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Die Basler „Stadtnomaden“ sind bedroht!

Noch im Dezember besuchten wir den Wagenplatz von Basel, um den Alltag fotografisch festzuhalten. Begeisterten uns dann noch der Innenausbau, die Gärtchen, der Klo-Komfort, die Sauna und die Aluguss-Experimente, lesen wir im Januar in der Tageswoche...
21 Januar 2014, 3:00pm

Die Wagenplatz-Bewohner wurden von der BaZ einmal „selbsternannte Stadtnomaden" genannt. Stadtnomaden sind sie aber nicht (nur) selbsternannt, denn die Stadtverwaltung treibt sie seit zweieinhalb Jahren vor sich her: Erst wohnhaft in Wassernähe an der Uferstrasse mussten sie in einen schattigen Hinterhof umziehen. Mit den Zwischennutzungen auf dem NT-Areal hat auch der Wagenplatz dort geparkt. Das NT-Areal wurde geräumt und wiederum mussten PKWs und Traktoren an die Wägen gespannt werden—das Nomadenleben ging weiter. Nach einigen Kurzstationen zog der Wagenkonvoi zurück an die Uferstrasse. Die Versuche der Stadt Basel, das Hafenareal zum neuen, das rotgrüne Lebensgefühl tragenden, weder Industrie noch Gewerbe störenden Zwischennutzungsgebiet umzugestalten, verschleppten sich. Der Wagenplatz zügelte zurück ins Ursprungsquartier—ohne Bewilligung. Seit Mai 2013 sind die Stadtnomaden wieder da.

Die Aussicht im Hafenareal wird 2014 aber nicht von den Betonbauten der Pharma-Industrie getrübt: „Wir wollen dann einfach nicht in den Medien lesen, was wir selbst nicht offiziell wissen." Ahja. Für diesen Satz erhielten wir noch im Dezember 2013 keine Autorisierung von Wagenplatz-Seite. Was aber schon immer wusste, wer sich nicht als jugendlicher Hauptorganisator von Jungbürgerfeiern verdingt; jeder Freiraum ist bedroht. Das weiss jetzt auch die Tageswoche. Die Stadt erweitert ihr Arsenal an genehmigt-geförderten Zwischennutzungen. Der Wagenplatz, der die Behörden derart stört, dass sie das Verfahren lieber schnell und intransparent durchziehen, muss weg. Seine Zukunft ist bedroht. Jeder Partikel an selbstbestimmtem Raum bedroht. Das gilt für die ganze Schweiz und wohl noch ein Molekülchen mehr für Basel.

2013 war ein schlechtes Jahr für Besetzungen hier: Anfang Februar brannte die Villa Rosenau. Nur fünf Tage später fuhren die städtischen Bulldozer an. Nach fast 10 Jahren verlor Basel sein einziges autonom verwaltetes Kulturzentrum. Das machte die lokalen Teenies traurig, und ebenso die, die dort lebten und nicht nur zum 14-tägigen Ausbruchskonzi mit dem 11er-Tram zur „Villa" gefahren sind.

Einen kurzen Monat lang haben sich Basler Besetzer in die Agglo begeben und den ehemaligen Schiessplatz Allschwil besetzt. Obwohl sogar Allschwiler Bauern einen freundlichen Umgang mit den neuen Bewohnern pflegten, wurde das Gebäude geräumt und abgerissen. Jahrelang wurde nicht reagiert—kaum leben Leute da, fahren die Bagger vor. Im Juli fand in Basel ein wahrer Besetzungsmarathon statt, wie das anti-gentrification Portal Recht auf Stadt schreibt: Binningen, Riehen und der Petersgraben 20. Ironischerweise wurden die Agglo-Besetzungen nach zwei Stunden geräumt. Die Besetzung im Petersgraben 20, in einem Altstadthaus in der gleichen Strasse wie Uni-Rektorat und Berufsverband der Pharma-Firmen, beendeten freundliche Polizeibeamte erst nach Monaten. Geblieben ist der Wagenplatz an der Uferstrasse. Ja: Die „einzige, erfolgreiche Nutzung im Hafenareal" ist einer der letzten Freiräume von Basel!

Wenn der Wagenplatz weiterziehen muss, verliert der Hafen nicht nur seine Anziehungskraft. Stadtentwickler, die den Wagenplatz womöglich als experimentelles Terrarium sehen bis ihr Rheinhattan gebaut wird, sind uns eh egal. Die Geschädigten sind auch nicht all die Basler, die den Familienspaziergang an Weihnachten durch die Uferstrasse gelenkt haben, um den Ostschweizer Verwandten zu zeigen, wie offen man am Rheinknie doch ist. Es geht um die Wagenplatz-Bewohner. Sie wollen anders leben als die Ostschweizer Verwandten und anders leben als die Basler Bürger: In einer eigenen gemeinschaftlichen Lebensform, in einer solidarischen Gruppe, als Miteinander: „Alles, was man hier macht, macht man langsamer aber umso bewusster. Das Leben ist viel intensiver."

Wenn der Wagenplatz geräumt wird, vertreibt die Stadt einmal mehr die Menschen, die anders leben wollen und es auch tun. VICE schätzt Bio-Bistros und Kreativ-Cafés, aber der Lebensmittelpunkt von zwölf Menschen ist wichtiger als Latte Macchiatto.