Eine Aussteigerin über ihre Jugend in der Sekte "Children of God" in Thailand

"In einer Zeitschrift gab es einen Psychotest: 'Bist du in einer Sekte aufgewachsen?' Ich beantwortete jede Frage mit 'Ja', da wurde mir die Wahrheit bewusst."

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06 Juli 2018, 4:06am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Flor Edwards

Als Flor Edwards fünf Jahre alt war, befahl der Anführer der Sekte "Children of God", David Brandt Berg, einen Exodus: Alle Anhängerinnen und Anhänger, darunter Flors Familie, sollten die USA verlassen und nach Thailand ziehen.

Der ehemalige Pastor Berg gründete die apokalyptische Sekte 1968 im kalifornischen Huntington Beach. Auf dem Höhepunkt hatte Children of God 150.000 Anhänger und Anhängerinnen in verschiedenen Ländern, darunter auch die Eltern der Schauspieler Joaquin und River Phoenix und der Schauspielerin Rose McGowan. Die Sekte ist berüchtigt dafür, sexuellen Missbrauch Minderjähriger gefördert zu haben; heute agiert sie unter dem Namen "Die Familie" (The Family International).

Flor Edwards Familie schloss sich in Los Angeles der Sekte an und folgte Berg nach Thailand. Dort verbrachte Edwards ihre Jugend, bis 1994 "Father David" starb und ihre Familie nach Chicago zurückzog. Heute ist Edwards Lehrerin, über ihre Kindheit hat sie das Buch Apocalypse Child: A Life in End Times geschrieben. VICE sprach mit ihr über Religion, Trauma und ihren Ausstieg.

Flor, vorne rechts mit Zöpfen, mit ihrer Familie in der thailändischen Region Udon Thani

VICE: Wer sind die Children of God?
Flor Edwards: Father David kam aus einer langen Reihe von evangelikalen Predigern. Er sah in der kalifornischen Hippie-Bewegung Menschen, mit denen er eine neue Religion starten konnte. Er wollte dem Leben dieser jungen Leute einen neuen Sinn geben. Aber das Ganze nahm düstere Züge an, als sie sich Methoden ausdachten, um uns Kinder zu kontrollieren – wir hatten uns ja nicht dazu entschieden, in der Sekte zu sein.

Wie war deine Jugend in Thailand?
Es war tatsächlich sehr schön. Wir waren zwar fast immer auf unserem Grundstück eingesperrt, aber wenn wir die Anlage mal verließen, war ich verzaubert von der Schönheit Thailands.

Wie wurde dir bewusst, dass du in einer Sekte großgezogen wurdest?
Ich denke, mein Bauchgefühl hat mir schon immer gesagt, dass etwas nicht stimmte. Aber Gewissheit hatte ich, nachdem ich mit 15 einen Psychotest in einer Teenie-Zeitschrift machte. Auf dem Heimweg nach der Schule sah ich mir in der Bibliothek Magazine an, und in einer gab es eine Story über ein Mädchen, das in einer Sekte aufgewachsen war. Daneben der Test: "Bist du in einer Sekte aufgewachsen?" Ich beantwortete jede Frage mit "Ja", da wurde mir die Wahrheit bewusst.

Die Kommune in Thailand, in der Flor Edwards aufwuchs

Hast du trotz allem auch schöne Erinnerungen?
Unter anderem habe ich auch deshalb das Buch geschrieben: um das Schöne zu finden. Und es gab viel Schönes in meiner Kindheit. Tragik kann Risse aufweisen, durch die Licht schimmert. Mein Buch beginnt mit einer Szene, in der ich mit meiner Schwester in Phuket Schmetterlinge fange. Wir wussten nicht, dass wir sie umbrachten, indem wir sie einsperrten.

Das ist wie eine Metapher für mein Leben. Wir zerstörten die Schönheit der Schmetterlinge, wie die Sekte unsere Unschuld zerstörte. Ich bezweifle, dass die Erwachsenen immer wussten, was sie da taten. Sie waren manipuliert, und das macht es so tragisch.

