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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Tech

In Zukunft wird nichts mehr privat sein

Indem wir uns alle gegenseitig überwachen, verhindern wir die totale Überwachung.

von Dominik Schönleben
22 Juli 2013, 2:52pm

Fotos: Grey Hutton

Es wird eine Zukunft kommen in der deine Privatsphäre abgeschafft wird. Dein perverser Nachbar hat dann Zugriff auf dein Webcam-Feed wann immer er will, er kann deine Telefongespräche aus Jux und Tollerei mithören und all die peinlichen Partyfotos von gestern Nacht, sind bereits im Internet abrufbar, bevor du die Ausnüchterungszelle verlassen hast–all das wird vollkommen legal sein. Mit "die Daten sind frei, keiner braucht sie erraten“ werden wir freudig singend dieses Zeitalter heraufbeschwören, in dem auch dein Spiegel im Bad einen direkten Live-Stream ins Netz besitzt.


Fotos: Grey Hutton

Christian Heller hat nicht nur ein Buch über diese Zukunftsvision geschrieben (Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre), sondern gehört zur Post-Privacy-Spackeria, einer Gruppe von Anti-Datenschützern, die aus dem Umkreis des Chaos Computerclubs entstanden ist.

Sie spaltet die Nerds in zwei Gruppen: Diesseits des Abgrunds steht die Spackeria und posaunt den Untergang der Privatsphäre und die Sinnlosigkeit des Datenschutzes heraus. Auf der anderen Seite steht die Alu-Hut-Fraktion, die verzweifelt versucht ihre Daten vor Regierung und anderen Schnüfflern zu verschlüsseln.

Für die Alus gibt es nichts wichtigeres, als sich auch im Informationszeitalter an die Privatsphäre und an ihre Hüte zu klammern. Christian Heller glaubt aber, dass dies ein zweckloses Unterfangen ist: die Privatsphäre und der Datenschutz werden zwangsläufig in der Zukunft aufhören zu existieren. Noch kannst du gegen die Strömung schwimmen und verzweifelt versuchen deine Privatsphäre zu schützen, doch bald wird sich das ändern, wenn der Damm bricht und alle deine persönlichen Daten frei verfügbar sein werden.

Egal ob du zu den Facebook-Verweigerern gehörst oder bereits so wie Christian dein gesamtes Leben im Internet für alle öffentlich in einem Wiki protokollierst, das Netz wird der große Gleichmacher sein. Es gibt kein Zurück. Laut Christian wartet eine Welt auf uns, in der jeder Alles über Alle wissen wird–und eigentlich ist das ja auch gar nicht so schlimm.

Die Spackos und Alu-Hüte haben längst ihre Fronten geklärt. Was das aber für uns Normalos bedeutet, hat mir Christian erzählt. Wann das war und dass er kurz vorher mit @foxitalic Sex hatte kannst du natürlich online in seinem Wiki-Tagebuch nachlesen.

VICE: Was muss ich mir unter Post-Privacy vorstellen?
Christian Heller: Post-Privacy ist die Idee, dass die informationelle Privatsphäre, also der Raum der bisher frei von fremden Schnüffeleien war, ein Auslaufmodell ist.

Werden dann alle Informationen über mich frei verfügbar sein?
Traditionell gibt es eine harte Grenze zwischen Informationen, die als öffentlich zählen und jenen die privat sind. Wo ich arbeite, welcher Partei ich angehöre und welchen Ministerposten ich besetze, ist öffentlich. Aber was ich im Schlafzimmer tue, welche sexuellen Vorlieben ich habe oder mein Bankkonto, gilt als privat. Früher hielt man es auch für möglich und notwendig Informationen aus dem privaten Bereich privat zu halten. Jetzt verwässert diese Grenze. Der Bereich, in dem es mir leicht fällt Geheimnisse zu bewahren schrumpft immer weiter, wenn man im Internet aktiv ist.

