Dieses neue Game lügt seine Spieler permanent an – und ist genau deswegen großartig

Psychologen wirkten an der Entwicklung von 'Hellblade' mit, das sich mit ungewöhnlichen Methoden gekonnt mit psychischen Erkrankungen auseinander setzt. Das macht für Spieler nicht immer Spaß – doch genau darum geht es auch.

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11 August 2017, 1:26pm

Bild: Ninja Theory

Ich stecke mitten im erbitterten Kampf gegen die Handlanger des bösen Rabengottes Valravn. Da höre ich plötzlich ein vertrautes Flüstern.

"Wenn die Dunkelheit zu dir spricht, ändert sich alles. Deine Heimat verwandelt sich in ein fremdes Land und deine Geliebten in Unbekannte", raunt die Stimme. "Es ergibt Sinn, ins Exil zu gehen, denn du erkennst, dass du hier sowieso nie richtig zu Hause warst."

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Das düstere Flüstern und die tiefen Einblicke in die menschliche Psyche sind Teil des Videospiels Hellblade: Senua's Sacrifice. Die Dunkelheit ist eine Metapher für eine Psychose. Der Spieleentwickler Ninja Theory möchte mit seinem Spiel eine Geschichte über psychische Erkrankungen erzählen – und greift dazu zu ungewöhnlichen Mitteln, die in der Gaming-Szene gerade für viel Empörung sorgen.

Mit Senua müssen Gamer durch die Hölle gehen

Hellblade erzählt die Geschichte der Kriegerin Senua. Um die Seele ihres toten Geliebten zu befreien, muss sie in die Wikinger-Hölle reisen und dort nicht nur gegen die Schrecken der Unterwelt kämpfen, sondern sich auch ihren eigenen Dämonen stellen. Diese inneren Konflikte sind von den Entwicklern so sorgfältig recherchiert und umgesetzt worden, dass sie viel furchteinflößender wirken, als alle anderen Monster im Spiel.

Denn die Besonderheit an Hellblades Story ist, dass die Protagonistin Senua unter einer Psychose leidet. Wie einige andere Leute mit dieser Krankheit hört auch Senua Stimmen, die nicht existieren. Sie sieht Dinge, die nicht echt sind. Somit ist es auch für den Spieler unmöglich, im Spiel zwischen Realität und Wahnvorstellung zu unterscheiden.

Bild: Ninja Theory

Die Art, wie Ninja Theory die Erkrankung im Spiel umsetzt, ist gleichermaßen brillant und frustrierend. Der Spieler ist im Game konstant von Stimmen umgeben. Sie erzählen Senuas Hintergrundgeschichte, warnen den Spieler vor Gefahren und geben widersprüchliche Ratschläge für das Vorgehen im Spiel. So rät mir die eine Stimme während eines Kampfes, mich zu ducken, während eine andere mir sagt, ich solle blocken. Mehrmals warnen die Stimmen mich vor einer drohenden Gefahr – als ich mich dann jedoch verängstigt umdrehe, sehe ich dort rein gar nichts. Trotzdem ist es nicht ratsam, die Ratschläge der Stimmen komplett zu ignorieren, denn in etwa der Hälfte der Fälle sind ihre Warnungen begründet.

Allein und verzweifelt - so fühlt man sich auch als Spieler in 'Hellblade'

Das Spiel versteht es gekonnt, den Frustrationslevel seiner Spieler in die Höhe zu treiben. Es gibt rein gar keine Hinweise darauf, wie man überhaupt spielen muss: Weder ein Kampf-Tutorial noch eine Erklärung der Speicher-Funktion und auch keine Anhaltspunkte, was im Spiel echt ist und was nicht. Hellblade stürzt einen in permanente Selbstzweifel. So kann Senua Angriffe im Kampf eigentlich abblocken, aber der Charakter reagiert nicht immer auf meinen Befehl.

Zuerst dachte ich, dass der Knopf an meinem Controller defekt sei, doch auch mit einem anderen Keyboard verbesserte sich die Situation nicht. Ich scheine mit dem Problem völlig allein dazustehen, denn bisher habe ich online noch keine weiteren Berichte darüber gefunden – ein sehr frustrierendes Gefühl. Außerdem sterbe ich sehr oft.

Dabei ist es gerade bei diesem Spiel sehr wichtig, nicht zu sterben. Denn mit jedem Tod wird Senua immer stärker von einer Fäule befallen, die im Spiel als "dark rot" bezeichnet wird und sich über ihren gesamten Körper ausbreitet. "Wenn die Fäule Senuas Kopf erreicht, ist ihre Mission vorbei. Dann wird dein Spielfortschritt verloren sein", das zumindest behauptet der Spielehersteller Ninja Theory.

