LGBTQ

Diese Alltagsgegenstände zeigen, was es wirklich bedeutet, transsexuell zu sein

Trans Personen werden in der Geschichte oft übergangen. E-J Scott, der Kurator des Museum of Transology, will das ändern.

von Zing Tsjeng
24 Januar 2017, 12:44pm

All photos by Katy Davies courtesy of Fashion Space Gallery

Als der transsexuelle Kurator und Modehistoriker E-J Scott im Krankenhaus war, um sich operieren zu lassen, bewahrte er all die Gegenstände in seinem Zimmer auf: das OP-Hemd von einem seiner Eingriffe, die Nadel, mit der ihm sein Schmerzmittel verabreicht wurde, den Kissenbezug seines Bettes und sogar die Becher, in denen die Schwestern ihm seine Medikamente gebracht haben. "Ich bin ein Sammler", sagt er. "Das war ich schon immer."

Nach fünfzehn Jahren ist aus seiner kleinen privaten Sammlung das Museum of Transology geworden – Großbritanniens größte Ausstellung trans*relevanter Artefakte und fotografischer Porträts, die im Januar 2017 ihre Pforten in London öffnet. Hierfür haben über einhundert transsexuelle Menschen einen zutiefst persönlichen Gegenstand zu der Sammlung beigesteuert.

"Das war eines der komplexesten Projekte, das ich in meinem ganzen Leben als Kurator durchgeführt habe", sagt Scott. "Es gibt Gegenstände in der Ausstellung, die über 20 Jahre alt sind."

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Als er seinen Beitragsaufruf startete, fanden sich laut Scott schnell unzählige Menschen, die ihm ihre jahrzehntelang gehüteten Habseligkeiten voller sentimentaler Erinnerungen bereitwillig anvertrauten. Bei einigen Gegenständen – wie Hormonpflastern, Brustbindern und Penisprothesen – wird sofort klar, dass sie zum Leben eines transsexuellen Menschen gehören. Andere Gegenstände wie ein My Little Pony-Kuscheltier oder eine Schwimmbrille sind dagegen nicht so eindeutig zuzuordnen. Die meisten Objekte wurden daher mit einem kleinen Etikett versehen, auf dem der Besitzer handschriftlich erzählt, welche Geschichte dahinter steckt. Andere verzichten dagegen ganz bewusst auf die Beschriftung.

Scott sagt, dass das Museum of Transology ein Versuch ist, trans*relevante Themen zu "ent-spektakularisieren" und sich der glamourösen Vorher-Nachher-Show wie der von Caitlin Jenner zu entledigen. Die starre cisgender Sichtweise soll abgelegt werden, damit transsexuelle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Alltagserfahrungen aus ihrer Sicht darzustellen.

Innerhalb der von Cis*Personen dominierten Museums- und Kulturlandschaft setzt die Ausstellung ein Zeichen des Selbstrespekts und fordert Raum für die Geschichten transsexueller Menschen ein. Es soll gezeigt werden, dass ihre Geschichten ebenso wertvoll ist wie die aller anderen und entsprechend katalogisiert und archiviert werden sollten. Scott hofft, dass ein Museum mit einem gesellschaftshistorischen Bildungsauftrag die Sammlung letztendlich aufnehmen und für zukünftige Generationen erhalten wird, "um dem Leben von Transgender einen sichtbaren Platz in der Geschichte zu geben."

Wir haben mit Scott über die Bedeutung von Museen und die Macht von Zeitzeugnissen gesprochen.

"Was Mutter Natur mir nicht gegeben hat XXX R"

