0

In stillen Momenten holt es mich manchmal ein. In der blauschwarzen Düsternis der Nacht liege ich da, die Augen weit geöffnet, und denke darüber nach. Ich denke: „Was ist aus dir geworden, mysteriöse Person, die so übel in eine British-Airways-Maschine geschissen hat, dass diese umkehren und zurückfliegen musste? Sage mir, wann waren deine Verdauungsvorgänge wieder flugtauglich?" Und dann denke ich: Wenn ich jetzt gerade über die Person nachdenke, die so übel in eine Maschine von British Airways geschissen hat, dass diese umkehren und zurückfliegen musste, woran denkt dann die Person, die so übel in eine Maschine von British Airways geschissen hat, dass diese umkehren und zurückfliegen musste? Denkt sie an diesen Schiss? Oder besser: Gibt es überhaupt Momente, in denen diese Person nicht über ihren Haufen nachdenkt, der damals ein Flugzeug vom Himmel holte? Glüht in ihren Wangen noch das Feuer der Scham? Oder geht das Leben weiter? Wie lange hat es gedauert, bis diese Person wieder normal sitzen konnte?

Heute vor genau einem Jahr hat, wie die meistgeteilte Schlagzeile, die ich je geschrieben habe, verkündete, jemand so dermaßen in eine British-Airways-Maschine geschissen, dass sie umkehren musste. Das ist Fakt. Das ist wirklich passiert. Das Flugzeug war unterwegs von London Heathrow nach Dubai, doch nach 30 Minuten musste es umkehren und zurückfliegen, weil jemand das Flugzeug mit seinem Arsch beschädigt hatte. Es war zu gefährlich weiterzufliegen, weil das Arsch-Verbrechen dabei war, die Luft zu vergiften. Eine British-Airways-Angestellte, die nur als „Sarah" bekannt ist, sagte der BBC damals: „Auf dieser Höhe muss in der Kabine ein Überdruck herrschen, also hat man das Problem, dass solche Dinge eine Gefährdung der Gesundheit und Sicherheit darstellen, weil nur 50 Prozent der Luft recycelt und gereinigt werden." Der Tory-Abgeordnete Abhishek Sachdev, der unter den Passagieren war und 15 Stunden auf den nächsten Flug nach Dubai warten musste, sagte nach dem Vorfall, noch im Kotluftrausch: „Insane. Our BA flight to Dubai returned back to Heathrow because of a smelly poo in the toilet." Dieser Schiss hat Leben verändert. Dieser Schiss hat Urlaubsreisen ruiniert und Medienkarrieren gestartet. Dieser Schiss war in aller Munde. Wann war das letzte Mal, dass du eine Boeing 747 auch nur einen Millimeter bewegt hast? Genau, hab ich mir gedacht.

Im Großen und Ganzen ist dieser üble Schiss wichtiger als viele von uns—und ja, da schließe ich mich selbst mit ein. Und doch bleibt der Name des Scheißers ein Geheimnis.

Und deswegen denke ich nur noch mehr über diese Person nach, und grübele, wer sie wohl ist und wie sie sich wohl fühlt. Seit geschlagenen 12 Monaten betreibe ich in meinem Kopf Profiling, um mehr zu erfahren. Bisher habe ich Folgendes:

1. Der Scheißer ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Mann. Warte, hör mir zu: Ich habe in letzter Zeit ehrlich versucht, mehr über Feminismus zu lernen, und ein wichtiger Grundsatz im Feminismus scheint folgender zu sein: Glaube niemals, dass Männer die Antwort auf alles sind. Es ist so tief in unserer Denkweise verankert, dass ein Mann Aufgabe X ausführen sollte, oder Team Y leiten, oder Schiss Z in Flugzeugtoilette α setzen, und gegen diese unreflektierte Annahme müssen wir uns zur Wehr setzen. Wir müssen außerhalb dieser Bahnen denken. Wir müssen Frauen als genauso am Leben beteiligt sehen wie Männer, wenn nicht sogar noch mehr. Aber in diesem Fall weigere ich mich einfach, in Erwägung zu ziehen, dass eine Frau so schlimm gekotet haben könnte, dass sie damit ein Flugzeug hat abstürzen lassen. Ich war schon nach anderen Männern auf der Toilette. Ich war auch schon nach Frauen auf der Toilette. Ein Mann hat diesen Schiss mit seinem Männeranus fabriziert.

