Ich war eine Woche lang als AfD-Anhänger auf Facebook

Und habe dabei mehr über mich gelernt als über die AfD.

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Nov. 23 2016, 1:20pm

Seit ich vor drei Jahren aus Schottland nach Berlin gezogen bin, habe ich viel über die AfD gelesen. Aber ich bin nicht einmal in die Nähe von jemandem gekommen, der unterstützt, wofür diese Partei steht. Vielleicht liegt das an Berlin. Vielleicht an meinem Freundeskreis, für den Begriffe wie "Volk" und "Patriotismus" fast schon Schimpfworte sind. Vielleicht auch daran, dass ich Ausländerin bin: Warum würde auch ein Deutscher, der Einwanderer ablehnt, Zeit mit mir verbringen wollen? In meinem Berliner Leben und meinem Facebook-Feed existiert die AfD nicht. Aber wenn Berlin so liberal und cool wäre, wie ich immer gedacht habe, dann wäre die AfD nicht mit 25 Abgeordneten ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen. Und wenn Deutschland so nett zu Einwanderern wäre, wie ich (und Merkel) immer dachte, würden nicht zwischen 10 und 15 Prozent der Deutschen angeben, die AfD bei der nächsten Bundestagswahl wählen zu wollen. Wären jetzt Wahlen, wäre die AfD drittstärkste Kraft.

Es ist verlockend, dieses andere Deutschland als Horde dummer Mitläufer abzutun. Aber wenn ich Deutschland verstehen will, muss ich auch diese Menschen verstehen. Dass ich nicht hier aufgewachsen bin, verkompliziert die Sache: Ich habe keinen Großonkel oder ehemalige Klassenkameraden, die die AfD wählen. Was ich aber habe: Facebook und das Internet. Eine Woche lang werde ich als ein AfD-Anhänger auf Facebook unterwegs sein.

Das Alter Ego der Autorin: Lennard Krahl, 33, Steuerberater aus Halle | Alle Fotos: Screenshots

Donnerstag

Weil es unrealistisch ist, dass ich als Britin, und somit Ausländerin in Deutschland, ausländerfeindlich bin, lege ich mir ein AfD-freundliches Alter Ego zu: Lennard Krahl, 33 Jahre alt—also jung und männlich, wie die Mehrheit aller AfD-Wähler. Er kommt aus Halle in Sachsen-Anhalt, wo die AfD mit spektakulären 24 Prozent im Landtag vertreten ist, und ist selbstständiger Steuerberater. Seine Persönlichkeit stelle ich mir vor wie eine Mischung aus dem deutschesten Mitpraktikanten, den ich je hatte, und meinem grummeligen Hausmeister, von ihnen erbt er den Nachnamen und den Vornamen. Ein Foto von mir lade ich nicht hoch—das machen viele Menschen nicht, die auf Facebook-Seiten von der AfD, Frauke Petry, Compact, Zuerst!, Junge Freiheit und Pegida kommentieren. Ich like all diese Seiten und trete außerdem ein paar Facebook-Gruppen bei: für Patrioten, gegen Merkel, gegen Multikulti und gegen Flüchtlinge.

Wenn Facebook mein Fenster zur Welt wäre, würde ich ein ziemlich düsteres Bild von Deutschland sehen. Das Land, das ich in dem Newsfeed zu sehen bekomme, ist trist und gefährlich. Regiert von einer unfähigen Kanzlerin, überrannt von Flüchtlingen und ahnungslosen Gutmenschen. Teilweise wird so heftig gegen Politiker und "Lügenpresse" gewettert, dass ich Angst bekomme, was passiert, wenn ich diesen Text unter meinem echten Namen veröffentliche. Man kann ziemlich schnell meine Adresse und meinen Arbeitsplatz ergoogeln. Der Aufruf, mit Mistgabeln gegen die Presse vorzugehen, ist zwar schon ein Weilchen her, aber es wäre nicht das erste Mal, dass Journalisten auch im echten Leben bedroht werden. Deswegen schreibe ich diesen Text als Jane Miller.

Heute ist die AfD verärgert darüber, dass eine hessische Schule ihren Zöglingen erklärt, dass Gender ein soziales Konstrukt ist. Das sei "Frühsexualisierung der Kinder". Oh. Wer hätte gedacht, dass die Frage, ob Gender angeboren oder konstruiert ist, ein Aufreger sein kann, fast 26 Jahre nach dem Erscheinen von Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter. Das ist so, als würde jemand über Spoiler zur Red Wedding in Game of Thrones wettern—über drei Jahre später.

