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Der Hype nach Kokosnuss geht immer weiter

Kokosnüsse—dank ihrem Öl, Wasser und Fleisch—sind der letzte Schrei. Aber machen sie aus ernährungswissenschaftlicher Sicht überhaupt Sinn?
10.9.14
Foto: Hafiz Issadeen | Flickr | CC BY 2.0

Für mich wurden so einige Kokosnuss-Köstlichkeiten in den letzten Jahren kredenzt. Und damit stehe ich in der westlichen Welt bestimmt nicht alleine da. Schließlich kannst du dich heute kaum noch retten vor Kuchen aus Kokosmehl (jetzt auch in Supermärkten erhältlich), Kokoszucker, Kokosmilchersatz und sogar Kaffee mit Kokosöl (zumindest in London).

OK, ich lasse jetzt die Bombe platzen: Kokoswasser hat es mir wirklich angetan. Vielleicht liegt es daran, dass Rihannas knackiger Körper auch noch zwei Jahre nach Beginn des Vita-Coco-Wahns über den Duschen in meinem Londoner Fitnesscenter ragt und dir, und vor allem mir!, einen Funken ihrer unverschämten Straffheit verspricht. Es könnten aber auch die Kartons sein, die reihenweise neben der Kasse auf Abnehmer warten. Oder die Tatsache, dass Kokoswasser schon auch ein bisschen übel schmeckt, aber gerade noch so lecker ist, dass es mir auf jeden Fall gut tun muss.

So ziemlich alle Leute, die ich kenne, schwören auf Kokoswasser als „Geheimrezept" gegen Kater. „Es hat Unmengen von Kalium", plappern sie papageienhaft nach, ohne überhaupt die geringste Ahnung zu haben, was Kalium ist oder bewirkt. Auch ich bin bekannt dafür, bei einem Kater so viel Geld für GoCoco auszugeben, dass ich dafür eine ganze Mahlzeit bekommen könnte. Vor dem Fernseher sitzend trinke ich dann alles in einem Zug aus und rede mir ein, dass es die drei Flaschen Chardonnay vom Vorabend komplett neutralisiert.

Ich bin aber glücklicherweise nicht die Einzige, die an die Superkraft der Kokosnuss glaubt. Wirklich alles, was Kokonuss beinhaltet, ist in den letzten Jahren in den Himmel gelobt worden. Als Kokoswasser auf den Markt kam (also überall da, wo es nicht eh schon seit Jahrtausenden getrunken wird), wurde es als ein wundersames Elixier angepriesen, als todsicheres Mittel gegen all deine Wehwehchen. Uns wurde von seinen rehydrierenden Elektrolyten, seinem gehirn- und herzfreundlichen Kaliumgehalt sowie den Cholesterinspiegel senkenden Eigenschaften vorgeschwärmt.

Kurz gesagt wurde Kokoswasser als etwas vermarktet, das dich schier unverwundbar macht.

Wie Michael Moss von der New York Times kürzlich betonte, hat die angeblich 3 Millionen Euro schwere Kokoswasserindustrie „neun Leben." Nachdem Ernährungswissenschaftler anfingen, die Kokoswasser-ist-der-heilige-Gral-Mentalität ad absurdum zu führen, wurde es schnell als „besser für deine Rehydrierung als Sportgetränke" vermarktet. Die Androhung einer Klage verpasste jedoch auch diesem Vorstoß einen herben Dämpfer.

Die hochmütigen Versprechen mussten also ordentlich zurückgeschraubt werden und heute wird Kokoswasser nur noch als besser schmeckende Alternative zu Wasser mit ein bisschen Kalium, Magnesium, Kalzium und Natrium on top verkauft. Aber, wie Moss in seinem Video erklärt, könntest du genauso gut ein großes Glas Wasser trinken und dazu eine Banane essen (die reich an Kalium ist) und so fast die gleiche Wirkung erzielen.