Welches Weltbild hattest du durch deine Religion?
Ich glaubte, 1993 komme die große Apokalypse, danach erwartete mich der Himmel. Ich stellte mir oft vor, wie ich nach meinem Tod dort eintreffe: Ich würde übermenschliche Kräfte und einen himmlischen Körper kriegen, ich würde nie altern und meine Familie wiedersehen – wir waren oft voneinander getrennt, weil es die Sekte verlangte. Es gäbe schöne Gärten und Felder, sodass wir immer Essen hätten, und es würde nie Krieg herrschen. Ich verbrachte mein Leben damit, mich auf diesen Himmel zu freuen.

Flor in der thailändischen Provinz Udon Thani

Wie dachtest du über euren Anführer?
Father David war auch ein Grund, warum ich das Buch schreiben musste. Ich wollte den Mann verstehen, der mein Leben so lange kontrolliert hatte. Als Kind zwang man mich, ihn als Gottes Propheten zu sehen. Ich sah ihn nie, aber man beschrieb ihn mir als beeindruckende Figur, die ich lieben sollte. Dabei war er ein Mann mit vielen Dämonen, ein Narzisst, der glaubte, Gottes Mission auszuführen. Er war allerdings sehr intelligent und charismatisch. Ich weiß nicht, ob er all das so geplant hatte. In seinem Streben nach Macht hat er viele verletzt. Ich denke, er starb zum Teil aus Schuldgefühl, ein Jahr nach seiner prophezeiten Apokalypse.

Was war für dich das Schlimmste?
Die Strafen, die ich, meine Freunde und Freundinnen und Geschwister bekamen. Sie mussten uns irgendwie kontrollieren, und dazu gehörten körperliche Strafen. Ich weiß noch genau, dass viele, die das mit Kindern machten, die Strafen gar nicht ausführen wollten. Sie befolgten Befehle. Viele, die vor mir zur Welt kamen, wurden sexuell missbraucht, das ist mir nie passiert. Ihre Geschichten tun mir sehr leid.

Flor Edwards

Wie bist du entkommen?
Meine Familie ist langsam und schrittweise entkommen. Es dauerte mehr als zwei Jahre. Als Father David 1994 starb, zerfiel die Sekte ein Stück weit und unsere Gruppe wurde "freigelassen". Wir wohnten damals in Chicago, meine 14-köpfige Familie wurde im Stich gelassen, ohne Geld, Bildung oder sozialen Halt. Eine thailändische Kirche in Chicago nahm uns auf und half uns. Dann zogen wir nach Kalifornien, wo mein Dad und meine Schwestern sich um ihre Bildung kümmerten. Ich ging als Kind auch nicht zur Schule und habe inzwischen einen Master in Kreativem Schreiben.

Bist du noch religiös?
Nicht in dem Sinne, dass ich in die Kirche gehe. Ich denke, das Organisierte an der Religion ist ein großes Problem, und man sollte den Begriff "Spiritualität" davon trennen. Eigentlich sollte Religion ja eine Verbindung zu Gott, zur Natur und zur Gemeinschaft sein. So entstehen aber auch Sekten: Sie bieten Menschen Gemeinschaft, Zugehörigkeit, einen Sinn. Heute glaube ich, der Himmel lässt sich auf Erden finden und die Hölle existiert in unserem Geist. Als Kind einer Sekte voll psychischer Manipulation habe ich die Hölle erlebt – und heute freue ich mich, sagen zu können, dass mich dass gezwungen hat, meinen eigenen Frieden zu Lebzeiten zu finden.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Ich arbeite im Bildungssektor und überlege, noch einen Master zu machen oder zu promovieren. Lernen bedeutet mir viel, vermutlich auch weil ich als Kind keine Bildung bekam. Ich möchte auch weitere Bücher schreiben.

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