Währenddessen postet "Multikulti? Nicht mit uns" etwas, das so aussieht wie ein Karaoke-Video auf LSD, nachdem man in Mein Kampf geblättert hat.

Die Melodie: "Am Tag als Conny Kramer starb". Der Text beklagt den Tod von Deutschland. Der Refrain: "Das Jahr, das uns den Frieden nahm—sie kamen zu Millionen". Dazu Bilder von Flüchtlingen. Ich habe von solchen irren Videos gehört. Aber so etwas landet nie in meinem Feed. Die AfD-Anhänger sind in ihrer Blase und ich in meiner. Was es ziemlich einfach macht, so zu tun, als würde es die AfD nicht geben. Aber ob ich es wahrhaben will oder nicht, diese Leute stehen für Deutschland genauso wie der Kumpel, der in seiner Jugend in Rostock gegen Neonazis gekämpft hat.

Freitag

Die AfD empört sich über die Statistik, laut der 20 Prozent der Mütter in Deutschland Ausländerinnen sind. Ich finde das paradox. Sachsen, das Geburtsland von Pegida, hat die höchste Geburtenrate unter allen deutschen Bundesländern und den geringsten Anteil an Ausländern. Währenddessen stagniert Berlins Geburtenrate seit Jahren, auch wenn bald jeder dritte Berliner einen Migrationshintergrund hat. Überhaupt: Laut Geburtenvorhersagen vom letzten April wird Deutschlands Bevölkerung bis 2060 um zehn Millionen Einwohner schrumpfen. Die Angst der Rechten vor hohen Geburtenraten der Einwanderer ist so, als würde sich ein Mann in der Wüste vor dem Ertrinken fürchten.

Eine Diskussion mit den Menschen, die sich vor solcher Überfremdung fürchten, würde sich lohnen. Aber kaum jemand, den ich kenne, tauscht sich mit AfD-Anhängern aus. Heute habe ich mich in einem Berliner Café durch die Facebook-Seite der AfD geklickt. Die Leute, die an mir vorbeigelaufen sind, warfen mir abschätzige Blicke zu. Aber keiner hat versucht, mit mir über meine vermeintliche politische Einstellung zu sprechen. Alles, was ich bekam, war Verachtung. Diskussionen gab es nicht. Was es den AfD-Anhängern einfach macht, sich für eine gepeinigte Gruppe von unabhängigen Freidenkern zu fühlen. Lennard Krahl und ich leben in Parallelwelten, die nichts miteinander zu tun haben. Ich beschließe, ein paar Menschen, die auf den Seiten kommentieren, Freundschaftsanfragen zu senden. Ich will verstehen, wie sie denken.

Samstag

Am nächsten Morgen klicke ich mich durch das Profil einer Dame, die meine Freundschaftsanfrage angenommen hat. Abgesehen von ihren Likes für acht verschiedene "patriotische" Facebook-Gruppen wirkt sie völlig normal: Die Leipzigerin freut sich auf ihren "Mädelsabend", singt in einem Chor, arbeitet in einem Buchladen und begeistert sich für Lokalgeschichte. Ein paar Gruppen nach zu urteilen, die sie interessieren, scheint sie offen und glücklich bisexuell zu sein. Das ist nicht das, was ich von jemandem erwartet habe, der eine Leitkultur herbeisehnt. Außerdem kommen ihre Freunde aus der ganzen Welt. Wie kann man indische und türkische Freunde haben und gleichzeitig in einer Anti-Multikulti-Gruppe sein?

Anderseits: Eine schnelle Recherche ergibt, dass die AfD in Sachsen bei den Landtagswahlen 2014 9,7 Prozent der Stimmen geholt hat. Das sind sehr viele Menschen. Menschen, die in Chören singen, Ehrenämter haben und Romane mögen.

Ich merke, dass ich es mir bisher ziemlich einfach gemacht habe, AfD-Anhänger als eine Gruppe von weltverschlossenen Einfaltspinseln abzutun. Und auch ungebildet und frustriert sind sie nicht unbedingt. Die AfD ist nämlich keine Protestbewegung einer abgehängten unteren Schicht. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln gehören 34 Prozent aller AfD-Sympathisanten zum reichsten Fünftel der Bevölkerung.