Wir sind aber nicht nur nach Kokoswasser verrückt, sondern auch nach dem Fruchtfleisch und dem Öl. Du kannst jede x-beliebige Person, die auf eine gesunde Ernährung achtet, fragen und sie werden dir alle empfehlen, dass du eimerweise Kokosöl (roh und unraffiniert natürlich) zu dir nimmst. Außerdem sollen wir es uns in die Haare und auf unsere nackten Körper schmieren. Ich hab sogar schon mal gelesen, dass Kokoswasser dem menschlichen Plasma so ähnlich sein soll, dass es direkt in den Blutkreislauf gespritzt werden kann. Aber sind Kokosnüsse wirklich die haarigen, braunen Wunder, als die sie vermarktet werden und für die sie viele von uns auch halten?

Ich gehöre definitiv zu denen, die mal gehört haben, dass es gesund ist, und die es deswegen runterkippen, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber jetzt, wo Zucker so in der Kritik steht, bin ich nicht mehr ganz so Feuer und Flamme für mein eigentlich geliebtes Kokoswasser. Es ist alles so verwirrend. Zucker kommt in Kokosnüssen zwar natürlich vor und ist zudem unraffiniert, aber das bloße Wort reicht heutzutage schon aus, um sogar die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen, die zuvor noch bedingungslos an ihre Supernahrung geglaubt haben.

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Frische Kokosnüsse in Costa Rica. Foto: Jim Larrison via Flickr

Doch auch wenn der gesundheitliche Nutzen von Kokoswasser mittlerweile als fraglich gilt, bleiben das Öl und das Fruchtfleisch der Kokosnuss die Lieblinge von Ernährungswissenschaftlern. Anfangs galt das gesättigte Fett in der Kokosnuss als großes, dickmachendes Übel. Das hat sich aber geändert. Die meisten Ernährungswissenschaftler behaupten mittlerweile, Kokosnüsse beinhalten die besten gesättigten Fette. Denn deren mittelkettigen Fettsäuren werden anders verstoffwechselt als langkettige Fettsäuren, weswegen diese Art der Fette sogar der Fettverbrennung dient.

Die Rechnung geht scheinbar so: Bei täglich 15-30 Gramm Kokosnussöl wird die Fettumsetzung deines Körpers um fünf Prozent gesteigert, was dazu führt, dass du bis zu 150 Kalorien mehr am Tag verbrennen kannst. Das ist (tropische) Musik in meinen Ohren.

Doch zurück zu unserem Kokosnusswasser: Denn das scheint in meiner Peergroup weiterhin erfolgreich seinen Zauber zu versprühen. Und das, obwohl Produkte von Branchenriesen wie Vita Coco weniger Kalium—das nach einem harten Workout wichtig für die Rehydrierung ist—enthalten, als uns in der Reklame vollmundig verkündet wurde. Denn nach jedem Training in Londoner Muckibuden kann ich sehen, wie sie sich an praktisch jeder Ecke das Zeug runterkippen—neuerdings übrigens auch direkt aus frischen jungen Kokosnüssen (von Firmen wie CocoFace), deren Fleisch du gleich mitessen kannst.

Doch vielleicht sollten wir uns alle mehr auf das Fleisch bzw. das daraus gewonnene Öl als auf das Wasser der Kokosnuss stürzen. So haben schon viele Angehörige von Alzheimerpatienten übereinstimmend von einer Verbesserung des Kurzzeitgedächtnisses und einer deutlichen Stimmungsaufhellung bei den Betroffenen berichtet. Und via Google stößt du rasch auf weitere Vorteile für deine kognitive Leistung.

Zusammenfassend sind Kokosnüsse also echt ein supergesundes Lebensmittel. Das hat aber weniger mit seinem (ehemals) gehypten Wasser als mit dem aus Kokosnuss gewonnenen Öl zu tun. Denn das ist zweifelsohne der Stoff, aus dem die Träume sind. Aber da es äußerst kalorienreich ist (und obwohl wir ja mittlerweile wissen, wie toll Fett ist), gilt auch hier: lieber in Maßen genießen.

Ach so, fast vergessen—noch eine schöne Info für dich: Zu viel Kokosnusswasser lässt dich fast so schnell aufs Klo flitzen wie Bulletproof Coffee.

Oberstes Foto: Hafiz Issadeen | Flickr | CC BY 2.0