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Bis so guet

Früher kannte ich wenigstens noch Arschlöcher

Wo geht es denn hier aus der Blase? Was wir links-grün-netten Studis, Freaks und Social Media-Theoretiker von LSD-Trips lernen können.
9.1.14

Foto von dry hundred fear

Es gab eine Zeit, die fühlt sich längst vergessen an: Der Kindergarten. Im Kindergarten haben mich meine Eltern zur Seite genommen. „Alle Kinder müssen eine Mutprobe machen", haben sie gesagt. Und da war eine Kanone. Und dann wurden alle Kinder durch eine Kanone geschossen. Nacheinander. Als ich gelandet bin, habe ich Fell gespürt. „Hamster!", laut den Umstehenden war das meine erste Regung seit fünfzehn Minuten. Die Hamster waren bunt. Nach einigen Minuten auf dem Fussabtreter eines Mittelland-Mittelstandhauses war ich wieder runter. Das war mein erster Tripfilm auf [Salvia](http:// http://de.wikipedia.org/wiki/Salvia_divinorum).

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Auf meinem ersten LSD-Trip bin ich über die deutsche Grenze und gleich weiter über die französische Grenze gelaufen. Ich habe Dörraprikosen gegessen und die Enten auf dem Rhein beobachtet. Ich hatte Freude an Lichtern. Das war das Hauptgesprächsthema: „Wir sind die, die Lichter mögen." Wir, das waren zwei Idioten auf LSD. Wir mussten an einer Weichensteuerung im Güterbahnhof rumspielen. Wir waren die LSD-Blase. Wir wussten, dass wir was genommen hatten und wussten, dass die anderen das nicht hatten. Wir reflektierten über Dörraprikosen, Strassenlichter und die Paranoia, dass die Zollbeamten und die ganzen Samstagseinkaufs-Freaks auch wussten, dass wir auf Drogen waren. Es war kein Thema, wenn ich eine Brennnessel streicheln wollte. Voll okay—boys being boys, freaks being freaks and nettles being nettles. (Ja, Brennnessel auf Englisch musste ich googeln.)

Foto von postbear eater of worlds

Schon länger komme ich aus einer anderen Blase nicht mehr raus: In der Uni sind Professoren enttäuscht, wenn sie es nicht auf die Linken-Abschussliste der Weltwoche geschafft haben. Alle kaufen, kochen oder servieren fair gehandelte Bioprodukte. Natürlich servieren sie nur, um auf ihre Tageskalorien zu kommen, denn eigentlich machen alle lieber Siebdruck. Eigentlich häkeln alle lieber Käppchen für überteuerte Smoothies, die uns mit ihrem friedlichen Tripblasen-Smiley anlächeln.

Eigentlich arbeiten alle beim Mitmachradio fürs Mittelland, bei der Gesellschaft für bedrohte Völker oder als Mitheuler an Demonstrationen von PKK-Nachfolgeparteien. Meine Facebook-Pinnwand bringt mir täglich einen Auszug aus der Tolstoj-Saga der (irgendwie) linken, (irgendwie) kreativen und (wohl auch irgendwie) jungen Schweiz: Menschenrechte! Romarechte! Behördenskandal! Rechte Propaganda! Rechtsputsch in Bogota! Rechtsrutsch im Säuliamt! Nimm die Romakinder an die Hand!

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Es gab eine Zeit, in der hatte der glatzköpfige SVP-Gemeinderat meiner Mittellands-Homebase „Geht es dir nicht gut? Kann man was machen?" an meine Pinnwand gepostet, wann immer ich morgens um drei besoffene Wortspiele in die Welt gejault hatte. Dieser Gemeinderat fährt einen Manta mit Redneck-Longhorns als Deko. Ich vermisse ihn nicht als Facebook-Freund. Ihn und um die 700 weitere potenzielle „Gefällt mir"-Klicker habe ich vor zwei Jahren gelöscht, weil ich diese Blase, diesen Just in Time-Kontakt mit der Welt nicht mehr wollte. (Und weil darunter ein Haufen Jugendtreffkids gewesen ist, der meine besoffenen Statusnachrichten mitlesen konnte.) Aber diese Löschaktion hat es noch schlimmer gemacht: Leute, die ich mag sind Leute, die dasselbe wie ich mögen, die das mögen, was ich mag, die mit mir das machen, was ich mache und die sich—wie alle Menschen—über Gerhard Blocher einen ablachen.