2. Wir müssen davon ausgehen, dass der Scheißer vorübergehend unter einer suboptimalen Verdauung litt. Jemand, der eine langfristige Kotkrankheit hat—die Art, die eine Flugzeugtoilette innerhalb von zehn Minuten in einen gesundheitsgefährdenden Ort verwandeln kann—, macht doch nicht einfach einen siebenstündigen Flug nach Dubai mit. Das wird sich so jemand ersparen. Solche Menschen fahren im Urlaub mit dem Zug nach Frankreich; exotischer wird's bei denen nicht. Eigentlich ist ja schon eine Stunde außer Haus ein Risiko. Sie werden auch ihren eigenen Wasservorrat mitbringen, weil sie dem französischen Leitungswasser nicht trauen. Doch der Heathrow-Dubai-Scheißer rechnete meiner Meinung nach nicht damit, dass an jenem Tag so etwas aus seinem Körper kommen würde. Er war verkatert oder so. Er war am Vortag bei jemandem zum Essen und das Hähnchen war in der Mitte noch rosa, doch er war zu höflich, um etwas zu sagen. Nichts besonders Ungewöhnliches. Doch dann kam mit unfassbarer Geschwindigkeit etwas Ungewöhnliches aus ihm heraus und verteilte sich in und um die Toilette, auf die er zielte, und kostete so sehr viele Menschen 15 Stunden ihres Lebens.

3. Ich stelle mir gerne den Augenblick blanker Panik vor, den der Scheißer erlebt haben muss, als ihm klar wurde, dass es in der Flugzeugtoilette keine Mittel gab, um auch nur ansatzweise zu beseitigen, was er getan hatte. Waren da Leute vor der Tür, mit denen er Klotür-Angsthase spielen musste? Du kennst das Spiel: Du willst die Toilette verlassen, doch du hast einen weltverändernden, unbeseitigbaren Schiss darin gemacht, und jemand wartet vor der Tür, doch diese Person hat nur für etwa acht Minuten Wartezeit Geduld, also sitzt du einfach da und bist mucksmäuschenstill, während ein Schweißtropfen an deiner Nasenspitze baumelt, und du wartest in deinem Kotknast, bis sie geht. Es ist der Tiefpunkt eines jeden Lebens.

MOTHERBOARD: US-Auktionshaus bietet ein Meter langen prähistorischen Scheiß zum Verkauf

4. Wie kann man nach einem solchen Vorfall weiterleben? Wie schafft man es überhaupt nach Dubai? Du tauchst einen Tag später auf als erwartet und alle, mit denen du dich dort treffen wolltest, haben vom Fäkalien-Flugzeug gehört. „War das dein Flug?", fragen sie voller Inbrunst. „Hast du gesehen, wer den Haufen gemacht hat?" Und du lachst nervös und sagst: „Haha, nein." Und dann versuchst du, deine Woche in Dubai mit Sonne, Sand und Exzess zu genießen, doch es geht einfach nicht. Du kannst dich nicht entspannen, wenn die nächste Toilette mehr als 100 Meter entfernt ist. Du kannst nicht einschlafen, weil du dich wieder in dieser Klokabine siehst, sobald du die Augen schließt. Der Heimflug ist eine kotlose Hölle. Und dann gehst du zurück zu deiner Heimtoilette, aber nichts ist mehr so, wie es einmal war. Hast du etwa ... Angst vorm Scheißen? Tatsache. Das letzte Mal hast du damit ja auch ein Flugzeug vom Himmel geholt. Jetzt ist wirklich alles anders. Du wirst diese Last für immer auf deinen Schultern tragen.

An dieser Stelle kann ich es dir nicht verdenken, wenn du sagst: „Aber Joel, passt das Profil des Schurkenscheißers nicht perfekt auf dich? Du scheinst ja wirklich viel über diese rätselhafte Person zu wissen. Bist du nicht ein panischer Mann, der zum Scheißen fähig ist?" Und ja, ich bin all das und mehr. Aber ich bin nicht der Schurkenscheißer. Ich bin einfach nur ein Mann, der ein ganzes Jahr damit verbracht hat, sich mental in die Lebensumstände eines Schurkenscheißers reinzudenken, um ihn von innen heraus zu verstehen, aus jedem Winkel, vom Mund bis zum Anus. Ich habe das Gefühl, den Schurkenscheißer besser zu verstehen als er sich selbst. Wenn man alle Passagiere jenen Flugs von Heathrow nach Dubai aufstellen und mich jeder Person in die Augen sehen lassen würde, dann würde ich enthüllen, wer der Scheißer ist. Ich würde den Schmerz und die Furcht und die Schwäche in seinem Gesicht erkennen und sagen: „Der hier. Das hier ist der Scheißer. Dieser Mann hat den Schiss gemacht."

Wenn du das hier liest, anonymer Flugzeugscheißer: Dir sei verziehen. Du hast einen Fehler gemacht, aber das tun wir alle. Vor einem Jahr hast du geschissen. Du hast einfach geschissen und damit ein Flugzeug im Wert von vielen Millionen Euro bezwungen. Und da wir alle Fehler machen, sage ich: Wer von uns ohne Sünde ist—wer von uns noch nie sechs Bier und scharfes Essen vor einem internationalen Flug konsumiert hat—, der werfe den ersten Stein. Friede sei mit dir, Flugzeugscheißer.