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Tech

Der Kernfusionsreaktor im Hobby-Keller

Wir haben den DIY-Waffenschmied Doug Coulter getroffen, der in seiner abgeschotteten Werkstatt im Hinterland Virginias am Traum von autarker und sauberer Fusionsenergie arbeitet.
09 März 2014, 9:16am

Es gibt Menschen, die gehen tagein tagaus ins Büro—schlicht und ergreifend, weil sie sich keinen anderen Platz zum Arbeiten für sich vorstellen können. Ich fürchte, ich kann mich selbst nicht ganz ausschließen von denjenigen, die gelegentliche anarchischen Gedanken gegen eine einträgliche und bequeme Alltagsroutine getauscht haben. Doug Coulter jedoch ist definitiv kein Arbeiter von dieser Sorte.

Ursprünglich hat Doug in der privaten Sicherheitsindustrie in Washington gearbeitet, wo er an der Entwicklung von Abhörapparaten und Signalverarbeitung für unseren liebsten Nachrichtendienst NSA mitgewirkt hat. In den vergangenen Jahren geht Doug seiner Vorliebe für Technologie und Wissenschaft aber in seinem Zuhause in den isolierten Wäldern Virginias nach—ohne einen nervtötenden Chef oder eine mühsame Bürokratie.

Inzwischen wird Doug schon lange nicht mehr dafür bezahlt mit überteuren militärischen und geheimdienstlichen Gerätschaften und Programmen zu arbeiten, sondern ist dazu übergangenen sein eigenes Spielzeug zu entwickeln. Und Doug bezeichnet seine Entwicklungen tatsächlich als Spielzeug—das mag gerechtfertigt sein, aufgrund seines diebischen Spaß in der Werkstatt, aber seine Geräte selbst gehen über gewöhnliche Hobbybasteleien weit hinaus. Allerdings ist Doug auch kein gewöhnlicher Typ.

Seine Vorliebe für das Schmieden von Waffen entdeckte er, nachdem er seinen Crystal-Meth-Süchtigen Mitbewohner, der ständig nervös am Abzug seiner zahlreichen Schusswaffen herumhantierte, rausgeschmissen hatte und dessen Knarren kurzerhand beschlagnahmte. Da Virginia einer der waffenfreundlicheren Staaten der USA ist, wurde Doug schließlich schnell zu einer populären Anlaufstelle in der Region. Und statt sein Wissen für sich zu behalten, hat er einfach ein gutbesuchtes Open-Source Forum für Waffen und Munition aufgebaut.

Seine spannendste Entwicklung ist aber wohl sein selbstgebastelter Fusionsreaktor: Doug verfolgt seine Mission nach einer unbegrenzten Quelle sauberer und autarker Energie zu forschen in einer überladenen Werkstatt, die er seinen „Schuppen voll von kreativem Chaos" nennt. Der vollgestopfte Raum befindet sich im Eingangsbereich seines Hauses unmittelbar unter seinem Schlafzimmer.

Nukleare Fusionsenergie—also die Gewinnung von Energie bei der Fusion von Atomen und nicht bei ihrer Spaltung—ist ein lange gehegter Traum von Physikern und Fans sauberer Energie. Auch wenn erst kürzlich große Fortschritte beim Hervorrufen von Fusionsreaktionen gemacht wurden, bleibt ein funktionierender Fusionsreaktor eine ferne Vision. Der Kernfusionsreaktor ITER beispielsweise, der seit 2007 in Südfrankreich gebaut wird, soll ab dem Jahr 2027 seine ersten Experimente mit Tritium und Deuterium durchführen. Die Baukosten sind jedoch längst schon zwischen den beteiligten Nationen der globalen Wissenschaftsallianz umstritten, und das Projekt liegt weit hinter seinem eigentlichen Zeitplan zurück.

Doug dagegen behauptet, dass sein selbstgebauter Fusionsreaktor das Potential hat den Ansprüche an den Heiligen Gral autarker Energieproduktion zu genügen. Er hofft eines Tages den Punkt zu überschreiten an dem seine Anlage mehr Energie erzeugt als hineingesteckt wird. Angesichts der enthusiastischen Proklamationen von Doug scheint ein wenig Skepsis durchaus angebracht—auch wenn er nicht der einzige ist, der DIY-Reaktoren baut.

Wenn es nach Doug geht, dann könnten seine Anstrengungen sich immerhin insofern lohnen, als dass es ihm gelingt die milliardenschwere Energieindustrie wütend zu machen. Unabhängig davon wie realitätsnah sein Projekt sein mag, hat Doug für sich selbst längst entschieden, dass ihm saftigen Gehälter nicht genügen. Er verfolgt seine ambitionierten Entwicklungen lieber in seiner eigenen abgeschotteten Werkstatt und teilt von dort aus seine Open-Source-Philosophie mit dem Rest der Welt—wenn er nicht gerade die Isolation und Ruhe der Wälder Virginias genießt.

Outsiders ist eine Motherboard-Kolumne über Bastler und DIY-Maschinenbauer, die ohne die Unterstützung von Unternehmen oder staatlichen Institutionen außergewöhnliche Apparate entwickeln und ihre wissenschaftlichen Visionen verfolgen.

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