Ein Stierkämpfer erzählt, was er beim Töten empfindet
Foto: Imago | ZUMA Press
Leben und Tod

Ein Stierkämpfer erzählt, was er beim Töten empfindet

"Manchmal, wenn der Stier eine gute Performance hinlegt, will ich ihn nicht töten. Das passiert sogar sehr oft."
16.6.17

Juan José Padilla müsste eigentlich schon tot sein. Das sagt er zumindest selbst. In den letzten 25 Jahren hat er es zu einem der berühmtesten Stierkämpfer Spaniens gebracht. Sein Markenzeichen ist die Augenklappe, er trägt sie, seit ein Stier ihm sein Horn in den Kopf gerammt hat. Dabei riss das Tier sein linkes Auge aus der Höhle, brach ihm den Schädel und nahm ihn auf einem Ohr das Gehör. Die Augenklappe hat ihm den Spitznamen "El Pirata" eingebracht, der Pirat.

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Padillas Karriere hätte eigentlich schon 2001 vorbei sein müssen, als ihm ein Stier sein Horn in die Kehle rammte. Doch er kehrte in die Arena zurück und überlebte noch eine Reihe weiterer schwerer Verletzungen. Erst im März dieses Jahres erwischte es ihn wieder, ein Stier durchbohrte seine Brust und einen Lungenflügel. Alleine schon wegen seiner Verletzungen wird Padilla in Spanien verehrt, wie nur wenige Stierkämpfer vor ihm.

Für jede Person, die ihn als Helden feiert, gibt es mehrere, die Padilla als Vertreter eines grausamen Sports sehen, der jährlich Tausende Stiere tötet. Padilla sagt, er gestehe Kritikern diese Meinung zu, so lange sie ihm die nicht ins Gesicht brüllen, wenn er mit seiner Familie durch seine Heimatstadt Jerez im Südwesten Spaniens spaziert. Wir haben uns mit Padilla über sein Gewissen, seine Liebe zum Stierkampf und seine Kritiker unterhalten.

Padilla in der Las Ventas Arena in Madrid | Foto: Imago | Agencia EFE

VICE: Warum bist du Stierkämpfer geworden?
Juan José Padilla: Ich war sieben, als ich das erste Mal vor einem Stier stand. Mein Vater hatte immer Stierkämpfer werden wollen, er hat diese Leidenschaft mit uns geteilt. Meine drei Brüder versuchten, Stierkämpfer zu werden, aber sie sind heute stattdessen Assistenten für Matadore. In meiner Heimatregion Cadiz gab es viele Rinderfarmen, und mein Vater brachte mich dorthin zum Üben. Wie viele Stiere hast du schon getötet?
Ich würde schätzen, dass ich in meinen 25 Jahren als Stierkämpfer etwa 5.000 ausgewachsene Stiere getötet habe. Sowohl während meiner Ausbildung und als auch meiner fast 1.500 professionellen Stierkämpfe.


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Hast du schon mal ein schlechtes Gewissen gehabt, dass du Tiere tötest?
In unserer Kultur bringt man uns bei, dass Stiere dazu geboren sind, im Ring getötet zu werden. Manchmal, wenn der Stier eine gute Performance hinlegt, will ich ihn nicht töten. Das passiert sogar sehr oft. Aber der Präsident des Kampfs würde es von mir verlangen. Es führt kein Weg daran vorbei. Das kann frustrierend sein, aber es gehört zum Job. Magst du Tiere?
Ja, ich liebe Tiere. Ich habe selbst auch Haustiere. Ich sehe den Stier als einen Mitarbeiter, als ein besonderes Tier, das ich bewundere und respektiere. Der Stier ist mein Leben und meine Welt, und ich habe große Achtung vor seinem Mut. Dieser Mut sorgt dafür, dass ein Stierkampf ein Kampf und eine Show ist. Das eine gäbe es nicht ohne das andere. Hast du überhaupt Angst, wenn du in die Arena gehst?
Stierkämpfer haben vor jedem Kampf Angst. Erstens riskieren wir unser Leben – und zweitens ist es relativ schwierig, eine künstlerische Darbietung mit einem Stier zu liefern. Du hast im Laufe deiner Karriere einige Verletzungen abgekriegt. Wie fühlt es sich an, wenn ein Stier angestürmt kommt und einen mit den Hörnern zerreißt?
Es mag verrückt klingen, aber ich fühle einfach Verständnis. Ganz ehrlich, ich habe keinen Groll gegenüber dem Stier. Er macht nur seine Arbeit. Der Stier muss sich verteidigen, indem er uns bekämpft. Dass wir von seinen Hörnern aufgespießt werden und sterben könnten, ist der Preis, den wir für diesen Beruf zahlen.

Zuletzt durchbohrte ein Stier Padillas Lunge | Foto: Imago | Agencia EFE

Und wie fühlst du dich, wenn du einen Stier umbringst?
Ich bin dabei weder glücklich noch traurig. Ich fühle mich einfach, als hätte ich meinen Job gemacht. Nach dem Kampf darfst du einen Teil des Stiers als Trophäe behalten, wie etwa die Ohren oder den Schwanz. Was machst du damit?
Ich nehme die Teile entweder mit nach Hause oder verschenke sie an Freunde und Verwandte. Das sind sehr persönliche Symbole, auf die wir stolz sind. Sie erinnern uns Stierkämpfer an unsere Erfolge. Wie viel zahlen sie dir für einen Kampf?
Mein Honorar kann ich öffentlich nicht verraten. Aber ich kann sagen, dass die Finanzkrise leider auch die Welt des Stierkampfs beeinflusst hat. Es wird immer schwieriger, ein großes Publikum anzuziehen, und das wirkt sich auf unsere Gage aus. Würdest du mit jemandem einen trinken gehen, der gegen Stierkampf ist?
Klar, wieso nicht? So lange die Person höflich bleiben und meine Meinung respektieren kann, kann ich auch ihre respektieren. Wenn jemand vernünftig argumentiert, kann ich die Sichtweise nachvollziehen und wir können eine sinnvolle Diskussion führen. Aber ich habe meine eigenen Prinzipien. Ich bin der Meinung, dass die Show, die wir liefern, sich schon ohne große Worte selbst verteidigt. Wer mitmacht oder zusieht, kann es fühlen: Die Show lebt wirklich und stirbt auch wirklich.

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