Ist das schlimm?
Intuitiv fallen vielen Leuten die schlechten Seiten ein: Wir knüpfen Freiheit und Sicherheit daran, dass wir Bestimmtes geheim halten können. Ich kann in meinen vier Wänden tun und lassen kann was ich will, ohne mir Sorgen machen zu müssen, was mein Nachbar oder der Staat davon hält. Ich kann dort dann merkwürdige Sexualpraktiken ausführen, Drogen konsumieren–oder die falsche Musik hören und die falschen Autoren lesen. Wenn das öffentlich wird, dann habe ich möglicherweise begründete Ängste, dass ich für mein Verhalten bestraft werde oder im schlimmsten Fall ins Gefängnis geworfen und umgebracht werde.

Und dann gibt es tatsächlich auch positives am Verlust der Privatsphäre?
Wenn es immer leichter fällt zu wissen was andere Menschen tun, denken und wollen, dann ist die Welt insgesamt informierter über die Bedürfnisse und Probleme die wir haben. Zum Beispiel, kann man in einer Welt, in der Menschen nicht über Geld reden, leichter über den Tisch gezogen werden. Der Post-Privacy-Trend führt dazu, dass Menschen Interessensgruppen bilden, solidarisch Problem angehen und ihre Interessen vorantreiben.

Ihr findet es also gar nicht so schlimm, wenn euch die NSA abhört?
Die NSA sammelt massiv Daten in einer sehr intransparenten Weise. Diese Daten hortet sie in erster Linie für sich selbst, um sie für eigene Interessen einzusetzen. Die Daten werden keineswegs breit zugänglich gemacht. Sie horten Daten als Machtvorteil. Es entsteht eine Asymmetrie: Wir wissen so gut wie Nichts über die, aber die wissen Alles über uns. Das ist ein Informationsungleichgewicht, das dem Spackeria-Gedanken widerspricht: Daten sollen möglichst frei und breit zugänglich sein. Was die NSA macht ist das genaue Gegenteil von dem was die Spackeria will.

Auf den gläsernen Bürger müsste also der gläserne Staat folgen?
Wenn wir schon Gläsern sein sollen, dann sollte Alles gläsern sein. Der Gedanke ist auch unter dem Begriff der transparenten Gesellschaft vom Autor David Brin formuliert worden. Der hat gesagt, es sei nicht zu verhindern, dass wir in einer Welt leben werden, in der es immer mehr Überwachungstechnologie gibt. Aber wenn wir schon in so einer Welt leben müssen, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Mittel dafür nicht in den Händen einiger weniger liegen.

Also in dieser transparenten Gesellschaft überwacht mein Nachbar mich und ich überwache ihn?
Das ist eine andere Situation als jetzt, wo Behörden und Geheimdienste uns beobachten können, ohne dass wir es merken. Wir werden beunruhigt, weil wir nie abschätzen können, ob wir gerade beobachtet werden. Das ist ein Gleichgewicht des Schreckens. Wir können nur dadurch die totale Überwachung verhindern, indem wir uns alle gegenseitig überwachen. Das ist natürlich paradox.

Aber woher soll ich wissen, dass mein Nachbar mich abhört, die Technologie dafür wird doch immer unscheinbarer?
Radikal zu Ende gedacht: Wenn man die totale Transparenz annimmt, dann kann ich auch bei den Leuten die GoogleGlas benutzen in ihr GoogleGlas rein schauen und sehen, was sie sehen. Dann kann ich auch erkennen, welche Dronen über mir schweben und mich in deren Video-Stream rein schalten. Es gibt keinen Bereich, kein System in das wir nicht hinein sehen können. Das umfasst natürlich auch die Überwachungssysteme.

Die transparente Gesellschaft ist nicht mehr aufzuhalten. Ist dann der transparente Staat eine logische Folge?
Der transparente Staat kommt nicht einfach so aus gutem Willen heraus, sondern man muss sich ihn politisch erkämpfen. Sei es durch Gesetze, den öffentlichen Druck auf Politiker oder Aktionen von Whistleblowern und Wikileaks die sich Transparenz nehmen, wo sie nicht willentlich gegeben wird.

Hab ich noch eine letzte Möglichkeit, um mich gegen den Verlust meiner Privatsphäre zu wehren?
Man kann natürlich versuchen einen Großteil der eigenen Kommunikation zu verschlüsseln. Man kann versuchen Dienste wie Facebook zu boykottieren oder in stärkerer Konsequenz versuchen ein Eremitenleben im Wald zu leben und sich den modernen Kommunikationstechniken entziehen. Aber all das sind Rückzugsgefechte.

