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Reisen

Party in einer tschechischen Burg aus dem 14. Jahrhundert

In Tschechien werden einfach die härtesten Parties gefeiert. Dafür rockt man auch mal eine 600 Jahre alte Burg in Grund und Boden.
15.7.13

Vor einigen Wochenenden fand die Sommersonnenwende statt—höchste Zeit also, seine alljährliche Depression abzuschütteln und die Wohnung zu verlassen. Deshalb reiste ich zum Silver Rocket Summa Summa, ein jährliches Musikevent, das vom tschechischen Plattenlabel Silver Rocket veranstaltet wird. Das Prager Label wurde 1997 gegründet und veranstaltet seit 2003 eine jährliche Sommerparty. Dieses mal war es also das 10-jährige Jubiläum und um das zu feiern—oder vielleicht, um diese zehn Jahre in einen relativen zeitlichen Kontext zu setzen—, mieteten die Veranstalter ein 600 Jahre altes Schloss.

Burg Točník liegt auf einem kleinen Hügel über dem winzigen Dörfchen Točník und wurde im 14. Jahrhundert unter König Wenzel IV. erbaut; ein umstrittener und kampfwütiger Herrscher. 1363 als König von Böhmen gekrönt, wurde er während seiner langen und chaotischen Herrschaft zweimal ins Gefängnis gesperrt und einmal sogar wegen „Nutzlosigkeit, Faulheit, Nachlässigkeit und Unwürdigkeit“ entthront. Er war bekannt dafür, ein schlimmer Alkoholiker zu sein, und als er 1419 an einem plötzlichen Herzinfarkt starb, stürzte es das Land in eine jahrzehntelange Krise und Krieg. Die Burg bei Točník fand nie wieder einen neuen Besitzer und verfiel mit der Zeit. Seine trümmerübersäten Überreste fielen 1923 letztendlich der tschechischen Tourismusvereinigung in die Hände.

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Burgen sind allgegenwärtig in den Landschaften der Tschechischen Republik und oft genug auf entfernten Hügelspitzen zu sehen. Während ich durch die ländliche Gegend außerhalb von Prag zum Silver Rocket fuhr, konnte ich mir mit ein wenig Blinzeln das Mittelalter vorstellen. Die Burgen und Schlösser stehen dort oben, und unten kleine Dörfchen; die soziale und ökonomische Ordnung des Mittelalters äußerte sich noch jetzt, Jahrhunderte später, in dieser klaren visuellen Metapher.

Als ich am Burgtor in Točník ankam, treffe ich Aran Nenadál, einen der Orginsatoren des Silver Rocket Summa Summa. Bärtig, etwas über 1,80m groß und gekleidet in Schwarz, strahlt Aran eine beeindruckende physische Präsenz aus—besitzt aber ein erstaunlich freundliches Auftreten und eine ruhige Stimme. Er zeigte mir die Burganlage und den weitläufigen Stall, in dem eine Bühne aufgebaut wurde sowie die zahlreichen Innenhöfe und Nischen mit ihren Getränke- und Essensständen. Wir beenden den Rundgang auf einer erhöhten Plattform mit Panoramablick über das Dorf Točník und die Umgebung.

Es ist bereits später Nachmittag. Die Menschenmenge sammelt sich im Haupthof und drängt sich an die kühlenden Steinwände oder sitzt im Schneidersitz im Schatten, um der stechenden Sommersonne zu entkommen. Unter einem klaren Himmel geben Bierstände ihre Getränke für unter einem Euro pro Becher raus. Ich mache den Fehler, das Event als „Festival“ zu bezeichnen. Aran korrigierte mich freundlich.

