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Die Bücher in der Bibliothek von Antwerpen sind mit Herpes und Koks kontaminiert

Wissenschaftler der katholischen Universität Leuven haben Bücher aus der Stadtbibliothek von Antwerpen auf Mikroben und Bakterien untersucht. Was sie dabei gefunden haben? Herpes und Koks.

von Nadja Sayej
13 Dezember 2013, 2:29pm

Wissenschaftler der katholischen Universität Leuven haben die zehn meistausgeliehenen Bücher der Stadtbibliothek von Antwerpen auf Mikroben und Bakterien untersucht. Was sie dabei gefunden haben? Herpes und Koks. 

Auf allen untersuchten Bücher wurden Kokainspuren nachgewiesen—ganz besonders auf E.L. James’ Sadomaso-Roman Shades of Grey. Auf anderen Büchern wurden Spuren des für Fieberbläschen verantwortlichen Herpes-simplex-Virus 1 gefunden. Während das Labor des Mikrobiologieprofessors Johan Van Eldere für die Herpestests zuständig war, widmete sich der Toxikologieprofessor Jan Tytgat dem Nachweis von Kokain und THC. THC-Spuren gab es erstaunlicherweise keine. 

Zu den getesteten Büchern zählten außerdem der Krimi Tango des belgischen Schriftstellers und Detektivs Pieter Aspe, und der Bestseller des flämischen Autors Dimitri Verhulst Die Beschissenheit der Dinge. Auch auf mehreren Kinderbücher wie dem Comic Jommeke fanden sich Spuren von Kokain. 

Warum es so viel Koks in Antwerpen gibt? Am Hafen werden extrem viele Drogen gehandelt—das kam letzte Woche auch in die Schlagzeilen, als Dealer die Idee hatten, sich mit Hackern zu verbünden, um sich Zugang zu den Informationsnetzwerken des Hafens zu verschaffen. Mit 500.000 Einwohnern ist Antwerpen nach Brüssel die zweitgrößte Stadt Belgiens.

Wenngleich die Bakterienkonzentration in diesen Büchern viel zu niedrig ist, als dass sie jemanden, der das Buch durchblättert, gefährden könnte, ist sie dennoch zu 25 bis 40% höher als in den weniger populären Büchern. Dennoch könntest du Probleme bekommen, wenn du zum Beispiel Sportler bist, eines der Bücher gelesen hast und von der Anti-Dopingagentur aufgefordert wirst, in einen Behälter zu pinkeln, sagt Professor Tytgat.

Um mehr darüber zu erfahren, haben wir ihn angerufen. Er klärte uns über die toxikologischen Feinheiten auf und darüber, ob Bibliotheken mal gründlich saubermachen sollten.

VICE: Warum haben Sie ausgerechnet die Stadtbücherei Antwerpen für das Experiment ausgewählt?
Jan Tytgat:
Weil Antwerpen eine große Stadt ist und dort außerdem viel mit Drogen gehandelt wird.

Wie sind Sie vorgegangen? Haben Sie die Bücher ausgeliehen und dann die Seiten und die Titelblätter getestet?
Wir haben die Bücher direkt aus den Regalen der Bücherei geholt, sie in eine sterile Plastiktüte gewickelt und in die Universität Leuven gebracht. Dort hat das Team meines Kollegen Johan Van Eldere sich um die mikrobiellen Tests gekümmert. Unter den getesteten Exemplaren fand sich Shades of Grey, mehrere Comics für Kinder und mehrere Thriller. In der Studie haben wir ausschließlich die Buchdeckel untersucht.

Haben Sie auch THC-Spuren gefunden?
Nein—das hat mich übrigens überrascht. 

Auf allen getesteten Büchern wurde Kokain nachgewiesen—sogar auf den Comics für Kinder. Hat Sie dieses Ergebnis auch überrascht?  
Ja. Man muss aber anmerken, dass eine „Kontamination“ nicht auszuschließen ist. Es ist absolut möglich, dass die Spuren von verschiedenen Buchdeckeln übertragen wurden, da die Bücher bei der Rückgabe in der Bibliothek gestapelt werden. 

Sie haben gesagt, dass Drogentests heute so genau sind, dass bei jemandem, der ein kontaminiertes Buch in der Hand hatte, Spuren der Droge in Haar, Blut und Urin nachgewiesen werden können. Ist das gesundheitlich gefährlich?
Nein. Die Kokainspuren und die gefundenen Mikroorganismen sind minimal und—das muss betont werden—stellen auf keinen Fall eine Gefahr für den Menschen dar. 

Ist es möglich, dass Leute, die ein kontaminiertes Buch gelesen haben, positiv auf Kokain getestet werden?
Ich habe noch keinen Beweis dafür, aber ich kann die Möglichkeit auch nicht ausschließen. Das hängt davon ab, wie lange der Leser mit dem Buch in Berührung war, und welche Dosis im Buch enthalten ist. Was mich unter anderem beschäftigt, ist die Politik der Null-Toleranz, die die WADA (World Anti-Doping Agency) in Bezug auf Kokain (im Urin) fährt. Heutzutage benutzen die Toxikologen so präzise Methoden, dass man die Nadel im Heuhaufen finden kann.

Stellen Sie sich einen Athleten vor, in dessen Urin eine winzige Spur Kokain gefunden wurde, so wenig, dass bezweifelt werden muss, ob es überhaupt eine pharmakologische oder toxikologische Wirkung auf seinen Organismus gegeben hat bzw. seine physische Leistung beeinflusst hat. Der Sportler würde trotzdem von der WADA verurteilt werden. Als Wissenschaftler und Toxikologieexperte schlage ich vor, dass die WADA den erlaubten Kokainanteil im Urin überdenkt und einen höheren Wert festlegt, damit man wirklich sicher gehen kann, dass der Athlet Kokain genommen hat. Eine niedrigere Konzentration wäre demnach legal. Das würde auf eine ähnliche Praxis wie die Alkoholgrenze bei Autofahrern hinauslaufen.

Wurde aus dem Experiment eine Lehre gezogen? Sollten neue Hygienemaßnahmen in den Bibliotheken eingeführt werden?
Achtung, diese Entdeckungen sind kein Grund, nicht mehr in Bibliotheken zu gehen! Aber man könnte den Lesern nahelegen, mehr auf die Hygiene zu achten, und sie zum Beispiel auffordern, sich regelmäßiger die Hände zu waschen. Aber man muss sich auch im Klaren darüber sein, dass die Bücher in dem Moment, in dem man die Bücherei verlässt und zum Beispiel Türgriffe oder Geld anfasst und Leuten die Hand schüttelt, doch wieder kontaminiert werden können. Und letztlich ist eine allzu strenge Hygiene auch gar nicht gut für die Gesundheit. Es ist keine gute Idee, mit Schutzhandschuhen zu leben. Für den Körper ist es nur von Vorteil, wenn das Immunsystem ab und zu ein bisschen herausgefordert wird. 

Haben Sie in der Bücherei auch die Bibel getestet?
Das ist eine ausgezeichnete Idee! Noch haben wir es nicht gemacht, aber ich wäre gespannt auf die Ergebnisse ...