Foto von Jonathan Kellenberg

Wenn ich einen Film schaue, kann ich ihn geniessen. Ein Salvia-Trip ist wie ein Film. Wenn ich in eine LSD-Blase trete, kann ich sie nur geniessen, weil ich weiss, dass sie vorbeigeht, dass es ein Leben ausserhalb gibt. In meiner sozialen Blase gibt es kein „Aussen" mehr: Die Faschos hier sind so lächerlich, dass man sie als Stadtoriginale abtut. Ich lebe in der wohligen Sozial-Schizophrenie, im studentischen Loch, in dem auch nach dem dritten Joint noch über Foucault und Habermas geschwafelt wird.

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In meiner Nischen-Blase ist es schön. Umgenutzt-rostende Biobistros servieren tolle Auberginenpanini und sie liegt nah genug am Dreiländereck, um das Land nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative in zehn Minuten zu verlassen. Ich weiss aber, dass es ein Aussen geben muss, dass das nicht die Welt und nicht die Schweiz ist. Und ich will diese Aussenwelt wieder einmal spüren.

Die Schlagersahne-Schweiz. Die Leistung-muss-sich-lohnen-Schweiz. Die Ich-geh-nur-heimlich-im-Ausland-einkaufen-Schweiz. Ich meine euch ICF-Fundis und Pop-Christen. Ich meine euch Kanalreiniger, Plattenleger und Züriberg-Rich Kids. Ich meine euch UBS-Kundenberater, Sexkino-Kassiers und Schlagerfans. Nicht zu vergessen die Typen, die ihre Löhne in Boden-UV-Röhren für ihre Audis verschleudern—euch kenne ich wirklich nur aus dem Blick am Abend. All ihr Leistungsgesellschafter. Schreibt mir, dass es euch gibt!

Kommentiert, schickt mir Hass- und Hetznachrichten, Weltwoche-News und weshalb wir alles faule, linke Kiffer sind, die von Wirtschaft keine Ahnung haben. Ich muss aus der Blase raus—hier drin haben sich alle wunderbar gern.

Wo die Leute aus meiner Blase ihr Wochenende verbringen, wenn sie nicht in der Agglo trippen:

Am Donnerstag nehmen wir die Selbstbezeichnung „Dance-Trip" vielleicht allzuwörtlich und besuchen die Tanzperformance „Ghost Exercise" von Yasmeen Godder & Itzik Giuli in der Kaserne Basel. Ansonsten kippen wir eins hinter die Binde an der Barty in der Kiste. Falls wir um 16 Uhr schon so kaputt sind, dass wir kaum noch stehen mögen, gibt es harten Offspace im Kunstraum Aarau oder im Up State. Kleines, grosses Kino gibt es beim Norient Film Festival in der Reitschule.

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Freitag ist der Tag des Fremdländischen. Da gibt es Kairoer Electro in der [Turnhalle](http:// http://www.turnhalle.ch/), Hertz in der Büxe oder Snowgoons in der Kanzlei. Oder wir schauen uns die kreativen Kuriositäten am Visit Hypermarché des Institut Hyperwerks der HGK Basel an, bevor wir an der Red Night im SUD, einer Russen-Disko, dem latenten Sowjetmenschen in uns zu prosten. Nastrovje.

Samstags tanzen wir an der Jane Fonda Night im Hirschi den Festtagsspeck weg. Was gibt es freakigeres als eine 80iesAerobic-Disco im Keller eine linken Genossenschaftsbeiz? Oder wir senken unsere Ansprüche um noch ein paar Prozent mehr und gehen an die PLAYBACK IS A BITCH TOO-Night im Coq D'Or in Olten. Noch rüder wirds an der Fonduekotze im Gaswerk oder an der too drunk to punk im Mundwerk.

Am Sonntag schmelzen wir mit Maria Doyle Kennedy im El Local, oder wir vibrieren mit [Fabrikjazz](http:// http://www.rotefabrik.ch/de/fabrikjazz/eventdetail.php?id=19299) im Walcheturm.

Montags lachen wir uns einen ab: Comedy in der Zukunft.

Und am Dienstag geben wir's uns unplugged in der Hafenkneipe oder im [Henrici](http:// http://www.cafe-henrici.ch/). Und für alle, die immer und überall zu spät sind, gibt es die letzte Gelegenheit für die Photo14.