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Was für widerliches Zeug wirklich in Kokain steckt

Zutaten wie Haarspray, eine Prise Zement oder ein Entwurmungsmedikament für Tiere können beim Konsumenten eine chemische Form von AIDS hervorrufen.

von Morten Vammen
10 März 2014, 1:41pm
 

Titelfoto von Giorgi Nieberidze

Kokain ist überall. Amphetamine und Ecstasy mögen im Rückzug begriffen sein, doch bei Kokain ist das nicht der Fall, wie du auch an deiner aufgequollenen Nase merken kannst. Wie in jeder anderen Branche sind Hersteller von Drogen ständig auf der Suche nach Profitoptimierung, weshalb sie dein Koks mit allen möglichen unappetitlichen Zusatzstoffen strecken. Aber weißt du, woraus die Lines auf deiner CD-Hülle wirklich bestehen? Wir wussten es nicht und haben Kim Gosmer, einen Chemiker, der sich auf Drogen spezialisiert hat, darum gebeten, seine Weisheit mit uns zu teilen:

Auf die Kokainforschung habe ich mich während meiner Zeit in der Sektion für Toxikologie und Drogenanalyse in der Abteilung für forensische Medizin an der Universität Aarhus in Dänemark spezialisiert. Bei dem Kokain, das ich untersucht habe, handelte es sich um Proben von kleinen, unreinen Straßenpackungen bis zu ungeschnittenen hochwertigen Brocken, die direkt von der Quelle stemmen. Die Untersuchung des hochwertigen Kokains war am interessantesten, da es die Vorgänge hinter den Kulissen dieser „Wissenschaft" des Panschens aufdeckte, durch die die Wirkung von Kokain gesteigert wird. Die meisten wissen, dass Kokain mit Mitteln wie Zucker oder Kreatin gestreckt wird und dass dies mit ebenfalls stimulierenden und lokal betäubenden Stoffen wie Koffein, Lidocain oder Benzocain verschleiert wird. Doch nur wenige wissen, dass bei der Herstellung von Kokain noch ganz andere Tricks zum Zuge kommen.  

Levamisol ist ein Anthelminthikum, das gegen parasitäre Würmer wirkt. Das Medikament wurde sowohl zur Entwurmung von Menschen als auch Nutztieren eingesetzt. Seitdem entdeckt wurde, dass es Agranulozytose hervorruft (eine starke Verminderung weißer Blutkörperchen, die den Organismus anfälliger für Infektionen macht), wird es allerdings nur noch zur Behandlung von Tieren verwendet. Dennoch ist es nicht nur ein beliebtes Entwurmungsmittel für Kühe, sondern wird auch gern zum Verschneiden von Kokain genutzt.

Forensische Chemiker stoßen immer öfter auf Kokain, das mit Levamisol verunreinigt wurde, sowohl beim Straßendealer als auch in tonnenschweren Lieferungen. Das bedeutet, dass die Zusatzmittel noch vor dem Export aus Südamerika ins Kokain gemischt werden. Die Frage ist also: Warum macht man sich die Mühe, qualitativ hochwertiges Kokain, dessen Herstellung (im Vergleich zu den Preisen auf der Straße) so gut wie nichts kostet, mit einem Präparat zu verdünnen, das teurer ist als alle anderen Verschneidungs- und Verdünnungsmittel? Die Menge des Levamisol, das im Kokain gefunden wurde, ist normalerweise nicht besonders groß. Es geht also weder darum, das Gewicht zu erhöhen, noch dient es als Stimulanz oder lokales Betäubungsmittel. Man weiß jedoch, dass einer der Metaboliten von Levamisol eine Verbindung namens Aminorex ist, die ähnlich wie Amphetamine wirkt.

Ein weiterer Grund könnte mit der Tatsache zu tun haben, dass Levamisol die Menge an Dopamin steigert, das durch das erhöhte Glutamatlevel im Gehirn ausgeschüttet wird. Da die euphorisierende Wirkung von Kokain vor allem dadurch hervorgerufen wird, dass das Protein blockiert wird, das Dopamin weitertransportiert—was wiederum dazu führt, dass mehr Dopamin mit den entsprechenden Rezeptoren interagieren kann—, könnte es sein, dass Levamisol die Wirkung von Kokain erhöht. Einige behaupten sogar, dass Levamisol Reinheitstests von Kokain besteht, aber warum sollten sich Kokainproduzenten darüber Gedanken machen? Sie sind längst bezahlt, wenn die Droge auf den Markt kommt. Für mich sind die Aminorex- und Dopamin-Theorien am wahrscheinlichsten, ich kenne jedenfalls keine anderen plausiblen Gründe. Levamisol steigert im Grunde den Rausch.

2005 wurde Levamisol in fast zwei Prozent des von der DEA [US-Drogenbehörde] konfiszierten Kokains gefunden. 2007 stieg der Anteil auf 15 Prozent, und 2011 waren schwindelerregende 73 Prozent des beschlagnahmten Kokains mit Levamisol gestreckt. Eine ähnliche Tendenz ist in Europa und in den Proben zu beobachten, die ich analysiert habe. 2008 und 2009 lag die Häufigkeit bei etwa 66 Prozent. 2011 und 2012 waren 90 Prozent des dänischen Kokains mit Levamisol gestreckt. Über die Nebenwirkungen muss sich der durchschnittliche Konsument keine Sorgen machen, da er nicht täglich mit dem Wirkstoff in Berührung kommt. Habituelle Konsumenten sollten sich jedoch definitiv Gedanken machen.

