Wir haben mit dem Rollstuhlfahrer gesprochen, der nicht Bahn fahren durfte

Die Begründung: So früh am Morgen gebe es nicht genug Servicepersonal. Der abgelehnte Kunde selbst ist Sprecher des Deutschen Behindertenrates.

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23 Januar 2019, 3:12pm

Foto: imago | Jürgen Ritter

Horst Frehe wollte an einem Donnerstag für einen wichtigen Termin von Bremen nach Berlin fahren. Vor seiner Reise rief er bei der Deutschen Bahn an, und fragte, ob sie ihm beim Einstieg um 5:15 Uhr in Bremen helfen können. Die Bahn lehnte ab.

Die Begründung: Zu dieser Uhrzeit sei zu wenig Personal am Bahnhof und somit könnte niemand den Hublift bedienen. Er solle doch einfach einen anderen Zug nach 6 Uhr nehmen. Herr Frehe musste daraufhin einen Tag früher nach Berlin reisen, weil er seinen Termin sonst verpasst hätte.

Was die Bahn nicht wusste: Horst Frehe ist der Vorsitzende des Sprecherrats des Deutschen Behindertenrates und Vorstandsmitglied der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V..


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Was die Bahn eigentlich hätte wissen müssen: Sie benachteiligt mit ihrer Absage nicht nur mobilitätseingeschränkte Menschen, sondern verstößt auch gegen die UN-Behindertenrechtskonvention. Laut diesem Abkommen muss jeder Verkehrsanbieter Menschen mit Behinderung zu jeder Zeit eine Unterstützung beim Ein- und Aussteigen ermöglichen.

Zeitgleich bezeichnet sich die Deutsche Bahn als "sympathischer Dienstleister" und behauptet, sie würde ihre Kunden durch ein neues Qualitätsprogramm mehr in den Fokus stellen wollen.

"Ein Organisationsversagen der Bahn"

Horst Frehe ist einer dieser Kunden, und wir haben mit ihm gesprochen. Frehe sagt, er habe solche Vorfälle wie in der vergangenen Woche schon öfter erlebt und "langsam die Schnauze voll". Früher, so Frehe, sei es kein Problem gewesen, als Rollstuhlfahrer auch zwischen 0 und 6 Uhr Hilfe beim Ein- und Ausstieg zu bekommen. Da wäre zwar auch kein Personal vom Mobilitätszentrum da gewesen, aber das habe dann der Sicherheitsdienst übernommen. Die dürften das inzwischen jedoch nicht mehr, die Aufgabe falle nicht in ihren Tätigkeitsbereich.

Aber auch zu "normalen" Zeiten mangele es mittlerweile an Unterstützung, sagt Frehe. Entweder ist der Hublift kaputt oder es steht kein geeignetes Personal zur Verfügung, das den Lift bedienen kann. Dabei sei das extrem einfach: Man müsse nur einen Knopf drücken – die ganze Sache dauere nicht länger als fünf Minuten. Oft mussten ihm schon andere Zuggäste beim Einstieg helfen, da er sonst nicht hätte mitfahren können: "Für mich ist das ein Organisationsversagen der Bahn", sagt Horst Frehe.

Damit sich die Situation für Menschen mit Behinderung in Zukunft endlich verbessert, will er die Deutsche Bahn nun mit Hilfe einer Schlichtungsstelle zu neuen Regelungen zwingen. Dazu gehöre für Frehe zum einen, dass man als Rollstuhlfahrer zu jeder Uhrzeit mit der Bahn fahren kann. Zum anderen wünscht er sich, dass in jedem Zug Hublifte deponiert werden, die dann von den Zugbegleitern und Zugbegleiterinnen bedient werden sollen. So müsse man die Reise nicht schon Tage vorher organisieren, sondern könnte auch spontan reisen, so wie jeder andere Mensch auch.

Nachdem der Deutsche Behindertenrat einen Tweet zu dem Vorfall gepostet hatte, kommentierte die Deutsche Bahn, es würde ihnen sehr leid tun und sie würden dem Fall gerne nachgehen.

Bisher blieb es jedoch bei diesem Tweet und auch auf Nachfrage von VICE wollte die Bahn keine Stellung beziehen. Sie schickten uns lediglich einen Infotext, in dem steht, wie man als mobilitätseingeschränkter Mensch seine Bahnfahrt zu organisieren hat:

Man solle einen Tag vorher beim Mobilitätsservice der Deutschen Bahn anrufen, woraufhin dann die "besten Verbindungen rausgesucht, die notwendigen Hilfen beim Ein- und Ausstieg organisiert sowie Fahrkarten hinterlegt werden." Was in der Theorie gut klingt, scheitert aber anscheinend doch viel zu oft an der Praxis. Nicht nur bei der Deutschen Bahn, berichtet Alexander Ahrens, Pressesprecher der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, aus seiner Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Ein spontaner Ausflug? Für Menschen mit Behinderung fast unmöglich

Wer mit einem Rollstuhl eine Reise mit direkten Konkurrenten der Bahn, dem Flixbus oder der Flixtrain bucht, muss folgende Kriterien beachtet: mindestens eine Woche vorher anmelden. Wenn möglich "mit einer Begleitperson reisen". Selbstständig prüfen, ob die jeweiligen Haltestellen barrierefrei sind.

Hinzu kommt, dass die Türen der Flixtrain-Züge oft zu schmal sind, sodass man mit dem Rollstuhl gar nicht reinkomme, was die vorhandenen Rollstuhlplätze völlig irrsinnig erscheinen lasse, so Ahrens. Ein spontaner Ausflug ist für Menschen mit Behinderung fast unmöglich, vor allem nachts.

Alexander Ahrens hofft jedoch darauf, dass sich das spätestens 2020 ändern wird, wenn neue Fahrgastrechte verabschiedet werden. Bis dahin gibt es zumindest seit Anfang des Jahren zwei Feldversuche in Hamburg (Station Dammtor) und Saalfeld. Dort soll man als Rollstuhlfahrer rund um die Uhr Bahnfahren können. Aber eben nur von Hamburg nach, naja, Saalfeld halt.

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