Wie seid ihr auf diesen dämlichen Namen Post-Privacy-Spackeria gekommen?
Vor einigen Jahren gab es im Umfeld des Chaos Computer Clus abfällige Bemerkungen über die Leute, welche die Position der Post-Privacy-Fraktion vertreten. Wir wurden dort als Post-Privacy-Spackos bezeichnet.

Es gab also beim Chaos Computerclub keine gute Meinung über euch?
Es gibt im Chaos Computer Club eine sehr starke Fraktion, die Ideen eines traditionellen Datenschutz anhängt und die dagegen ist, dass man sich freigiebig ins Netz hinein verdatet. Diese Fraktion hat sich dann auch durch den Wortgebrauch von „Spackos“ niedergeschlagen.

Was hältst du von der Fraktion?
Ich kann schon nachvollziehen, warum sie Datenschutz für eine wichtige und gute Idee halten. Aber er kann in der Realität nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Ihr wurdet also anfänglich als Spinnerei abgetan?
Google-Street-View war ein Thema bei dem es ernster wurde. Ein anderes bei dem es dann auch zu heftigen Wortgefechten kam, war die Piratenpartei. Da gab es dann innerhalb der Partei Streitigkeiten inwieweit man sich zur Alu-Hut-Fraktion oder zur Transparenz-Fraktion bekennen möchte. Entlang der Frage um die Basisdemokratie verschwamm die Grenze zwischen dem kleinen Bürger, der Datenschutz verdient, weil er unbedeutend und ohnmächtig ist, und dem Politiker der da oben ist und die Macht in der Hand hat.

Wer ist diese Alu-Hut-Fraktion?
Alu-Hut ist ein abschätziger Begriff gegenüber den Datenschützern. Wenn man sich schon auf das Niveau begibt von Spacken zu reden, dann kann man auch von Alu-Hüten reden und umgekehrt. Es gibt den interessanten Wiederspruch, dass gerade die deutsche Hackerszene zum einen schon immer etwas anarchistisch drauf war und zum anderen sich aber zum Recht auf Privatsphäre und Datenschutz bekennt. Aus diesem Wiederspruch ist die Idee des Post-Privacy erwachsen.

Du postest dein ganzes Leben online. Besitzt sogar dein eigenes Wiki in dem du deinen Tagesablauf protokollierst, warum machst du das?
Es hat einen Wert an sich, Dinge öffentlich zu machen, egal ob man denkt, dass sie die Welt konkret interessieren oder nicht. Wer bin ich, der Welt vorzuschreiben, was sie interessiert oder nicht.

Gibt es einen Grund etwas für dich zu behalten? Wie sieht es da mit deinem Liebesleben aus?
Ja, ich denke das ist zumindest teil-öffentlich. Man kann in meinem Wiki nachlesen, wann ich die eine oder andere sexuelle Handlung ausführe. Recht viele Menschen haben recht oft Sex. Das ins Netz zu schreiben, finde ich keinen kontroversen Informationspunkt.

Wo geht es dann bei dir zu weit?
Bei Informationen die das Privatleben anderer Leute entblößen könnten. Ich bin zwar der Meinung, dass auch andere sich darauf einstellen müssen, dass sie weniger und weniger geheim halten können, aber ich will Menschen nicht aktiv gegen deren Willen in die Post-Privacy pushen. Das passiert eh früher oder später.

Sollen wir einfach alle Informationen über uns ins Netz stellen?
Besser man versucht in der eigenen Geschwindigkeit in das Wasser der Post-Privacy einzutreten und dort schwimmen zu lernen, als darauf zu warten, dass man irgendwann ohne eigenes Zutun, brutal ins kalte Wasser geworfen wird und dort nicht Schwimmen gelernt hat.

Peinliche Partyfotos sind da keine Ausnahme?
Wir leben in einer Welt, in der es sehr leicht passiert, dass andere Leute uns mit entblößen, egal ob wir das so geplant haben oder nicht. Folglich haben wir dann ein gewisses Maß an Kontrollverlust mit dem wir lernen müssen umzugehen.

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