Wie ist diese Ausstellung entstanden und was hat dich dazu inspiriert?
Die Ausstellung ist aus einer Sammlung von Gegenständen entstanden, die ich von meinen eigenen, persönlichen Erfahrungen als Transgender aufbewahrt habe. Ich habe nach meiner Operation all die Gegenstände aus meinem Krankenzimmer behalten – von meinem OP-Hemd bis zu den Bechern, in denen sie mir meine Medikamente gebracht haben. Mir wurde eines Tages bewusst, dass das Leben von Transsexuellen nicht in Museen gezeigt wird. Transgender wurden im Verlauf der Geschichte komplett ausgeblendet. Die Erfahrungen transsexueller Menschen wurden immer nur als Ausdruck einer anderen Sexualität betrachtet. Wir existieren in Museen einfach nicht – wir sind unsichtbar, obwohl wir uns momentan an einem Wendepunkt befinden, was die Sichtbarkeit von Transgender betrifft. Das gesellschaftliche Bewusstsein für Geschlechterdiversität ist schon viel stärker geworden, trotzdem gibt es kaum Museen, die bereits vorausschauend trans*relevante Artefakte sammeln. Die Ausstellung ist eine Aufforderung an die Museen weltweit, diese Sammlung aufzunehmen und dem Leben transsexueller Menschen einen sichtbaren Platz in der Geschichte zu geben.

Warum ist es deiner Meinung nach so wichtig, dass Museen anfangen, solche Gegenstände zu sammeln?
Museen geben Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit in dieser Welt. Transgender werden von den Gemeinschaften, in denen sie groß geworden sind, oft ausgeschlossen. Viele von ihnen outen sich und verlieren deshalb den Kontakt zu ihren Familien oder Schulfreunden. Oft geht ihre Ehe in die Brüche oder sie dürfen ihre Kinder nicht mehr sehen. Daher ist es unglaublich wichtig, ihnen einen Platz in dieser Welt zu geben. Wir müssen ein Gefühl für unsere eigene geschichtliche Identität entwickeln. Menschen aus der Zeitgeschichte auszuradieren, ist auch nur eine andere Form der Ausgrenzung.

„Die haben mein Leben mir mein Leben in vielerlei Hinsicht gerettet."

Was frustriert dich an der Darstellung transsexueller Menschen in den Mainstream-Medien am meisten, insbesondere im Hinblick auf die vergangenen Jahre?
Die Gewalt gegen transsexuelle Menschen hat in den vergangenen fünf Jahren immer weiter zugenommen. Die ganze Sichtbarkeit war im Grunde gar nicht unbedingt hilfreich. Wir wurden in den Medien völlig falsch dargestellt – vor allem durch die Spektakularisierung aus cisgender Sicht. Es geht immer nur um den Vorher-Nachher-Vergleich und Erfolgsgeschichten. Das hat nichts mit der Wirklichkeit transsexueller Menschen zu tun. Es muss noch viel darüber gesprochen werden, wer wir im Alltag sind.

Es ist interessant, dass du das Wort „Spektakularisierung" verwendest. Was bedeutet dir dieses Wort?
Wir sind alle vertraut mit dem Konzept der männlichen Sichtweise, aber [Spektakularisierung] ist, wenn uns Cisgender als anormal betrachten, als so eine Art Sehenswürdigkeit oder Attraktion – ein Objekt der Faszination. Es geht darum, dass wir ins Rampenlicht gestellt werden und Menschen den Eindruck bekommen, dass sie unseren Körper und unser Privatleben einfach begutachten dürften.

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Das Schönste an der Ausstellung ist, dass die Gegenstände so alltäglich sind. Es gibt alles: von Ballettschuhen über Concealer bis hin zu einer hässlichen Unterhose.
Das war das Ziel der Ausstellung: Das Leben transsexueller Menschen zu ent-spektakularisieren und Alltagsgegenstände zu sammeln, die realen Menschen gehören. Es war eine ganz bewusste, kuratorische Entscheidung, die handschriftlichen Geschichten der Menschen an die Objekte anzubringen. So können sie für sich selbst sprechen und bekommen von keinem cisgender Kurator Worte in den Mund gelegt. Sie alle sind Menschen aus dem echten Leben, mit echten menschlichen Erfahrungen und echten menschlichen Gegenständen.

Woher hast du all die Ausstellungsstücke?
Das Trans*Netzwerk ist sehr stark und als sich die Nachricht erst einmal verbreitet hat, kamen die Menschen von überall. Das zeigt, wie groß der Wunsch transsexueller Menschen ist, ihre wahren Geschichten zu erzählen. Sie wollen ein Teil der Museumslandschaft sein und ihre Geschichten in den Museen erzählen. Wir wurden förmlich von Beiträgen überschwemmt. Das Ganze wurde ein riesiges Gemeinschaftsprojekt. Es handelt sich dabei nicht um die Autobiografie einer einzigen Person, sondern um viele verschiedene Geschichten, die von vielen verschiedenen Menschen erzählt werden – Geschichten, die so vielfältig sind wie die Erfahrungen, die transsexuelle Menschen machen.