Klar, die Rechtschreibung in vielen Kommentaren lässt selbst mir als Ausländerin die Nackenhaare aufstellen. Aber das sind bei Weitem nicht alle. Es sind auch Lehrer und Rechtsanwälte darunter. Und auch wenn sie diesen irren Seiten folgen—sie alle als verwirrte Gesellschaftsverlierer abzustempeln, war falsch. Denn wahrscheinlich passiert auf der anderen Seite genau dasselbe: Meine Freunde und ich werden von Anfang an als linke Arroganzbolzen abgestempelt, die AfD-Anhänger sowieso nicht ernst nehmen. Ich habe geglaubt, dass dieses Experiment mir einen Einblick in die Engstirnigkeit von anderen bieten würde, stattdessen merke ich meine eigene. Ich versuche, mit der Buchhändlerin in Kontakt zu treten, aber leider antwortet sie nicht. Dafür hat noch eine halbes Dutzend Menschen meine Freundschaftsanfragen angenommen. Ich schreibe sie an.

Sonntag

Mit ein paar meiner neuen Facebook-Freunde läuft die Unterhaltung ziemlich schnell gegen die Wand. Als ich Maria (Name geändert) frage, ob sie auch Flüchtlingen, die vor dem Krieg fliehen, keinen Schutz gewähren will, schreibt sie:

Auf die Nachfrage, vor was sie sich genau schützen muss, beendet sie die Unterhaltung. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Gespräche mit jemandem, der solche Bilder in seinem Fotoalben hat, wirklich weiterführen:

Aber dann schreibt mich ein Mann Mitte 60 an, nennen wir ihn mal Hans.

Hans postet viele Jesusbilder, engagiert sich in einem Musikverein, arbeitet mit Jugendlichen und hat eine Vorliebe für Fotos von einsamen Landschaften. Er verachtet Merkel, ist Mitglied in der Gruppe "Vladimir Putin Fanclub Deutschland", war bei Pegida-Demonstrationen dabei, feiert die Wahlsiege der AfD und hat einen Hang dazu, alles in GROSSBUCHSTABEN ZU POSTEN.

Da ich als Lennard Krahl unterwegs bin, kann ich mich nicht wirklich mit ihm politisch anlegen. Ich stelle deshalb mehr Fragen, als dass ich meine Meinung sage. Als ich wissen will, was in Deutschland verkehrt läuft, schickt er mir dieses Bild:

Hans findet, dass Deutschlands größte Probleme die folgenden sind: Die politischen Eliten werkeln nur untereinander, Flüchtlinge würden dem Staat zu viel kosten und Medien verdummen die Menschen.

Unter diesem Bild, das er mir schickt, würde ich sogar unterschreiben. Nur dass er und ich vollkommen gegenteilige Medien meinen. Ich glaube, dass in den Medien und Gruppen, denen er folgt, größtenteils Blödsinn steht. Er glaubt, dass die Zeitungen, für die ich schreibe, lügen.

Ja länger wir reden, desto klarer wird es: Hans und mein reales Ich würden im echten Leben keine Freunde werden. Zu unterschiedlich sind unsere Meinungen und Menschenbilder. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Genau wie ich denkt Hans, dass eines der größten Probleme ist, dass viele Menschen die Politik aufgegeben haben. Und ein ideales Deutschland stellt er sich so vor:

Auch in neige zu einer gewissen Skandinavien-Romantik und finde, dass Deutschland mehr Sozialstaat vertragen könnte. Und als ich ihm die Flüchtlingsfrage stelle, bin ich überrascht, wie differenziert seine Antwort ist.

Was Hans am wütendsten macht, ist das Gefühl, dass AfD-Anhänger nicht ernst genommen werden:

Da muss ich mir an die eigene Nase fassen. Noch vor einer Woche habe ich genauso gedacht. Eines habe ich aus der Unterhaltung gelernt. Hans und ich werden wahrscheinlich niemals den anderen von ihrer Meinung überzeugen könnten. Aber anstatt dieses "Wir gegen die" zu feiern und einander zu verteufeln, wäre es vielleicht sinnvoller, anzuerkennen, dass es auch Gemeinsamkeiten zwischen uns gibt, an denen man ein Gespräch anknüpfen kann.

