Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Die „Nur die Stärksten überleben“-Ausgabe

Des Königs neue Kleider

Wie Peter Fitzek versucht, mit seinem Fantasiestaat „Königreich Deutschland“ die Demokratie zu untergraben.

von Marcus Staiger
01 November 2013, 7:16am

Fotos von Grey Hutton

Peter Fitzek schwitzt nicht. Er erlaubt seinem Körper nicht zu schwitzen und aus diesem Grund muss er auch nichts trinken. Zwei Liter pro Woche vielleicht, und dann auch nur aus Genuss. Außerdem hat er in seiner Zeit in Indien auch schon mehrere Wochen ganz ohne Nahrung und Wasser gelebt und sich lediglich von Licht ernährt. „Das ist gar nicht so schwierig“, erklärt der drahtige Mann mit dem Pferdeschwänzchen, „man muss nur die Formel E=mc² zu nutzen wissen, dann klappt das. Wenn ich aber unter Menschen bin, dann esse ich weitestgehend normal.“ Nur das mit dem Trinken hält er tatsächlich für überflüssig. Das mag vielleicht nicht jedem sofort einleuchten, aber Peter Fitzek ist auch nicht jeder. Peter Fitzek ist der oberste Souverän des Königreichs Deutschland.

Das Königreich Deutschland liegt in Lutherstadt Wittenberg, ungefähr 100 Kilometer südwestlich von Berlin, und wurde am 16. September 2012 von Peter Fitzek gegründet. Es versteht sich als eigenständiger, autonomer Staat innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, wird von dieser aber selbstverständlich nicht anerkannt. Das Königreich selbst besteht aus mehreren Liegenschaften, die sich teilweise oder vollständig im Besitz des von Peter Fitzeks gegründeten Vereins „Neudeutschland“ befinden und in denen zurzeit ungefähr 25 „Staatsangehörige“ leben. Viel wurde darüber zwar schon berichtet, ich wollte mir aber einen eigenen Eindruck von König und Reich machen. Peter Fitzek besitzt ein Reichstechnologiezentrum, einen Importhandel für Marmor, eine riesige Fabrikhalle und ein ehemaliges Krankenhaus, das in Zukunft Kindergarten, Schule und Universität sein soll, und natürlich ein „Gesundheitshaus“. Denn in der Welt von Peter Fitzek werden keine Krankenhäuser mehr gebraucht, da die Menschen „chronisch gesund“ sein werden. Es geht ihm um eine ganzheitliche Gesundheit und die Aktivierung von Selbstheilungskräften durch puren Willen. Schulmedizin und Pharmaindustrie würden dazu beitragen, die Menschen krank zu machen. Deswegen kämpfe er dagegen an, wobei er sich in seinen Vorträgen zur alternativen Krebstherapie auch auf die Theorien des ausgewiesenen Antisemiten, Holocaustleugners und Wunderheilers Ryke Geerd Hamer beruft. Dieser ist Begründer der Germanischen Neuen Medizin und hält zum Beispiel Chemotherapie für eine jüdische Erfindung, mit der Nichtjuden ausgerottet werden sollen.

Außerdem hat Peter Fitzek noch eine eigene Gesundheitskasse gegründet, in der sich zahlreiche Mitglieder befinden und mit der er nach eigenen Angaben mehrere Zehntausend Euro Gewinn erwirtschaftet, sowie eine eigene Königliche Reichsbank, die zinslose Sparguthaben verwaltet und eigentlich eine neue Währung namens Neue Deutsche Mark in Umlauf bringen sollte. Dieses Projekt ist allerdings zurzeit auf Eis gelegt, stattdessen gibt es die Regionalwährung „Engel“, mit der seine Mitarbeiter teilweise entlohnt werden. All diese Aktivitäten kommen bei den offiziellen bundesdeutschen Behörden nicht sonderlich gut an, weswegen sich Peter Fitzek auch permanent in irgendwelchen Rechtsstreitigkeiten befindet. Namentlich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), die in Deutschland das Banken- und Versicherungswesen beaufsichtigt, hat es auf Fitzek abgesehen und im April dieses Jahres eine größere Razzia auf dem Reichsgelände durchgeführt. 200 Beamte der unterschiedlichsten Behörden verschafften sich Zutritt und im Ergebnis hat die BaFin Peter Fitzek nun das Bankengeschäft und die Ausübung der Versicherungstätigkeiten unter Androhung von Zwangsgeldern untersagt. Dies lässt den treuhänderischen Souverän des Königreichs Deutschland allerdings relativ kalt: So lässt er erklären, dass er den Namen Fitzek mittlerweile abgelegt habe und stattdessen den Titel „Imperator Fiduziar“ trage und sowieso keine ladungsfähige Anschrift in Deutschland besitze. Höchstens in Paraguay könne man ihn antreffen. Und bei der sogenannten Königlichen Reichsbank handle es sich ohnehin nur um eine Holzbank, die den Räumen, in denen sie steht, den Namen gegeben habe.