Kim Gosmer

Agranulozytose ist mit einer chemischen Art von AIDS vergleichbar—es beeinträchtigt das Immunsystem so stark, dass sogar kleine Infektionen und Kratzer lebensbedrohliche Erkrankungen hervorrufen können. Weil du in diesem Fall an einer sekundären Infektion erkrankst, lässt sich keine Liste mit Symptomen erstellen. Deshalb ist es sehr schwierig für Ärzte, Agranulozytose zu diagnostizieren, es sei denn, sie wissen, wonach sie suchen. Ebenso schwierig ist es, genau zu beziffern, wie viele Menschen aufgrund von derartigem Kokain gestorben sind. Es sind mehrere Todesfälle bekannt und es gab viele Fälle von Agranulozytose, die festgestellt wurde, bevor es zu spät war.

Die Produktionskette beginnt bei den Bauern, die das Kokain normalerweise aus den Kokainblättern extrahieren und mit einer Mischung aus Benzin und Zement eine rohe Kokainpaste herstellen. Die Paste kann leichter transportiert werden als eine große Menge an Blättern, hat aber nur eine kurze Halbwertszeit. Der Bauer verkauft sie an einen „Abnehmer" auf der nächsten Produktionsebene. Bei ihm handelt es sich entweder um einen selbstständigen Großhändler oder jemandem, der bei einem Dschungellabor (dritte Ebene) angestellt ist. Die Kokainpaste wird auf zweiter oder dritter Ebene gereinigt, um die Haltbarkeit zu verlängern. Eine übliche Methode dafür ist das Oxidieren der Unreinheiten mit Hilfe von Kaliumpermanganat, einem sehr starken Oxidationsmittel mit einer kräftigen violetten Farbe.

Im Rahmen der Operation Purple versuchte die DEA im Jahr 2000, durch eine weltweite Überwachung des Versands und Vertriebs von Kaliumpermanganat die Kokainproduktion einzudämmen. Dies war bis zu einem gewissen Grad erfolgreich, doch die milliardenschwere Kokainindustrie fand schließlich einen Weg, das Kaliumpermanganat zu ersetzen. Und so kam es, dass—Überraschung!—noch immer reichlich Kokain auf dem Markt vorhanden ist.

Auf der dritten Ebene der Produktion wird dem Kokain Salzsäure hinzugefügt, um es in das Salz zu verwandeln, das zu dem ausfällt, was als hochwertiges kristallines Kokain bekannt ist. Jetzt kommen die Exporteure und Importeure ins Spiel, die die vierte Ebene bilden. Wenn du Glück hast und einen Importeur kennst, kannst du hier gutes Zeug bekommen—außer, die Lieferung kommt aus Afrika. Der Weg über Afrika ist eine verbreitete Schmuggelroute, da es einfacher ist, Kokain aus Afrika nach Europa zu verkaufen als direkt aus Südamerika. Zugleich ist es hochwahrscheinlich, dass das Produkt hier zusätzlich gestreckt wird. Gleiches gilt für Osteuropa. Die Möglichkeiten, die Reinheit und den Inhalt von Kokain zu variieren, sind nahezu unbegrenzt und hängen von der Kreativität der Schmuggler ab.

Eins jedoch ist gewiss: Da durch den Handel mit der Droge viel Geld gemacht werden kann, wird Kokain in jedem Abschnitt der Lieferkette mit irgendeinem weißem Pulver gestreckt, um den Profit zu maximieren. Normalerweise gerät dies außer Kontrolle, wenn das Kokain im Zielland angekommen ist und in kleinere Portionen aufgeteilt wird. Jeder möchte ein Stück vom Kuchen abbekommen, seien es die Gangmitglieder, die für den „primären" Import verantwortlich sind, oder ihre Läufer, die das Zeug an die Dealer verteilen.

Kokain von der Straße ist im Durchschnitt nur zu 20 bis 30 Prozent rein. Angesichts der Bandbreite von Verdünnungsmitteln ist es für den Verbraucher schwierig, die Qualität einer Tüte Kokain einzuschätzen. Wenn du Chemiestudent bist oder einen solchen kennst, kannst du natürlich einen Reinheitstest durchführen. Dennoch hast du zu diesem Zeitpunkt bereits dein Erspartes für ein zweifelhaftes Produkt ausgegeben und müsstest mindestens zehn Gramm haben, damit es die Sache wert ist.

Der verlässlichste Straßentest ist, meiner Meinung nach, am Kokain zu riechen. Kokain hat ein sehr eigentümliches Aroma, das den Zusatzmitteln fehlt. Um ein Urteil treffen zu können, ist es allerdings erforderlich, dass du schon viele Kokainsorten mit verschiedenen Reinheitsgraden gerochen hast. Diese Gelegenheit haben jedoch nur wenige Menschen. Ich denke, dass ich die Reinheit von Kokain dadurch abschätzen könnte, dass ich an ihm rieche, es mir ansehe und ein paar Milligramm probiere. Aber ich hatte auch schon viele Proben mit jeweils bekannten Reinheitsgraden vor mir.

Ein Anzeichen eines hohen Reinheitsgrades ist die flockige Konsistenz. Es ist jedoch keine Garantie, da dies von der angewendeten Kristallisationsmethode abhängt und erfordert, dass das Kokain nicht zerstoßen wurde. Kokainbrocken dagegen sind kein guter Indikator. Dealer benutzen einfach Haarspray, um gepanschtes Kokainpulver wieder zu Brocken zu verfestigen. Das solltest du im Kopf behalten, wenn du nächstes Mal einen Brocken zerkleinerst.

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