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Der vermeintliche Berliner "Urin-Nazi" ist verurteilt – Zum 20. Mal

Sprüche wie "Alle Ausländer haben dreckiges Blut", "Wir sind die Herrenmenschen" und Tritte gegen Fahrgäste in der Berliner Ringbahn sind nur ein Auszug seiner Taten.
27.4.16

Foto: imago | Seeliger

Seit 16 Jahren ist der in Berlin als "Urin-Nazi" berühmt gewordene und sich selbst zur Herrenrasse zählende Christoph S. verhaltensauffällig. "Verhaltensauffällig" bedeutet in seinem Falle: 19-fach vorbestraft.

Nun bekam der 33-jährige Hartz-IV-Empfänger sein jüngstes Urteil vom Amtsgericht Tiergarten vorgelesen und sei laut seinem Verteidiger schockiert, berichtet die taz. Das Strafmaß für gleich vier verschiedene Taten, die in einem Abwasch verhandelt worden waren, lautet 32 Monate Haft. Der Tathergang erinnert an ein GTA-Spiel, nur als traurig-erbärmliche Neonazi-Hartz-IV-Variante ohne Autos und Hubschrauber, dafür mit einfachem Wodka und S-Bahn-Fahrten, nicht in San Andreas, sondern Berlin.

Am 27. März 2015 soll Christoph S. mit einem Freund im Schlepptau die S-Bahn S7 betreten und die Fahrgäste mit einem zünftigen "Heil Hitler" und der entsprechenden Armgeste begrüßt haben. Brüllend. Als ein männlicher Fahrgast die zwei Neonazis auf ihr Verhalten ansprach, jagte, schlug und trat ihn Christoph durch die Bahn. Der Satz "Ich bin ein Nazi, ich mach dich fertig" ist u.a. auch gefallen. Das war der erste zu verhandelnden Tattag.

Am 22. August 2015 ist Christoph dann wieder mit einem Gleichgesinnten S-Bahn gefahren. Diesmal war es die S41 und er selbst hatte, wie sich später herausstellte, 2,51 Promille im Blut. Allein damit schon ein Verstoß gegen seine Auflagen, weil er wegen eines älteren Vergehens unter Führungsaufsicht stand und eigentlich keinen Alkohol trinken durfte. Neben dem Suff fiel Christoph mit seinem Freund bei den Fahrgästen durch Neonazi-Rhetorik auf: "Alle Ausländer haben dreckiges Blut", "Asylantenheime sollen brennen" oder "Judenschlampe" sind nur ein Auszug dessen, was er zum Besten gab.

Ideologisch aufgeheizt hätten sich Christoph und sein Kumpel bereits am S-Bahnhof Landsberger Allee, wo sie im Chor "NSDAP" brüllten, berichtet die B.Z.. Im Zug ging es dann wie gesagt weiter. Auch Texte wie "Wir sind die Herrenmenschen", "Reinigt Deutschland" und "Scheiß Asylantenpack" sind gefallen. Als es einem Fahrgast zu bunt wurde und er vom Handy aus die Polizei verständigte, riet diese ihm, kurz vor dem Bahnhof Frankfurter Allee die Notbremse zu ziehen. Auf diese Weise wären die Sicherheitsmitarbeiter der Bahn und die Polizei im Stande, die zwei Neonazis einzukassieren. Gesagt, getan. In der Zwischenzeit aber störte sich Christoph S. an dem Anblick einer ausländisch aussehenden Frau und ihrer zwei Kinder. Als Konsequenz zeigte er ihnen sein Genital und das nackte Gesäß. Dass er zudem auf die drei Opfer uriniert hat, konnte nicht bewiesen werden. Mit Sicherheit kann allerdings gesagt werden, dass der über sein Strafmaß schockierte S. mehr als die 32 Monate zu verbüßen haben wird: Im Januar 2016 hat er auf einer Demonstration von Bärgida—dem Berliner Ableger von Pegida—wieder den Hitlergruß gezeigt und eine Flasche Nobelwodka geklaut. Ach ja: Und natürlich ist er an dem Tag auch schwarz S-Bahn gefahren und erwischt worden. Allein dafür wurde er vom Amtsgericht zu neun Monaten Haft verurteilt, die nun mit der neusten Haftstrafe verrechnet werden könnten. Wie genau, wird sich noch rausstellen. Wie die taz berichtet, ist Christoph S. in Berufung gegangen und hofft auf einen Strafrabatt durch das Zusammenziehen beider Strafen. Aber drei Jahre wird Christoph S. bestimmt nicht mehr Bahn fahren, vielleicht auch noch ein paar Monate mehr.