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Astronomen sind genervt, weil Neuseeland eine Discokugel ins All geschossen hat

Für die meisten ist der Satellit Humanity Star ein schöner, wenn auch nutzloser Leuchtpunkt am Nachthimmel. Astronomen ist er jedoch ein Dorn im Auge – aus gutem Grund.

von Daniel Oberhaus
02 Februar 2018, 9:23am

Bild: Rocket Lab | Twitter

Ende Januar hat das neuseeländische Raumfahrtunternehmen Rocket Lab die erste kommerzielle Ladung mit ihrer Electron-Rakete in die Erdumlaufbahn geschossen. Unter den Objekten befanden sich zwei Satelliten, die unter anderem Wetterdaten sammeln sollen, und der "Humanity Star": eine überdimensionale Discokugel.

Die reflektierende Kugel ist ein Kunstobjekt und soll einfach nur gut aussehen. Laut Rocket Lab ist der "helle, blinkende Satellit" nachts für das bloße Auge erkennbar und soll Leute – egal ob arm oder reich – dazu inspirieren, "aufzublicken und über unseren Platz im Universum nachzudenken". Natürlich gibt es in der Erdumlaufbahn auch diverse andere helle, blinkende Satelliten, die mit dem bloßen Auge erkennbar sind und die eine wissenschaftliche Funktion erfüllen. Doch Rocket Lab scheint sich in einer äußerst pragmatischen Branche Zeit für eine fast schon poetische Geste zu nehmen.

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Aber nicht jeder freut sich über die schillernde Discokugel, die nun über unseren Köpfen schwebt.

Nachdem Rocket Lab bekannt gegeben hatte, welche mysteriöse Ladung sich an Bord ihrer Rakete befand, brachten mehrere Astronomen und Weltraumenthusiasten ihre Bedenken über den Satelliten auf Twitter zum Ausdruck. Ian Griffin, Astrofotograf und Leiter des Otago Museums in Neuseeland, bezeichnete die Kugel als "Umweltvandalismus". Neuseeland sei das erste Land, das “versuche den Kosmos zu taggen”, sagte er.

Tim O'Brien, Professor der Astrophysik an der University of Manchester, fragte: "Warum können wir uns nicht alle daran erfreuen, dass wir die Internationale Raumstation (und viele andere Satelliten) sehen können, auf denen sich tatsächlich Menschen befinden und die etwas Nützliches leisten? Anders als dieser überflüssige PR-Stunt."

Wir wissen nicht, ob Rocket Lab vor seinem Start darüber nachgedacht hat, welche Auswirkungen der Satellit auf die Astronomie haben würde. Motherboard hat das Unternehmen um einen Kommentar gebeten und wir werden diesen Artikel aktualisieren, wenn wir eine Antwort erhalten.

Auch wenn man die Kritik, die gerade auf Twitter laut wird, leicht als die zynischen Äußerungen von ein paar Wissenschaftlern abtun kann, die keinen Spaß verstehen, sprechen sie trotzdem ernstzunehmende Probleme an.


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Erstens stellt Weltraumschrott ein wachsendes Problem dar, für den es bisher keine praktische Lösung gibt: Je mehr Satelliten und ihre Überbleibsel im Orbit kreisen, desto wahrscheinlicher werden Zusammenstöße. Da fällt es schwer, den Humanity Star, der keiner praktischen Funktion zu dienen scheint, nicht auch nur als ein weiteres Stück Weltraummüll zu sehen. Die Astronomen fürchten zudem, dass das Licht der Kugel andere wissenschaftliche Messungen stören könnte. Laut Rocket Lab befindet sich der Satellit im niederen Erdorbit und wird innerhalb von neun Monaten in der Erdumlaufbahn verglühen. Somit sollte sein Einfluss auf andere Weltraumobjekte nicht allzu groß sein. Diese Lebensdauer ist damit um einiges kürzer als die höher fliegender Satelliten und gleicht etwa der von Nanosatelliten, die tatsächlich einen wissenschaftlichen Zweck erfüllen.

Rocket Labs Discokugel wird von vielen als Marketing-Gag verstanden. Doch das wirft neue Fragen auf: Wer hat eigentlich das Recht, Werbung im Weltall zu schalten!? Die Kommerzialisierung des Erdorbits ist bisher unreguliertes Neuland. Der Mondvertrag der UN verbietet es nationalen Akteuren, Gebiete auf dem Mond oder anderen Himmelskörpern zu beanspruchen, doch andere kommerzielle Regulierungen gibt es im Weltall bisher nicht.

Bis die offenen Fragen über die Nutzung von Weltraumressourcen geklärt sind, werden Privatunternehmen weiter nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen in den Weltraum vorstoßen – mit Asteroidenbergbau, dem Sportwagen eines exzentrischen Milliardärs oder eben mit einer glitzernden Discokugel.

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