Stattlicher Wohnsitz. Das ehemalige Dyalysezentrum Wittenberg gehört zum Staatsgebiet des Königreichs. Heimstatt für 25 Staatsangehörige.

Wenn Peter Fitzek von solchen Auseinandersetzungen erzählt, dann läuft er zur Hochform auf. Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Behörden zu ärgern, das macht ihm Spaß. Der ehemalige Koch und Kampfkunstlehrer hat sich hineingewühlt in Paragrafen und Vorschriften und sich ein umfangreiches Wissen über Vereinsrecht, Stiftungsrecht, Verfassungs- und Steuerrecht angeeignet und seine Kapriolen erinnern teilweise an eulenspiegelhafte Schelmenstreiche.

Auf seinen Seminaren erzählt er ausführlich von diesen Praktiken und ermuntert seine Anhänger, es ihm gleich zu tun. Schließlich, und davon ist er tatsächlich überzeugt, existiere die Bundesrepublik Deutschland gar nicht, sondern sei ein von den Alliierten gegründetes Verwaltungskonstrukt, eine Firma, und bei den Bundesbürgern handle es sich nicht um Staatsbürger im völkerrechtlichen Sinn, sondern lediglich um das Personal der BRD GmbH.

Ausgebildet in den Seminarräumen des Gesundheitshauses werden die Menschen „chronisch gesund“

Hier reiht er sich ein in die Theorien der sogenannten Reichsbürgerbewegung, die behaupten, der Bundesrepublikanische Staat habe überhaupt keine Existenzberechtigung. Auch wenn Fitzek im Gespräch etwas auf Distanz zu dieser von Rechtsextremen unterwanderten Bewegung geht, behauptet auch er, dass das Deutsche Reich weder nach der Kapitulation 1945 noch nach den Staatsgründungen von BRD und DDR noch nach der sogenannten Wiedervereinigung untergegangen ist. Für revanchistisch hält er diese Behauptung aber nicht, denn schließlich würde er die Oder-Neiße-Linie so lange anerkennen, bis die Polen von selbst auf die Idee kämen, sich seinem neuen Staat anzuschließen.

Das Problem mit Peter Fitzek ist, dass er tatsächlich sehr viel weiß und von Dingen erzählen kann, von denen man selbst noch nie etwas gehört hat. Bei seinen Theorien und Ideen handelt es sich um ein Potpourri von durchaus berechtigter Systemkritik, wahren und falschen Behauptungen, über Verschwörungstheorien bis hin zu Spiritualität und Esoterik. Im Unterschied zu einer fundierten politischen Analyse und Kritik verbreitet er aber den Anschein, über ein exklusives, weil geheimes Wissen zu verfügen, mit dem er den Unzufriedenen die Welt erklären kann. Hinter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung stecken demnach wirkmächtige Familienclans der Hochfinanz, gerne auch jüdischer Herkunft. Und die großen Katastrophen, Kriege und Krisen folgen alle der Logik einer genau geplanten Weltverschwörung.

Das Werkzeug eines Königs. Reichsapfel und Zepter.

Die Welt des selbsternannten Herrschers von Wittenberg ist für Normasterbliche nicht immer nachvollziehbar. Geboren wurde er vor ungefähr 48 Jahren in recht desolaten Verhältnissen. Des Öfteren erzählt er von seiner körperlich behinderten Mutter, seiner geistig behinderten Cousine und seinem Vater, der sämtlichen Lastern erlegen ist. Das alles wollte Peter Fitzek nicht, weswegen er sich schon in jungen Jahren mit Geisteskraft dagegen gewehrt hat. Die Behinderung seiner Cousine sowie die Kinderlähmung seiner Mutter hat er für sich einfach ausgeschlossen und selbst den genetisch bedingten Haarausfall, der sämtliche männliche Mitglieder seiner Familie heimsuchte, konnte er durch seine Willenskraft erfolgreich stoppen. Bei aller ethischen Reife, nach der Peter Fitzek strebt, ist er doch ein wenig eitel, was er auch gerne zugibt.

