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Riesen-Feuerwalzen sind die Einhörner der Meere und klonen sich unendlich weiter

Solltet ihr einer beim Tauchen begegnen: Freut euch über das seltene Lebewesen und schwimmt lieber nicht in seinen Schlund.
27.11.15

Screenshot: Youtube

Fast alle Tiere in den Tiefen der Ozeane, seien sie noch so seltsam, haben Attribute, die wir wiedererkennen: Augen, Zähne, Flossen. Dieses seltsame Lebewesen hier hat nichts dergleichen—es sieht aus wie ein Leuchtkondom, das im Meer treibt. Ein gigantisches Kondom, um genau zu sein: Die Riesen-Feuerwalze schwebt weltweit in tropischen Gewässern frei herum und besteht aus abertausenden Klonen. Zusammen bilden sie eine gigantische, zylindrische Struktur, die bis zu 60 Meter lang werden kann—doppelt so lang wie ein Blauwal.

Apropos Leuchtkondome: Ein paar Schüler haben Kondome entwickelt, die die Farbe wechseln, wenn sie Geschlechtskrankheiten erkennen

Sie sehen aufgrund ihrer Dimensionen ein wenig furchteinflößend aus, doch Feuerwalzen aka Pyrosoma (welcher Name cooler ist, wage ich nicht zu beurteilen) sind die wohl spektakulärsten und harmlosesten Leuchtgeschöpfe der Meere—sanft herumdümpelnde, ungiftige Tüten, die so selten anzutreffen sind, dass Meeresbiologen sie auch poetisch „Einhörner der Meere" nennen.

So wie bei einem Korallenriff, das aus Polypen und Exoskeletten besteht, handelt es sich bei der Feuerwalze um Millionen kleiner Lebewesen, die in einer Kolonie zusammenwohnen. Jeder der einzelnen Klone ist ein individuelles Tier, das ununterbrochen Wasser filtert, um an Nahrung zu gelangen und so dem Antrieb des riesigen Super-Organismus beizutragen. Gleichzeitig spucken die Tiere Müll aus. Ihre gigantichen Maße sind in diesem Video zu sehen, in dem ein glücklicher Taucher sich von einem besonders riesigen Exemplar einwickeln lässt:

Die Oberfläche einer Kolonie fühlt sich „flauschig" an, wie die Meersbiologin R.R. Halls beschreibt. Sie ist glatt, trotz der vielen kleinen Knubbel, die die einzelnen Zooiden bilden und die nur wenige Millimeter groß sind. Die einzelnen Lebewesen sind zwar durch gemeinsames Gewebe fest miteinander verbunden, aber gleichzeitig mit einem kleinen Loch versehen, durch

Die Oberfläche einer Kolonie fühlt sich „flauschig" an, wie die Meersbiologin R.R. Halls beschreibt. Sie ist glatt, trotz der vielen kleinen Knubbel, die die einzelnen Zooiden bilden und die nur wenige Millimeter groß sind. Die einzelnen Lebewesen sind zwar durch gemeinsames Gewebe fest miteinander verbunden, aber gleichzeitig mit einem kleinen Loch versehen, durch das sie sich fortbewegen können. Das Ganze ähnelt einem riesigen Netz.

Ein Taucher berichtet von einem toten Pinguin, den er im Inneren einer Feuerwalze gefunden habe.

So verlockend es für manche von euch vielleicht auch sein mag, ihr solltet möglichst nicht in einen dieser Riesenzylinder reinschwimmen. Denn das Ding ist nur an einem Ende offen. Ein Taucher berichtet sogar, er habe einen toten Pinguin in einer Feuerwalze gefunden, der offenbar in eine Sackgasse gepaddelt war und nicht mehr aus dem Glibberlabyrinth herausfand.

Die Kolonie kann theoretisch ewig leben, weil sie sich durch Klonen bis ins Unendliche weiter reproduzieren kann. Sie kann kaputte Teile regenerieren, verletzte abstreifen, wachsen und schrumpfen und sich mit einer anderen Kolonie paaren. Bei jeder Fortpflanzung führt sie einen sogenannten Generationenwechsel durch: Auf eine geschlechtslose Generation folgt eine geschlechtliche.

Feuerwalzen wurden entdeckt, weil sie leuchten. Der Forscher Francois Perron sah 1804 ein breites, leuchtendes Band im Meer, das er für Phosphor hielt, welches sich sanft mit den Wellen auf und ab bewegte. Durch Photobakterien strahlen die Kolonien in einem grün-bläulichen Licht, das über viele Meter hinweg auch von der Wasseroberfläche aus gesehen werden kann.

Feuerwalzen wurden entdeckt, weil sie leuchten. Der Forscher Francois Perron sah 1804 ein breites, leuchtendes Band im Meer, das er für Phosphor hielt, welches sich sanft mit den Wellen auf und ab bewegte. Durch Photobakterien strahlen die Kolonien in einem grün-bläulichen Licht, das über viele Meter hinweg auch von der Wasseroberfläche aus gesehen werden kann. Feuerwalzen leuchten nicht aufgrund neuronaler Impulse, sondern mit Hilfe von Lichtorganen an der Außenseite. Sie knipsen ihr Licht an, wenn sie eine andere Kolonie in der Nähe entdecken, oder wenn sie berührt werden.

Manche Seefahrer berichteten, dass sie nachts in ruhige Gewässer mit hunderten dieser Kolonien fuhren, die das gesamte Meer sanft erleuchteten. Obwohl sich die Kolonie durch den gemeinsamen Antrieb aller Lebewesen langsam fortbewegen kann, schweben Feuerwalzen zum Großteil im Takt der Wellen durch das Salzwasser.

Obwohl viele Organismen im Meer leuchten und das Wasser in dunkelster Nacht glitzernd färben, ist die Feuerwalzen-Biolumiszenz von außergewöhnlicher Brillanz und Schönheit. Oftmals erscheint das Licht in einer wellenförmigen Bewegung durch die gesamte Kolonie zu fließen, da jeder der kleineren Zooten Licht erkennt und mit Licht antworten kann.

Der Wissenschaftler T.H. Huxley drückte das 1849 so aus: „Ich habe gerade den Mond in all seiner Pracht untergehen sehen und kleinere Monde beobachten dürfen; die wunderschönen Feuerwalzen, die wie warmweiße Zylinder in der Nacht leuchten."

Wer möchte bei diesen Worten nicht auf der Stelle Meeresbiologe werden?