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biohacking

Überall machen Biohacker aus Essen eine Wissenschaft

Biohacker nutzen Technologie, um genau zu überwachen, was sie essen und wie sich das auf sie auswirkt. Sie wollen nicht nur gut aussehen, sie streben nach der bestmöglichen körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. Aber bleibt nicht das Vergnügen...
19 Juni 2014, 1:00pm

Dave Asprey macht kein Frühstück. Stattdessen steht er um sieben auf, nimmt ein paar Nahrungsergänzungsmittel zu sich und spült diese mit einer Tasse Butterkaffee runter.

Sein Mittagessen, wenn er überhaupt eins macht, besteht aus gedünstetem Gemüse und Fleisch von mit Gras gefütterten Tieren oder Fisch mit Butter und Kokosnussöl. Zu Abend gibt's dann noch mehr Fleisch oder Fisch mit Sahnesauce. Seine Ernährung besteht aus 50-60 Prozent Fett, 20 Prozent Proteinen und 20-30 Prozent Gemüse. Sie wurde ganz genau so zusammengestellt, um für seinen 19-Stunden-Tag Energie zu liefern. Er meidet entzündungsfördernde Nahrungsmittel (Trans-Fette, Zucker, Alkohol etc.) und Mykotoxine und hat bis heute fast 37.000 Euro für Probiotika ausgegeben. Er steht auch auf die kognitionsfördernde Droge Modafinil, die er in Dosen von 50-100 Milligramm zu sich nimmt.

Asprey, ein 41-jähriger ehemaliger Technikunternehmer aus San Francisco, wurde zum Aushängeschild für eine sehr moderne Art des Gesundheitsfanatikers: dem Biohacker. Wenn es wirklich so etwas wie die perfekte Ernährung für den Menschen gibt, dann setzen die Biohacker alle Hebel in Bewegung, um sie zu finden. Da sie ein Ableger der ‚Quantified Self'-Bewegung aus Silicon Valley sind, verwenden sie auch Technologie: kalorienzählende Apps, intelligente Waagen (die sieben Fitnessindikatoren messen, dazu gehören Körperfett, BMI, Skelettmuskeln, Ruhemetabolismus, inneres Fett, körperliches Alter und Gewicht), Produktivitätsmesser, Bluttest-Kits und Grafikwerkzeuge. Mit all diesen Dingen überwachen sie genau, was sie konsumieren und wie es sich auf sie auswirkt. Sie wollen nicht einfach nur gut aussehen; sie streben nach optimaler Effizienz und einer bestmöglichen körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit.

In den letzten 15 Jahren hat Apsrey—der jetzt durch die USA tourt und Vorträge über seine sogenannte „Bulletproof Diet" hält—45 Kilo abgenommen. Er sagt, dass sein IQ um mehr als 20 Punkte gestiegen ist und er nur fünf oder sechs Stunden Schlaf braucht, aber auch nur mit zwei auskommt.

bulletproofmeal

Foto: David Asprey

Sein System ist das Ergebnis extremer Selbstexperimente. Er hat es schon mit Kalorienbeschränkung, Proteinkuren und Flüssigkeiten als einzigem Nahrungsmittel versucht, und dabei immer die Reaktion seines Körpers mit Hilfe von Bluttests, biometrischen Apps, Herzfrequenzmessern, Hautsensoren und einem EEG-Apparat überprüft.

„Ich wollte die Kontrolle über mein System bekommen", sagt er. „Dabei war mir jedes Mittel recht."

Dieser Prozess kostet gut 221.000 Euro—für Asprey eigentlich nur Taschengeld, wenn man bedenkt, dass er mit 26 Jahren schon knapp 4,5 Millionen Euro verdient hat. Aber er ist nicht der Einzige mit dieser Mission.

In Foren diskutieren Hacker über Dinge wie die Beziehung zwischen Flachsöl und der kognitiven Funktion. Es wird lebhaft über die beste Tageszeit zur Koffeinaufnahme und den Effekt von Veganismus auf die Libido debattiert und darüber gestritten, ob Honig und Whisky beim Einschlafen helfen. Einige Hacker fasten auch zeitweise, um ihre Konzentration zu verbessern.

