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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
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Handy An- und Verkauf

von MALTE BORGMANN
07 September 2009, 2:23pm

Egal, wie besoffen du bist - es gibt Sachen, die du lieber nicht tun solltest. Eine davon ist, nachts um halb zwei mit deinem Mobiltelefon in der Hand in der letzten Ringbahn einzuschlafen. Als mir das letztens passierte, klauten mir zwei Typen mein Handy – und gaben es mir fünf Minuten später zurück, als ich verwirrt und orientierungslos an einem verlassenen Bahnsteig vor ihnen stand, in der Erwartung, jetzt um meine Brieftasche auch noch erleichtert zu werden.

Anscheinend war den beiden zwielichtigen Gestalten mit den Hosen in den Socken mein altes, abgefucktes Handy zu schäbig gewesen, um mit diesem Diebstahl ihr Karma zu belasten. Anders konnte ich mir ihr Verhalten nicht erklären. Ich fühlte mich irgendwie gekränkt. Mein Handy war also nichts wert? Dabei ist mein Handy ein Teil von mir! Es ließ mir keine Ruhe. In meiner Ehre verletzt fuhr ich nach Neukölln, um herauszufinden, wieviel ich und mein Telefon wirklich wert sind.

In der Sonnenallee gibt es sehr viele Handyläden. Laut der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 2008 des Statistischen Bundesamtes kommen in Deutschland auf 39 Millionen private Haushalte 60 Millionen Mobiltelefone. Also besitzt jeder Haushalt ungefähr 1, 5 Handys. In der Sonnenallee besitzt jeder Haushalt ungefähr 0,5 Handygeschäfte. Meist verkaufen sie neben Handys allen möglichen anderen Krimskrams, der elektronisch ist, blinkt, Geräusche von sich gibt und gerne geklaut wird. Ich suchte diverse Shops auf, behauptete, ich hätte ein Handy "gefunden" und fragte, ob ich es hier verkaufen könne. Meistens lief das ungefähr so ab wie in folgendem Beispiel:

Ich komme in den Laden, der sich neben Handys auf Videospiele konzentriert hat. Der Verkäufer sitzt hinter seinem Tresen und spielt Playstation 3. Er hat einen Mundgeruch, der mühelos meterlange Distanzen überwindet.

VICE: Ich habe ein Handy gefunden. Kann ich das hier verkaufen?

Verkäufer: Natürlich, warum nicht. Zeig mal her.

Er mustert das Gerät kritisch.

Wieviel willst du dafür haben?

Vierzig?

Vierzig?! Ist das dein Ernst? Schau dir das Ding mal an. Da muss ich komplett neue Schalen draufmachen. Zehn, mehr geb ich dir nicht.

Hm... Zehn nur?

Lass mal reinschauen... gehen alle Karten?

Müsste...

Oh, schau dir an wie diese Dinger gebaut sind! Wie kann man den Akku rausmachen? Nichts, kein Knopf, kein Hebel...

Unter Anwendung mittelschwerer Gewalt schlägt er mit der Linken den Akku an der Tischkante aus meinem Handy, während er weiterhin mit der Rechten sein PS3-Spiel bedient.

So, so... gefunden hast du das also? So ein Glück hast du. Wo man doch heute nichts mehr findet.

Er testet seine SIM-Karte in dem Gerät.

Also gut, Karte geht, Kamera geht. Fünfzehn, dann is Schluss.

Ich überlegs mir noch mal.

Ich gehe noch in mehrere Läden. Die Verkäufer haben sehr oft Mundgeruch. Einem muss ich zeigen, wo die Nummern auf den Tasten normalerweise sind, schließlich sind sie auf meinem Handy abgewetzt und auswendig kann er sie anscheinend nicht. In einem Geschäft stehen gleich drei verschiedene Handyladenbesitzer auf einmal. Einer von ihnen, ein massiver, glatzköpfiger Kerl, bietet mir sogar 20 Euro.
Engagieren will mich allerdings keiner:

Verkäufer: Also 20 würd ich dir geben.

VICE: 20 ist mir fast zu wenig.

Schau an, ist ganz kaputt.

Brauchst du bessere Handys?

Wie...? 20, mehr nicht.

Ich meine, ob ich dir bessere Handys besorgen soll.

OK, 25, mein letztes Gebot.

Äh... OK.

25 also. Das ist doch gar nicht so schlecht. Hätten meine zwei "Kollegen" in der S-Bahn nur einem weiteren besoffenen Idioten das alte Handy aus den kraftlosen Fingern geangelt, hätten sie schon gute 50 Euro zusammen gehabt. Das reicht für ein gebrauchtes Handy in einem Laden an der Sonnenallee.
Mein Handy ist also etwas wert. Ich bin etwas wert. Und die zwei Typen hatten scheinbar einfach nur Mitleid. Berlin ist wohl doch nicht so hart, wie immer alle sagen. Ich bin gerührt.

MALTE BORGMANN