Peter Fitzek ist durchaus einnehmend in seinem Wesen. Er ist charmant und sagt oft Sachen, mit denen auch ich einverstanden bin. Dass man ein Geldwesen bräuchte, das dem Menschen dient und nicht umgekehrt, oder dass die Menschen mehr Selbstverantwortung übernehmen und sich nicht immer als Opfer ihrer Umstände begreifen. Die Menschheit oder zumindest die Deutschen zu erretten, das ist seine Mission. Ob er dafür von der Vorsehung auserwählt wurde? Peter Fitzek bleibt bescheiden: „Wenn der Schöpfer meint, dass ich auserwählt bin, dann soll es eben so sein.“ Immer wieder betont der Mann aus Wittenberg, dass er nur dem Schöpfer alles Seins diene und auch nicht zwangsläufig für das Königsamt bestimmt sei. „Ich übe nur eine treuhänderische Funktion aus, so lange, bis die Deutschen sich in Freiheit einen eigenen Herrscher wählen“, und trotz allem wird man den Eindruck nicht los, dass er von sich spricht, wenn er erklärt, was einen Führer ausmacht, dem die Massen folgen sollen. Weise, integer, nicht korrumpierbar und tugendhaft müsse dieser sein. Der Weise, der alles überblickt. Denn eines könne man am demokratischen System der sogenannten BRD ja sehen: „Die Masse hat noch niemals weise Entscheidungen treffen können, sondern es sind immer nur einige wenige Menschen, die für die Fortentwicklung der Menschheit gesorgt haben.“ Und was passiert, wenn der eine weise Mann Fehler macht? „Dann müssen alle anderen dafür bluten.“ „Bist du ein Führer?“, frage ich—worauf er wiederum ganz Diener wird. „Nein“, antwortet er. „Ich denke aber, dass einige Arbeiten getan werden müssen und solange kein anderer kommt, der besser geeignet ist, verrichte ich auch nur meine Arbeit.“

Amulette, Steine, Schnitzereien, Bücher und Traumfänger.

Das erinnert mich an einen anderen deutschen Führer, der ebenfalls immer betont hat, wie unwichtig er selbst sei und dass ihn nur die Vorsehung auf seinen Platz gestellt habe. Auf den Einwand, dass Adolf Hitler als vom Volk gewählter Führer, dem die Massen bedingungslos folgten, genau diese in den Abgrund geführt habe, hat Peter Fitzek eine einfache Antwort. Nicht bei Hitler selbst sei die Schuld zu suchen, sondern bei den Bankiers und Industriellen, die ihn eingesetzt hätten: „Adolf Hitler war nicht derjenige, der sich an diese Position gestellt hat. Es gab internationale Familienclans, die ihn mit Geldmitteln ausgestattet hatte.“ Fitzek verweist auf Bücher und Publikationen, die diese Verflechtungen untersucht hätten, und es geht weiter über die Thule-Gesellschaft hin zum NS-Okkultismus, Magie und Esoterik. Seine Augen blitzen: „Natürlich war der Nationalsozialismus beeinflusst gewesen von Okkultismus. Und diese Werkzeuge wurden in der Vergangenheit genutzt und werden in der heutigen Zeit von den Herrschenden genutzt, um die Menschen in eine Richtung zu bekommen, wo man sie gerne hätte.“ Das würde in einem Königreich, in dem Peter Fitzek das Sagen hat und die alltäglichen Dinge trotz Monarchie basisdemokratisch geregelt werden, natürlich nicht passieren. Fitzek schafft es, so unterschiedliche Dinge wie göttliche Hierarchievorstellungen und Anarchismus unter einen Hut zu bringen.