Auf der Seite „Measured Me" postet Konstantin Augemberg, ein 36-jähriger Marktforscher, Diagramme und Tabellen, die zeigen wie voll ihn verschiedene Nahrungsmittel machen, wie diese seine pH-Werte beeinflussen und wie schnell er kaut. Normalerweise protokolliert er 15 Variablen auf einmal, für was er laut eigener Aussage 20 Minuten am Tag braucht. Alle paar Monate analysiert er die Ergebnisse und sieht so, was er verbessern kann. Sein Körper ist ziemlich wortwörtlich eine Maschine, die er wie ein Techniker instand hält.

Was ist nun der tiefere Sinn hinter all dem? „Ich will herausfinden, wie verschiedene Ernährungsweisen mein Wohlbefinden beeinflussen und meine Stimmung, meine Produktivität und andere Aspekte meines Lebens verbessern", sagt er. „Ich bin Markforscher, also hab ich mir gedacht, das Ganze mit Zahlen anzugehen."

Augemberg hat jetzt seinen morgendlichen Fettkonsum erhöht, damit er einen Energieschub bekommt. Er isst jetzt über den Tag verteilt sechs leichte Mahlzeiten, jede hat dabei zwischen 300 und 350 Gramm—die genau richtige Menge, um ihm ein Völlegefühl zu geben. Er erklärt, wie er früher am Sonntag eine große Mahlzeit gekocht und diese dann über die Woche zu Mittag und zu Abend gegessen hat, um so die Kalorien besser einzuteilen. Leider stellte sich heraus, dass er beim übermäßigen Verzehr von gleichen Mahlzeiten Sodbrennen bekommt. Er ist jetzt darauf bedacht, mehr Abwechslung in seine Ernährung zu bringen.

Wenn du jetzt findest, dass das alles—das Reduzieren von Essen auf zweckmäßige Berechnungen—nicht wirklich nach Spaß klingt, dann stehst du nicht alleine da. Wenn Soylent, gemessen an seinen logischen Folgen, wirklich der ultimative „Ernährungshack" ist, dann könnte diese Stufe der Ernährungsveränderung dazu führen, dass wir irgendwann in der Zukunft nur noch eine perfekt ausgewogene, beige Flüssigkeit zu uns nehmen. Keine Zeit mit Zutaten vertrödeln, kein Abspülen—nur schnell auftanken und zurück an die Arbeit.

Aber wo bleiben die Emotionen? Viel von der Glückseligkeit, die Essen verursacht, kannst du der Zeit, dem Ort und den Umständen zuschreiben. Was ist mit dem Ritual, der Kultur und, du weißt schon, dem Geschmack? Dem Prickeln von Limonade, dem salzigen Biss von frisch gebuttertem Toast und dem nasefüllenden Geruch von Blauschimmelkäse? Essen ist einer der einfachsten Wege, uns etwas Vergnügen zu bereiten. Es ist vielleicht vergänglich—wir kauen, verdauen und gehen kacken—aber gerade deswegen sollten unsere Erlebnisse mit Essen etwas Schönes sein.

„Das gebe ich gerne auf, um länger zu leben", sagt Nick Winter, ein 28 Jahre alter Biohacker aus San Francisco.

Winter hat schon verschiedene Vorgehensweisen ausprobiert, darunter auch das Weglassen von Weizen und Milchprodukten und die „Slow Carb"-Ernährung. Zur Zeit hat er sich eine modifizierte Version der „Bulletproof Diet" angeeignet, vermeidet aber zu viel Butter, denn seine monatlichen Kognitivtests haben einen Rückgang der Hirnfunktion offenbart. Einmal im Jahr lässt er an seinem Geburtstag sein Blut untersuchen und hat sich letztens von konservierten Meeresfrüchten verabschiedet, nachdem hohe Eisenwerte festgestellt wurden.

„Allgemein ist es so, dass die Leute über sich selbst zu wenig wissen und es sich lohnt, das zu ändern, egal wie."