Montag

Heute muss ein nachrichtenarmer Tag sein, denn Beatrix von Storch kaut linke Vergehen durch, die zwei Jahre alt sind. Sie regt sich über die "Hühnerbrust" von Anne Helm auf, der früheren Piraten- und Femen-Aktivistin, die sich 2014 medienwirksam mit entblößtem Oberkörper vor der Dresdner Stadtkulisse hatte ablichten lassen. Auf ihrer Brust eine Liebeserklärung an Bomber Harris, jenen britischen Offizier, der das Flächenbombardement vieler deutscher Städte angeordnet hat. Heute sitzt Helm im Berliner Abgeordnetenhaus.

Für mich ist das Erschreckendste an der AfD ihre Fähigkeit, Fehler aufzublasen und daraus Verallgemeinerungen anzustellen. So wird aus einem Flüchtling, der vergewaltigt, die Behauptung, dass alle Flüchtlinge Vergewaltiger seien. So wird eine oberkörperfreie Linke zur Stellvertreterin des ganzen linken Deutschlands. Auf der anderen Seite sind wir selbst gegen die gleichen Mechanismen nicht immun. Auch ich habe nur eine Woche zuvor von den AfD-Anhängern gesprochen als Mitläufer, den Ungebildeten? Solange man die Welt in stereotype Gruppen unterteilt, ist es einfach, einander zu hassen.

Dienstag

Ich fühle mich jedes Mal wie bei einer Grippe, wenn ich mich in Lennards Facebook-Account einlogge. Ich scrolle durch seinen Newsfeed und bekomme jeden Tag die gleichen Botschaften eingetrichtert. Die widerlichen Muslime, die Ausländer, die vergewaltigen, und diese Schlampe Angela Merkel. Es macht mich traurig, daran zu denken, dass jeden Tag, jede Stunde Tausende Deutsche diese alarmistischen Nachrichten über Ausländer erhalten. Aber wenn ich den Laptop zuklappe, fühle ich mich meistens wie ich selbst.

Heute habe ich allerdings gemerkt, wie das Experiment in mein echtes Leben überschwappt. Ich sah eine ältere weiße Frau an einem schwarzen Mann vorbeigehen. Er hatte Kopfhörer auf, aber die Musik war so laut, dass man sie trotzdem hörte. Die Frau lief an ihm vorbei, guckte ihn lange an und fuchtelte wild mit den Händen. Etwas Schreckliches passiert in meinem Kopf. Ohne weiter nachzudenken, nahm ich an, dass diese Frau eine von den Leuten ist, deren Kommentare ich den ganzen Tag in der AfD-Gruppen lese.

Es gibt keine Hinweise, dass diese Frau rassistisch oder ausländerfeindlich ist und nicht einfach nur sensibel auf laute Musik reagiert. In dem Moment kann ich mich selbst nicht leiden.

Mittwoch

Ich kann kaum ausdrücken, wie froh ich bin, dass heute mein letzter Tag als Lennard Krahl ist. Aber die Woche hat mich auch von meinem hohen Ross runtergeholt. Ich glaube nicht mehr, dass Marius Müller-Westernhagen Recht hat ("Die Leute sind zu dumm für die Demokratie geworden"). Die AfD ist nicht dumm. Sie profitiert vom Unbehagen der Menschen. Und wenn man nicht mit ihnen reden will, dann reden sie eben untereinander. Solange wir in unseren Lebens- und Facebook-Blasen voneinander abgschottet sind, können AfD-Politiker Leute mit Parolen darüber einfangen, wie bevormundend und verlogen Liberale sind.

Das Wall Street Journal hat kürzlich in einem Projekt liberale und konservative Feeds nebeneinandergestellt und damit gezeigt, wie die sozialen Netzwerke dafür sorgen, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen. Auch mein Experiment hat mir gezeigt, wie sehr wir es uns in "Echo-Kammern" gemütlich machen.

Die AfD hat doppelt so viele Likes auf Facebook wie irgendeine andere große Partei. Sobald die Parteistrategen rausgefunden haben, wie sie diese Likes in Wählerstimmen ummünzen können, sind wir am Arsch. Wenn uns dieses Land irgendetwas bedeutet, dann sollten wir lieber damit anfangen, uns mit Leuten auseinanderzusetzen, die nicht so denken wie wir. Anstatt die Welt in "sie" und "wir" aufzuteilen, sollten wir anfangen, mit ihnen zu reden.

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