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Der Speiseeisboykott der NPD: Gegen die Zionisierung von deutschem Vanilleeis

Wurde die NPD in Trier von einem brillanten Satiriker gekapert oder ist der Ben & Jerry's-Boykott-Aufruf antisemitischer Neonazimüll?

Stefan Lauer

Stefan Lauer

Foto: Imago/Karina Hessland

Am 17. Juli veröffentlichte die NPD-Trier auf ihrer Facebook-Seite eine überraschende Information. Es stellt sich nämlich heraus, dass Safet Babic, Kreisvorsitzender der NPD-Trier, gerne liest. Und zwar die Jüdische Allgemeine. Er verlinkt nämlich einen Artikel über Ben & Jerry's und Häagen-Dasz.


Safet Babic hat bei der Lektüre dieses Artikels Schockierendes herausgefunden: Die jüdische Weltverschwörung verdient sich eine „goldene Nase" am Eisgenuss des deutschen Volkes! Weil Ben & Jerry's und Häagen-Dasz wurden jeweils von Juden gegründet. Babics Post ist dabei ein Meisterstück der codierten Sprache, die Neonazis und andere Rechte so gern benutzen. Er schreibt nicht einmal offen, worum es ihm hier eigentlich geht („Kauft nicht bei Juden" dürfte dem ziemlich nahekommen), sondern redet lieber nur um den antisemitischen Brei herum:

„[Ü]berteuerte Preise und raffinierte Kreationen hätten Hinweis genung sein müssen, dass es sich um Nobelmarken für ,Auserwählte' handelt." (Rechtschreibung wie im Original)

Oder um das ganze ohne Codes auszudrücken:

Juden scheffeln Geld mit Luxusprodukten und ziehen den guten Deutschen das Geld aus der Tasche. Zuerst schaffen sie „raffinierte Kreationen", an sich offenbar schon ein Schlag ins Gesicht arischer Eis-Afficionados (Ein guter Deutscher leckt nur Vanille! Alles andere ist entartetes Eis!) und dann verkaufen sie sie auch noch! Schlimm sowas.

Safet Babic, Kreisvorsitzender der NPD-Trier und kein Freund von Speiseeis | Screenshot YouTube

Aber das ist ja noch lange nicht alles. Babic hat den Artikel auch noch weiter gelesen und hat herausgefunden, dass der Name Häagen-Dasz einfach erfunden ist! Erfunden! Wo soll das nur hinführen mit diesen Juden? Der Schritt vom antisemitischen Klischee zur Holocaustleugnung ist kein großer. Einem „Volk", das es bei der Wahrheit angeblich nicht so genau nimmt, ist schließlich alles zuzutrauen: Man sieht schon die Schlussfolgerung im Hirn des gemeinen NPD-Wählers: „Zuerst erfinden sie den Namen einer Eiscreme-Firma und dann den Holocaust!" Schon unter Günther Decker, Parteivorsitzender zwischen 1991 und 1995, gehörte Holocaustleugnung zum Standardrepertoire und Udo Voigt, damals Vorsitzender der NPD, machte spätestens 2007 Holocaustleugnung in der Partei salonfähig, als er in einer Monitor-Sendung sagte: „Sechs Millionen kann nicht stimmen. Es können maximal 340.000 in Auschwitz umgekommen sein." Weiter geht es dann damit, dass der Grund für diese angeblich hochgeschraubten Zahlen folgender ist: Je mehr Ermordete der Holocaust gefordert hat, desto mehr Geld müssen „wir" zahlen, denn: „[...] es ist natürlich ein Unterschied, ob wir für sechs Millionen zahlen oder für 340.000. Und dann ist auch irgendwann die Einmaligkeit dieses großen Verbrechens—oder angeblich großen Verbrechens— weg."

Abgesehen von der Überschrift zu Babics Post „Achtung! Sommerfalle: Kein Cent für das zionistische Eis-Kartell!" geht es in seinem gesamten Text nicht einmal um Zionismus. Normalerweise bietet Antizionismus ein gern genutztes Deckmäntelchen für antisemitische Parolen, wie es Babic im letzten Jahr bewiesen hat. Aber abgesehen vom Feigenblatt in der Überschrift braucht er nichtmal mehr das. Dass die Gründer der beiden Marken jüdisch sind, reicht schon, um zum Boykott aufzurufen, bei der NPD-Trier muss man anscheinend nicht mal mehr so tun, als würde man Juden „nur" hassen, weil man Probleme mit der israelischen Politik hat.

Leider war kein Verantwortlicher der NPD-Trier zu erreichen, deswegen bleiben am Ende nur zwei Erklärungen für diesen Post übrig. entweder ist Safet Babic der König der Polittrolle und wurde von Die Partei in die NPD eingeschleust, um sie mit gezielter Performance-Kunst noch lächerlicher zu machen, als sie ohnehin schon ist. Oder aber die NPD ist eine antisemitische, extremistische Kartoffel-Vereinigung, die die Geisteshaltung der NSDAP ins 21. Jahrhundert transportiert. Wir vermuten eher Letzteres.

Stefan ist auch auf Twitter Pro-Eiscreme.


Titelfoto: Imago/Karina Hessland