"Das war mein erster Brustbinder. Ich bin schnell rausgewachsen und habe mir andere gekauft, aber als ich auch aus denen rausgewachsen war, konnte ich mir keine neuen leisten. Also habe ich Teile davon genutzt, um die anderen größer zu machen."

Die Ausstellung wird in der Fashion Space Gallery gezeigt und es gibt auch einige Kleidungsstücke wie BHs oder Hosen. Das meiste davon ist aber auch sehr alltäglich—die BHs sind nichts, was man bei der Unterwäscheausstellung des V&A Museum sehen würde.
In gewisser Weise ist die Ausstellung eine Kritik am Bildungsauftrag der Museen. Es ist wichtig, dass wir nicht nur das Ende der Geschichte erzählen – im Fall von transsexuellen Menschen wäre das Caitlyn Jenner. Genauso ist es wichtig, nicht nur ihre Kleider zu sammeln. All diese Alltagsgegenstände stecken voller Bedeutung und Geschichte. Sie stellen ein aufrichtiges und emotionales Zeitzeugnis dar.

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Was passiert mit der Sammlung nach der Ausstellung? Soll sie noch weiter wachsen oder wäre es dir lieber, wenn sie von einem Museum oder einer anderen Institution erhalten werden würde?
Ich glaube, dass die Ausstellung etwas ganz besonderes ist und erhalten werden sollte. Doch die kontinuierliche Sammlung von Artefakten transsexueller Menschen ist ebenfalls sehr wichtig. Wir erleben gerade eine gesellschaftliche Veränderung und auch die Gemeinschaft transsexueller Menschen selbst entwickelt sich immer weiter und wird laufend größer. Entsprechend muss auch die Sammlung in Zukunft – und darüber hinaus – noch weiter wachsen. Zugleich brauchen wir mehr Trans*Personen, die im Museum und im kulturellen Bereich arbeiten, so wie wir in den Museen auch mehr Frauen und BAME [black and minority ethnic (Schwarze und ethische Minderheiten)] brauchen. Wenn es im Museum keine transsexuellen Menschen gibt, dann werden die Menschen ihre Geschichte auch nicht sehen, obwohl sie existiert. Sie wird ignoriert und verschwindet schließlich einfach in der Versenkung. Es muss mehr Menschen geben, die selbst transsexuell sind und im Museum arbeiten, damit die Geschichten transsexueller Menschen auch weiterhin richtig dargestellt und gesammelt werden können.

Das Museum of Transology wird von 20. Januar bis 22. April 2017in der Fashion Space Gallery in London ausgestellt.

"Das war das erste 'Männerprodukt', das ich mir gekauft habe. Das war vor einem Drag-King-Abend und es fühlte sich so gut an, sich 'wie ein Mann anzuziehen.' Ich habe meine Grenzen, die ich gegenüber 'Männersachen' gezogen habe, eingerissen. Es hat mir neue Türen geöffnet und roch großartig."

"Mit diesem Ticket bin ich zu meiner Freundin in Kanada geflogen, die mich damals zum ersten Mal als ihren Freund statt als ihre Freundin gesehen hat. Ein großartiger Moment!"

"Meine ersten Ballettschuhe. Ich tanze Ballett seit ich vier Jahre alt bin. Als ich mich geoutet habe, habe ich mir Sorgen gemacht, dass mich die Leute wegen meiner Liebe zum Ballett und Spitzentanz nicht als Mann sehen würden, aber ich liebte, was ich tat und wollte es nicht aufgeben. Seit meinem Coming-Out tanze ich sehr viel selbstbewusster. Ich habe sie vor meiner Transition lange Zeit getragen. Heute haben sie eine große Bedeutung für mich. Ballett hat mich zu dem Mann gemacht, der ich heute bin."

"Klebeband für die richtigen Kurven."

