Verbrechen

Was hat Arafat Abou-Chaker mit einer Papageienzucht in Brandenburg zu tun?

Offenbar mehr, als du und ich je geglaubt hätten.
Collage, die Arafat Abou-Chaker mit einem Papagei auf der Schulter zeigt
Foto Dschungel: imago | Westend61 || Allfarblori: imago | ZUMA Press | Abou-Chaker: imago | Olaf Wagner || Collage: VICE

Lass uns ein Spiel spielen! Was haben Arafat Abou-Chaker, ein vom Aussterben bedrohter Papagei und die australische Regierung gemeinsam?

  • Äh … was?
  • Gar nichts. Es gibt keine denkbare Realität, in der diese drei Dinge irgendetwas miteinander zu tun hätten.
  • Sie alle haben eine Verbindung zu einem geheimnisvollen Verein, der in einem Dorf in Brandenburg eine der größten Privatsammlungen für seltene Vögel aus aller Welt aufgebaut hat.

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Die richtige Antwort ist natürlich 3. Es gibt sie, diese Verbindung, und dahinter steckt wohl eine der eigenartigsten Geschichten, die je in Brandenburg passiert sind. Zumindest ergibt sich dieses Bild nach Recherchen mehrerer Medien.

Schuld daran, dass sie überhaupt öffentlich wurde, ist er hier:

Ein Braunkopfkakadu nagt an einem Zapfen

Foto: Aviceda | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Der Braunkopfkakadu.

Ein Vogel, der ausschließlich in den Wäldern des östlichen Australiens vorkommt. Zumindest bis 2015, als die australische Regierung einem kleinen deutschen Verein plötzlich erlaubte, sieben Exemplare des Vogels nach Deutschland zu exportieren. Der "Verein zur Erhaltung bedrohter Papageien" (ACTP e.V.) konnte die nötigen Papiere vorweisen. Doch das war nur der Anfang: Seitdem hat Australien demselben Verein die Ausfuhr von insgesamt 232 seltenen Vögeln erlaubt – 80 Prozent aller lebenden Vögel, die in dieser Zeit legal den Kontinent verließen.

Und die kamen alle ins brandenburgische Verein zur Erhaltung bedrohter Papageien, einen winzigen Ort knapp 30 Kilometer östlich von Berlin, in dem der Verein seine Zuchtstätte hat.

Was machen die Vögel in Brandenburg?

Das kam einer australischen Reporterin und ihrem deutschen Kollegen so eigenartig vor, dass sie sich aufmachten, herauszufinden, was es mit diesem Verein eigentlich auf sich hat und warum er so viele seltene Papageien ins kalte Brandenburg verschleppt. Das war der Beginn einer sechsmonatigen Recherche, deren Ergebnis am Montag in Form eines sehr langen Artikels im britischen Guardian erschienen ist. Was die Reporter unter anderem herausgefunden haben:

  • Der Vorsitzende des Vereins ACTP ist nicht unbedingt der typische Vogel-Nerd: Martin G. ist laut Guardian ein mehrfach vorbestrafter ehemaliger Clubbesitzer. Unter anderem soll er wegen Geiselnahme, Erpressung und Betrugs 1996 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden sein. Damals soll er gewaltsam einen Geschäftsmann entführt und ihm gedroht haben, ihm einzeln die Finger abzuschneiden, wenn der ihm nicht eine größere Summe Geld aushändige. Zehn Jahre später bekam er nochmal ein Jahr und acht Monate für Betrug in sieben Fällen, schreibt die Zeitung.
  • Einige Monate vor dem Ausfuhrantrag an Australien soll der Verein sich von der lokalen Naturschutzbehörde Märkisch-Oderland eine offizielle "Zoo-Genehmigung" geholt haben, ohne die die Vögel nicht exportiert hätten werden dürfen. Allerdings gibt es offenbar keine Möglichkeit, diesen "Zoo" zu besuchen – der Verein hat weder Besuchszeiten, noch wirbt er damit, dass die Öffentlichkeit die Vögel sehen kann. Ein Blick auf die Webseite von ACTP bestätigt das.
  • Der Verein hat nicht nur Interesse an australischen Vögel, sondern mittlerweile nach eigenen Angaben eine der größten Privatsammlungen bedrohter Vögel der Welt aufgebaut. Dazu gehören extrem seltene Papageien von der Karibikinsel Dominica, die australischen Braunkopfkakadus und angeblich um die 90 Prozent der gesamten auf der Welt erhaltenen Population des brasilianischen Spix-Ara.
  • Laut seiner Webseite hat der Verein sich "dem Erhalt und dem Aufbau bedrohter Papageienpopulationen und deren Lebensräume verschrieben". Die Reporter des Guardian haben allerdings auch Nachrichten in sozialen Medien gesehen, in denen Nachkommen der aus Australien und Brasilien ausgeführten Vögel zum Verkauf angeboten wurden. Der Preis für ein Paar Braunkopfkakadus: 95.000 Euro. Eines dieser Angebote soll die Postleitzahl des knapp 10 Minuten von Tasdorf entfernten Schöneiche enthalten, in dem ACTP ebenfalls eine Einrichtung unterhält und laut eines Onlineregisters früher seinen Sitz hatte.
  • Naturschützer und Naturschützerinnen kritisieren die Ausfuhrpraxis an den Verein schon länger, weil zum Beispiel die Papageien aus Dominica nicht außer Landes gebracht würden müssen, um deren Bestand zu sichern.

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Das alles ist an sich schon ziemlich bizarr. Noch bizarrer wird es allerdings, wenn man sich anschaut, mit wem Martin G. noch so herumhängt.

Gibt es Verbindungen zum organisierten Verbrechen?

Es gibt eine ziemlich eigenartige Stelle in dem legendären Interview des Stern mit Bushido und seiner Frau über den Bruch mit Arafat Abou-Chaker, die wir damals – wie die meisten wahrscheinlich – einfach überlesen haben:

Stern: Arafat bekam Geld von der Filmgesellschaft Constantin für eine Rolle, die man ihm nie versprochen hatte?
Bushido: Ja. Die Leute von Constantin haben auch alle nur mit dem Kopf geschüttelt. Die sagten, so etwas habe es noch nie gegeben.
Wie viel zahlte Constantin?
Anna-Maria: 200.000 Euro.
Bushido: Das Geld wurde irgendwie noch als Spende an einen Papageienverein deklariert oder so. Jedenfalls habe ich auch da zugesehen und nichts gesagt, obwohl ich wusste, dass es falsch ist.

Weder die Ferchichis noch die ihnen gegenüber sitzenden Journalisten gehen näher darauf ein, was es mit diesem Verein auf sich hat. Aber im Presse-Archiv finden sich weitere Hinweise: So schrieb die Bild im März über den Streit zwischen dem Rapper und dem Clan-Chef, die beiden hätten zusammen "sehr viel Geld an einen dubiosen Papageien-Verein in Brandenburg" gespendet, "dessen Vorsitzender von der Berliner Staatsanwaltschaft ebenfalls zur organisierten Kriminalität gerechnet wird".

Laut einem Insider, mit dem VICE gesprochen hat, gab es tatsächlich sogar mal gemeinsame Ermittlungen gegen Martin G. und Arafat Abou-Chaker wegen Geldwäsche, die aber ergebnislos eingestellt wurden.

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Dass der Papageienzüchter und die Berliner Familie sich kennen, ist jedoch belegt: Der VICE-Redaktion liegt ein Foto vor, das Martin G. inmitten einer Gruppe von Männern zeigt, zu der auch Arafat und dessen Bruder Nasser gehören.

Gut möglich, dass die Recherche des Guardian dazu führt, dass die australische Regierung ihre Zusammenarbeit mit dem Verein ACTP noch einmal einer gründlichen Prüfung unterzieht. Noch spannender wird sein, ob demnächst noch mehr über die Verbindungen des Vereins herauskommt.

Die oberste Priorität sollte aber natürlich bleiben, dass weder dem blauen Spix-Ara noch dem Braunkopfkakadu irgendetwas geschieht.

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