Ninja Theorys große Lüge um den Tod

Diese unheilvolle Ansage erhöht noch den Druck, der mit jedem Tod einhergeht, denn sie suggeriert, dass Hellblade dein gespeichertes Spiel löschen wird, wenn du zu oft stirbst. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass diese Ansage eine leere Drohung ist. Die Redaktion von PCGamesN hat die Todesfunktion ausgereizt, indem sie Senua immer und immer wieder gegen den stärksten Gegner antreten und verlieren ließen. Nachdem auch nach dem 50. Tod keine Konsequenzen folgten, bezeichnete PCGamesN Ninja Theorys Ankündigung, Spieler zu löschen, als "Bluff".

Doch andere Gamer sind sich da nicht so sicher. Einige Redditor vertreten die Theorie, dass das Spiel den Zähler des "dark rot" an jedem Checkpoint zurücksetzt. Diese Checkpoints sind im Spiel so dicht gesät, dass es fast unmöglich ist, komplett zu verlieren. Ich habe bisher von niemandem gehört, der tatsächlich im Spiel gelöscht wurde. Trotzdem ist die unsichere Situation sehr stressig und verwirrend, denn es könnte gut sein, dass der Entwickler die Spieler absichtlich anlügt. Das lässt mich auch an allem anderen zweifeln, was ich bisher von Ninja Theory über das Spiel gehört habe. Und genau um diese Verunsicherung geht es.

Bild: Ninja Theory

Das Spiel ist frustrierend – und das ist vom Spielemacher so gewollt

Hellblade ist nicht das erste Spiel, das sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigt oder den Spieler absichtlich verwirrt. Der Boss-Fight mit Psycho Mantis in Metal Gear Solid versetzte Spieler in Panik, indem plötzlich ihre Memory Card vorgelesen wurde und ihr Fernseher verrückt spielte. Auf dem Gamecube gaukelte Eternal Darkness Gamern vor, dass ihre Dateien gerade gelöscht wurden. Sowohl in Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth, Darkest Dungeon, und Bloodborne ist die geistige Gesundheit des Charakters für den Fortschritt des Spiels von Bedeutung.

Ninja Theory geht jedoch noch einen Schritt weiter. Der Entwickler möchte Spieler in die Lage einer Person versetzen, die unter einer Psychose leidet. Die vermeintliche Lüge über den endgültigen Tod, die fehlerhafte Steuerung und die widersprüchlichen Ratschläge von Nebencharakteren sind Teil dieses Gesamtbildes. Das Endergebnis ist frustrierend und macht oft nur wenig Spaß – das ist vom Spieleentwickler so gewollt.

"Die Protagonistin leidet unter einer Psychose, sie hat Depressionen und Angstzustände. Ihre 'Reise in die Hölle' ist ein Ausdruck ihrer geistigen Erkrankung", erklärte der Entwickler Dominic Matthews von Ninja Theory gegenüber Motherboard bereits 2015. "Wenn man Spieler in die Position einer psychisch kranken Person versetzt, können sie eher nachvollziehen, was diese Erkrankung bedeutet. Das kann dabei helfen, einige der Stigmata zu durchbrechen, mit denen psychische Erkrankungen belegt sind."


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Bei der Entwicklung des Spiels arbeitete Ninja Theory eng mit Psychologen und Menschen zusammen, die an Psychosen leiden,. Die Psychose-Patienten testeten das Spiel und machten Vorschläge, die Ninja Theory dabei halfen, Senuas Erfahrungen mit der Krankheit so realistisch wie möglich zu gestalten. In jeder Kopie von Hellblade ist auch eine 25-minütige Dokumentation über den Entstehungsprozesses des Spiels enthalten.

Ein Teufelskreis

Da psychische Erkrankungen in meiner eigenen Familie eine Rolle spielen, kamen mir viele Situationen im Spiel vertraut vor. "Du denkst, dass du die Dunkelheit besiegen kannst", raunt die Stimme im Spiel, "Dass du sie verstehen kannst. Doch sobald die Erleichterung einsetzt, schlägt die Dunkelheit aus dem Nichts wieder zu und wirft dich zurück in den dunklen Sog. Deine Gedanken ertrinken in Angst und du wirst immer tiefer in den Abgrund gezogen, so tief, dass es diesmal vielleicht kein Zurück mehr gibt. Mit jedem Kampf wird die Dunkelheit stärker. Jeder deiner Siege bringt dich auch näher an die Niederlage. Ziemlich unfair, oder?"

In der Tat fühlt sich dieser Teufelskreis sehr ungerecht an. Denn oft tragen Menschen mit psychischen Erkrankungen einen erbitterten Kampf in ihrem eigenen Kopf aus, der sie ihr gesamtes Leben über begleitet. Selbst wenn sie einige Jahre völlig ohne Symptome leben, könnte die nächste psychotische Episode jederzeit durch Kleinigkeiten wie ein bestimmtes Lied im Radio wieder ausgelöst werden.

Von all den Büchern, Filmen und Fernsehserien, die sich mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen, schafft es Hellblade: Senua's Sacrifice am treffendsten, dieses Gefühl zu rekonstruieren. Allein darum ist das Spiel großartig – selbst, wenn das Spielen nicht immer Spaß macht.

Bei Depression oder akuten Selbstmordgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und das eigene Leid lindern helfen. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar.