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In Tschetschenien werden Schwule in Lager gesperrt und gefoltert

Wie Menschenrechtsorganisationen versuchen, die Lage zu entschärfen.

Was seit einigen Wochen homosexuellen Männern am Nordkaukasus widerfährt, ist erschreckend: Massenverhaftungen, illegale Gefangenenlager, Folter und Mord. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder OutRight Action International schlagen Alarm. Zahlreiche NGOs haben die russische Regierung zum Handeln aufgefordert, während andere sich darum kümmern, homosexuelle Tschetschenen aus dem Land und in Sicherheit zu schaffen.

Bislang haben die Regierungsvertreter mit demonstrativem Desinteresse reagiert. Ein Sprecher des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow sagte gegenüber Journalisten: "Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt." Schwule in Tschetschenien? Ausgeschlossen.

Da Tschetschenien trotz seiner Autonomie eine russische Republik ist, steht es unter Aufsicht russischer Politiker, von denen sich viele offen feindselig gegenüber LGBTQ-Menschen äußern – nicht zuletzt Präsident Wladimir Putin, der 2014 für eine "Reinigung" der Gesellschaft von Homosexualität appelliert hatte.

Für viele in der Region ist Homosexualität ein Phänomen, das aus dem Westen importiert wurde. Homosexualität ist seit einem Jahrhundert gesetzeswidrig und Kadyrow selbst hat ein strenges islamisches Gesetz implementiert, das auch "Ehrenmorde" an Frauen unterstützt.

"Seit vielen Jahren ist die Gegend feindlich gegenüber LGBT-Menschen eingestellt", sagt Kimahli Powell, Leiter von Rainbow Railroad, einer kanadischen Non-Profit-Organisation, die dabei hilft, LGTBQ-Menschen aus solchen Gebieten zu holen. "Dort gibt es eine Kultur des schwulenfeindlichen Verhaltens."

Experten sind sich unsicher, warum in der Republik vor Kurzem damit begonnen wurde, Schwule einzusperren. In vielen Medien ist zwar die Rede von "Konzentrationslagern", allerdings weisen Augenzeugen darauf hin, dass man eher von illegalen Gefangenenlagern sprechen muss, in denen verschiedene Gruppierungen unterschiedlich lange festgehalten werden.

NGOs mobilisieren gerade, um weitere Übergriffe zu verhindern und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und sammeln Spenden.

"Ende März erreichten uns die ersten Berichte über Entführungen und Ermordungen schwuler Männer in Tschetschenien", sagt Svetlana Zakharova, Kommunikationsmanagerin beim Russian LGBT Network. Seit mehr als zehn Jahren setzt sich ihre Organisation für eine Stärkung der Menschenrechte in Russland ein und kümmert sich um eine sichere Umsiedlung russischer Bürger, die sich in Gefahr befinden. Die aktuelle Krise stellt sie vor bislang ungekannte Herausforderungen.

"Das Schwierigste ist, die Menschen dazu zu bringen, uns zu vertrauen", sagte sie. "Sie haben Angst. Für sie ist es schwer, irgendjemandem zu trauen." Viele Opfer hätten die Organisation kontaktiert, allerdings könnte sie aus Sicherheitsgründen weder mitteilen, wie viele es waren, noch ob sie jemanden aus der Region evakuiert haben. "Wenn sie uns nicht vertrauen, werden sie in Tschetschenien bleiben müssen."

Während kleinere Organisationen wie jene von Zakharova vor Ort tätig werden, drängen größere Gruppen wie Amnesty International auf eine Intervention westlicher Staaten.

"Die Vereinigten Staaten müssen diese Menschenrechtsvergehen klar als solche bezeichnen und ein Handeln der russischen Regierung einfordern", sagte Tarah Demant, Leiterin von Amnestys Identity and Discrimination Unit.

Bislang hat das US-Außenministerium nur ein knappes Statement zu der Krise veröffentlicht, in dem es eine Strafverfolgung auf der Grundlage sexueller Orientierung verurteilt und Russlands Regierung dazu auffordert, gegen die Übergriffe "Stellung zu beziehen". In dem Statement wurden die Behörden allerdings nicht dazu aufgefordert, für den Schutz der Opfer zu sorgen. Eine Sprecherin des Außenministeriums lehnte eine weitere Stellungnahme ab.

Menschenrechtsorganisationen zufolge ist internationaler Druck für eine Beendigung der Übergriffe unverzichtbar.

"Es muss sichergestellt werden, dass die westlichen Regierungen das Problem gegenüber hochgradigen Vertretern Russlands ansprechen und darauf achten, welche Aufklärungsmaßnahmen getroffen werden und wie die Sicherheit der Betroffenen gewährleistet wird", so Tanya Lokshina vom Russlandbüro von Human Rights Watch.

"Es gibt eine ganze Bandbreite von Interessenträgern", sagt Björn von Roozendaal, Programmdirektor beim europäischen Ableger der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association. Lokalpolitiker in Tschetschenien, die Regierung in Moskau und internationale Politiker stünden alle in der Verantwortung, diese Gewaltausbrüche zu beenden.

"Wir bitten Menschen darum, uns über die Vorgänge zu informieren", sagte Zakharova. "Darum, vor der russischen Botschaft zu demonstrieren, solange es sicher ist. Wir glauben daran, dass Druck die Behörden dazu bringen kann, eine Untersuchung der Vorgänge in die Wege zu leiten."

"Für besorgte Bürger ist es extrem wichtig, dass sie ihre Regierung kontaktieren und fragen: 'Werden wir den Betroffenen, die fliehen wollen, bei uns Zuflucht gewähren?'", empfiehlt Tanya Lokshina von Human Rights Watch.

"Wenn das Klima der Straffreiheit weiter anhält, befürchten wird, dass mehr Männer zu Opfern werden", schrieb Heather McGill, die Eurasienexpertin von Amnesty International. "Männer, denen vielleicht vorgeworfen wird, mit ihrer Homosexualität die 'Ehre' ihre Familie 'befleckt' zu haben, oder die für schwul gehalten werden, sind bedroht, von Mitgliedern ihrer eigenen Familie umgebracht zu werden. Täter dieser 'Ehrenmorde' kommen in Tschetschenien oft ungestraft davon."

Auch wenn die aktuellen Vorkommnisse ein finsteres Bild zeichnen, hoffen Aktivisten, dass internationale Interventionen den Opfern helfen und die Bedrohung lindern können.

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