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„Wir benutzen das Wort Festival hier nicht“, erklärte er. „Für uns verkörpert es das Schlimmste an Musik.“ Warum er das Wort nicht mag, erklärte er allerdings nicht. Ich kann mir vorstellen, dass die Bezeichnung „Festival“ für ihn zu sehr mit den seelenlosen, kommerziellen Kräften hinter der Musikindustrie zusammenhängt. Oder er versucht, Vergleiche mit Mittelalterjahrmärkten zu vermeiden. Für mich ist es schwer, meine erste Assoziation mit dem Wort zu vermeiden: Feierlichkeiten. Aber tatsächlich, trotz den Hunderten Menschen mit den verschiedensten subkulturellen Vorlieben, die sich hier fröhlich tummelten, liegt etwas Düsteres über der Burg. Die Ruinen repräsentieren den Verfall der Zeit, die flüchtige Natur von Macht—ich denke an den armen Wenzel IV., der diesen Ort als Zuflucht erbaut hatte, nachdem seine alte Burg unter mysteriösen Umständen Feuer gefangen hatte. Ich stellte mir den isolierten, einsamen König vor, wie er sich in diesen brüchigen Mauern langsam zu Tode trinkt. Die Mauersteine selbst  schienen einen gewissen Kummer zu verbreiten und eine Menge uralte, ungelernte Lektionen zu beinhalten.

Als die Abenddämmerung hereinbricht, beginnt die Musik. Auf einer Open-Air-Bühne im Haupthof treten Punk- und Post-Punk-Bands auf, während die höhlenartige Innenhalle vielschichtiger Künstler—wie den Banjospieler Tim Remis und das DJ-Team aus Brooklyn, MCR Riddims—bereithält. Das Line-up war vielseitig und die Menge schien kein Problem damit haben, ihre Aufmerksamkeit enthusiastisch und ohne große Mühe von Genre zu Genre zu verlagern. Die deutsche Punkband Auxes führte die Außenbühne an und die Menge in einen Fistbump-Rausch, während MRC Riddims mit ihren tranceinduzierenden Elektrobeats die jahrhundertealten Mauern erschütterten.

„Wir machen diese Sache, dieses Event, nun seit 10 Jahren und jedes Jahr findet es woanders, unter anderem Namen und zu einem anderen Zeitpunkt statt“, sagt er. Das scheint ein Patentrezept für Verwirrung zu sein, dachte ich. Aber für Aran war diese Wandelbarkeit Teil des Plans. „Wir wollen uns nicht wiederholen. Ein Jahr haben wir es nur für die kleinsten Bands aus der ganzen Tschechischen Republik gemacht. Ein Jahr gab es nur Sprachbeiträge. In einem anderen Jahr hatten wir nur Solokünstler hier, keine Bands. Jedes Jahr hat also eine andere Bedeutung, einen anderen Ansatz. Schon 2005 haben wir es hier auf Burg Točník veranstaltet und da es unser 10-jähriges Jubiläum ist, wollten wir das irgendwo feiern, wo wir wussten, was uns erwartet. Es ist en wunderschöner Ort …“

Das konnte man wirklich nicht bestreiten. Ich bat ihn, mir zu erzählen, was er mit Burgen assoziierte. Was fiel ihm ein, wenn er an sie dachte?

„Ritter, Drachen, Prinzessinnen“, sagt er nach einer kurzen, nachdenklichen Pause. „All die Geheimnisse, die damit zusammenhängen.“ Die Antwort basierte viel mehr auf Fantasy, als ich erwartet hätte. Was ist mit der Geschichte? Was ist mit Wenzel IV.? Ich fragte Aran, ob er etwas über den ursprünglichen Besitzer der Burg wüsste. „Ja“, antwortete er. „Wenzel IV. war der Sohn einer der berühmtesten tschechischen Könige, Karl IV., der die Karlsbrücke erbauen ließ. Wenzel errichtete diesen Ort, um sich von Prag und den Pflichten eines Königs zu erholen. Es gab hier viele Freuden für ihn—Wein, Frauen. Ich kann es mir vorstellen …“ Seinen gelassenen Blick über meinen Kopf hinweg auf die Feiernden gerichtet, driftete seine Stimme langsam weg. „Ich weiß, das sieht so mühelos aus“, sagt er, „aber es war sehr schwer, das hier möglich zu machen.“ Er sieht erschöpft aus, aber glücklich. All die harte Arbeit und die organisatorischen Kopfschmerzen haben sich ausgezahlt. Trotz seiner gegenteiligen Beteuerung hat er sein Ziel erreicht: die Atmosphäre war festlich.