In letzter Zeit hat sich die Population des Königreichs allerdings nicht unbedingt vergrößert und der Zulauf der Bevölkerung hält sich bislang in Grenzen. Fitzek kann es nicht verstehen, warum die Deutschen so skeptisch auf sein Alternativangebot reagieren. Gerade einmal um die 50 Menschen kamen zum letzten Tag der Offenen Tür Mitte September ins Königreich und Kenner der Szene bemerkten, dass das alles doch ziemlich leer aussehe, und auch Peter Fitzek wirkt ein wenig unglücklich, wenn er durch die leeren Hallen führt. Immer wieder betont er auf seinem Rundgang, dass dem Königreich die Geldmittel fehlten, um all die tollen Dinge umzusetzen, die da geplant sind: zum Beispiel die bereits erwähnten Einrichtungen wie Gesundheitshaus und eigene Universität. Und wenn sie erst mal die Pyrolyseanlage zum Laufen brächten, dann könnten sie auch ihre eigene Tankstelle eröffnen, und wenn sie genügend Investoren finden würden, dann könnten sie eine noch viel größere Anlage bauen, mit der sie ganz Wittenberg mit Diesel versorgen könnten. Alles Dinge, die in den Startlöchern stehen. Die Deutschen müssten nur noch zugreifen. Tun sie aber nicht—und manchmal wirkt Peter Fitzek wie einer jener Luftschneider aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider”, die durch leere Hallen führten und in den leuchtendsten Farben von Stoffen schwärmten, die gar nicht da waren.

Vorne Plastiktüten rein und hinten kommt Diesel raus. Leider stinkt die Pyrolyse-Anlage zu sehr, weswegen die Versuche „eingestellt“ wurden.

„Bist du enttäuscht, dass nicht so viele Leute mitmachen, wie gedacht?“, will ich in einer ruhigen Minute von ihm wissen. Ja, das sei er, vielleicht sei die Zeit noch nicht reif dafür, sinniert er, oder man müsse den Leidensdruck auf die Bevölkerung noch erhöhen. Vielleicht müssten die Deutschen noch viel mehr geknechtet und ausgepresst werden. Er selbst würde auch ins Gefängnis gehen, wenn es sein muss. Abgesehen davon aber seien die Deutschen von ihrem Wesen her schon immer eines der friedlichsten Völker der Welt gewesen und bei allen Konflikten der letzten 100 Jahre immer nur in die Auseinandersetzung hineingetrieben worden.

Bei so viel Deutschtümelei frage ich mich, ob es sich bei dem Königreich um einen multikulturellen Staat handeln würde. Natürlich könne eine solche Gesellschaft multikulturell sein, betont Peter Fitzek. Schließlich sei es doch egal, woher jemand kommt oder welcher Religion man angehört.

Peter Fitzek mit Besuchern vor dem „Reichstechnologiezentrum“, in dem die unglaublichsten Sachen entstehen werden—allein es fehlt an Geld und Personal.

Später beim Abendessen verstärken sich meine Zweifel an den lauteren Absichten der Gemeinschaft. Ich sitze neben einem älteren Herrn, der sich bitterlich über den hohen Ausländeranteil in deutschen Schulklassen beklagt. Man wolle die Deutschen fertig machen, erklärt er mir, und Schuld daran seien die Engländer. Staunend höre ich mir die Erkenntnisse des gesamten geheimen Internetwissens an, als der Mann fortfährt zu erklären, dass das englische Königshaus ja eigentlich deutschen Blutes sei, dieses aber vollkommen ignorieren würde und sich die Juden durch ihr Geld in den englisch-amerikanischen Hochadel eingekauft hätten. Chemtrails, das Fernsehen, die multikulturelle Gesellschaft würden ihr Übriges dazu tun, die Pharmaindustrie, die Energie und Erdölmafia, es war so viel Geheimwissen auf einmal, dass ich mir tatsächlich nicht alles merken konnte. Nebenan unterhält sich Peter Fitzek über die „Protokolle der Weisen von Zion”, die in diesen Kreisen ein fester Bestandteil der Allgemeinbildung zu sein scheinen. Der junge Mann, mit dem sich Fitzek unterhält, hat die Protokolle ebenfalls gelesen, wendet aber ein, dass darin die Chinesen und ihre neue Rolle in der Weltpolitik keine Erwähnung finden würden. Ha, Treffer, denke ich, doch auch dafür hat Herr Fitzek eine Erklärung parat. Man müsse doch nur schauen, wo die ganzen ostasiatischen Führer ausgebildet worden seien. In Amerika oder in Frankreich nämlich und insofern würde nach wie vor alles nach Plan laufen für die Gegenseite. Außerdem könne er zu diesem Thema noch viel mehr sagen, „aber nicht so lange er hier“, und dabei klopft er mir auf die Schulter, „mit am Tisch sitzt.“

Die Dokumentation Königreich Deutschland könnt ihr hier anschauen.
 

Mehr aus der „Nur die Stärksten überleben“-Ausgabe:

Zu Hause bei deutschen Waffenfans

Videospielfashion oder das künstliche Leben

Das unglückliche Schicksal ghanaischer Hexen