Vielleicht ist dies dann das, was die Biohacker machen. Damit stellst du vielleicht nicht den Feinschmecker in dir zufrieden, aber du befriedigest deine angeborene Selbstbesessenheit. Es ist schon möglich, dass die Fülle an gesammelten Daten eines Tages dem allgemeinen medizinischen Fortschritt hilft, aber Biohacking ist trotzdem total narzisstisch, egal wie du es betrachtest. Das Ziel ist scheinbar nicht, etwas Neues und Bahnbrechendes über den Menschen allgemein herauszufinden—Biohacker wollen etwas über sich selbst herausfinden. Es geht darum, das Bauchgefühl zu ignorieren und stattdessen den Bauch mit Daten anzutreiben.

Asprey glaub immer noch, dass es nicht mehr lange dauert, bis wir alle mitmachen. „Die Welt ist besser wenn sich die Menschen gut fühlen", sagt er. „Das wird sich auch nie ändern."

Noch ist es zu früh, um sagen zu können, ob er richtig liegt. Es gibt jedoch schon Anzeichen dafür. Laut Pew Internet Research achten 69 Prozent der Amerikaner auf mindestens einen der Fitnessindikatoren. In 119 Städten auf der ganzen Welt, darunter London, Mumbai und Buenos Aires, finden QS-Treffen statt.

Wird sich also alles zum Besseren wenden? Selbst wenn wir uns zur Genauigkeit bekehren und das Vergnügen vergessen würden, wäre dann eine biogehackte Zukunft wirklich gut für unsere Gesundheit? Vergiss einfach mal, dass einige Hacker auch Muskeln durch das Verschlingen von Eiscreme und Kuchen aufbauen. Jeder Statistiker wird dir sagen, dass Kausalität und Korrelation unterschiedliche Dinge sind. Und während uns das Aufzeichnen unserer Gewohnheiten auf echte Gesundheitsrisiken aufmerksam machen könnte, besteht da auch noch die Möglichkeit, dass wir uns an aus der Luft gegriffenen Zusammenhängen aufreiben. Ein Beispiel hierfür wäre die Verbindung von Margarine und Scheidung.

Perfektionismus—tief verwurzelt im Ethos des Biohackens—wurde mit Angstzuständen, Depression und körperlichen Symptomen wie Asthma in Verbindung gebracht. Sigrid Kronsberg, eine 48 Jahre alte Vertriebsberaterin aus New York, begann 2011 damit, ihre Ernährung umzustellen. Sie untersuchte den Einfluss von Nahrungsmittelzusätzen auf ihre Stimmung, aß nur noch Mahlzeiten mit wenig Zucker und erstellte Tabellen, die ihren Mikronährstoff-Konsum aufzeigten. Sie fühlte sich nicht wirklich besser. Stattdessen wurde sie immer anfälliger für Angstzustände.

„Es war wie eine Phobie", sagt sie. „Jede Zutat musste stimmen. Es war für mich nicht mehr möglich, in thailändische oder indische Restaurants zu gehen, weil sie dort mit pflanzlichem Öl kochen." Sie sagt, dass Essen zu „einem Hindernislauf wurde". Also hat sie letzten September mit Allem aufgehört, „nur um einfach ohne Sorgen Essen gehen zu können. Das ist sehr befreiend."

Eine zu intensive Beschäftigung mit dem Konsumieren von gesundem Essen wird als Essstörung angesehen—Orthorexia Nervosa, buchstäblich „richtiges Essen". Wenn du dich durch die Online-Essprotokolle der Hacker klickst—diese sind so aufwändig, dass du dich fragst, ob sie ihre ganze zusätzliche Energie in deren Pflege stecken—, dann ist es oft schwer, einen Unterschied auszumachen.

Und genau hier liegt der Widerspruch. Viele von uns sollten sich vielleicht besser ernähren, aber wenn in der Zukunft des Essens wirklich jede Kalorie gezählt, jeder Mikronährstoff protokolliert und jede Portion gewogen und analysiert wird, ersetzen wir dann nicht nur ein Problem mit dem nächsten?

Oberstes Foto: Phil Gradwell | Flickr | CC BY 2.0