"Ich habe mir das gekauft, um noch mehr wie ein Mann auszusehen, aber es hat mich nur noch dysphorischer gemacht. Ich habe es gehasst. Dirk."

"Ein Geduldsspiel, das mich von negativen Gedanken ablenken soll."

"Das ist das erste Schminkprodukt, das ich mir gekauft habe. Damit hat alles begonnen. Ich habe es auf YouTube gesehen und benutze es bis heute. Mittlerweile habe ich endlich das Selbstbewusstsein, um in einen Laden zu gehen und Make-up zu kaufen, ohne das Gefühl zu haben, verurteilt zu werden. Seit ich angefangen habe, habe ich kein einziges Mal mehr zurückgeschaut. SP x."

"Als ich mit meiner Geschlechtsumwandlung angefangen habe, dachte ich, ich bräuchte einen einen BH. Mittlerweile ist es mir komplett egal, ob ich einen trage oder nicht. Es gibt auch flachbrüstige Frauen und das Geschlecht sollte nicht über die äußere Erscheinung definiert werden. Jade."

"Die Welt von My Little Pony war meine Art, mit der Dysphorie umzugehen."

"Vergangenen Juni erzählte mir meine Mutter, dass ich mit hochstehenden Hoden geboren worden bin und sie in drei verschiedene Krankenhäuser gehen musste, bevor mein Geschlecht bestimmt werden konnte. Erst mit 12 Jahren hatte ich voll ausgebildete Genitalien. Ich habe mich vor meiner Mutter geoutet, aber sie konnte mich nicht so akzeptieren, wie ich bin. Meine Familie hat mich verstoßen. Ich habe alles verloren, aber ich musste einfach weitermachen mit meiner Transition. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit kurzen Haaren nicht wie eine Frau aussehen würde, also habe ich mir lange lockige Extensions machen lassen. Diese Extensions markieren den Beginn meiner Reise zu Selbstakzeptanz und Liebe."

"Die erste Socke, mit der ich meine Hose ausgestopft habe. Ich finde sie großartig, weil ihre grellen Farben meine extravagante nicht-binäre Identität auf meine Unterwäsche übertragen.

"Das sind Bilder von mir, die mich vor und nach der Transition zeigen. Ich finde es schön zu sehen, wie weit ich gekommen bin. Heute bin ich stolz, wenn ich mir die Bilder von damals ansehe."

"Dieser Anstecker mit der Aufschrift 'Son in a Millionen' [Bester Sohn unter Millionen] stammt von der ersten Geburtstagskarte, die mir meine Mutter und mein Vater nach meiner offiziellen Transition geschenkt haben. Die Karte mit der Aufschrift 'Finde einen Penny' war ein Glücksbringer, den ich von meiner besten Freundin Izzy bekommen habe, bevor ich wegen meiner geschlechtsangleichenden Operation ins Krankenhaus gegangen bin."

"Diesen Lippenstift habe ich von meiner wundervollen Schwester, die die erste aus meiner Familie war, die meine Transition akzeptiert und unterstützt hat."

"Diese gestreifte Monstrosität markiert den Beginn meiner Transition. Ich habe meine Mutter gefragt, ob sie mir Boxershorts kauft und sie kam damit zurück! So lieb sie es auch gemeint hat, aber ich konnte es kaum erwarten, den Mut zu finden, mir etwas weniger tragisches zu kaufen!"

"Ich hatte einen neuen Job und mein Foto wurde in der lokalen LGBTQ-Presse abgedruckt. Es hat sich irgendwie seltsam angefühlt. Den Button mit meinem Gesicht habe ich von einem jungen Menschen bekommen, den ich unterstütze. Witzig. Maeve"

"Juliet war die erste Transgender-Person, die ich kannte. Ich bewunderte sie dafür, dass sie als DJ auftrat, und für ihr inspirierendes Transitionstagebuch im Guardian."

"Ich gebe meinen blauen Ohrstecker auf. Er bedeutet mir sehr viel, weil ich ihn zu meiner allerersten Trans-Pride-Parade in Brighton getragen habe. Das war damals eine ziemlich große Sache für mich."

"Binden – wurden während der Heilung Teil meiner postoperativen Transition."

Keine Beschriftung.

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