Wir waren im Jugendknast bei einem Skate- und Parkour-Workshop
Alle Fotos: Rebecca Rütten
Kriminalität

Wir waren im Jugendknast bei einem Skate- und Parkour-Workshop

"Da sind Räuber, Mörder und Vergewaltiger bei. Und du weißt nicht, ob und wann einer austickt", sagt der Trainer.
1.6.17

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, den Tag mit verurteilten Kriminellen zu verbringen. Hier in der Jugendstrafanstalt (JSA) Regis-Breitingen, einem Jugendknast in der Nähe von Leipzig. Vier rotgeziegelte Haupthäuser beherbergen die Zellentrakte. Daneben liegen um einen Hof Sporthalle und Sportplatz, Schul- und Ausbildungsgebäude. Der ganze Komplex ist umgeben von drei hohen Maschenzäunen, auf dem höchsten glänzt messerscharfer Natodraht in der Mai-Sonne. Dazwischen blüht wilder Mohn, im Garten dahinter Rosen. Über allem liegt das Pfeifen eines Uhus, denkt man erst, bis man merkt, dass es die Häftlinge sind, die sich mit Vogelgeräuschen und Rufen zwischen den Zellenfenstern verständigen und sich die Langeweile vertreiben. Dabei ist heute eigentlich kein Tag wie jeder andere.

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Die Häftlinge dürfen heute ausbrechen – wenn auch nur aus ihrer Haftroutine, aber immerhin für einen ganzen Tag. Die gemeinnützige Organisation Gorilla gibt hier heute Workshops in Breakdance, Parkour, Freestyle-Soccer, Skateboarding, Footbag und Freestyle-Frisbee, aber auch Kurse zu gesunder Ernährung. Die Trainer sind teilweise Welt- und Europameister in ihrer Disziplin. Aber was können bunt gekleidete Funsportler teils Schwerkriminellen wirklich nachhaltig mitgeben?

Die Zaunanlage der JSA Regis-Breitingen

"Ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen", sagt Tobias Kupfer, selbst ehemaliger Skateboard-Weltmeister. Die noch frischen Abschürfungen an seinen Ellenbogen trägt er wie Auszeichnungen. Der 41-Jährige hat als Geschäftsführer Gorilla nach Deutschland geholt. Normalerweise arbeitet er mit Schülern zusammen, die sich für seine Workshops bewerben. Doch die letzte Ausschreibung haben zwei Inhaftierte aus Regis-Breitingen gewonnen.

Jetzt muss Tobi irgendwie damit klarkommen, dass er heute die Verantwortung für 21 Mitarbeiter und Coaches trägt. "Du weißt ja nicht, worauf du dich einlässt. Du gehst in einen Jugendknast und die haben hier alles gemacht. Da sind Räuber, Mörder und Vergewaltiger dabei. Und du weißt nicht, ob und wann einer austickt."

Tobias Kupfer bringt Sport in den Knast

Bevor die Kurse beginnen, versammeln sich alle für eine Ansprache in der Sporthalle. Die Inhaftierten trudeln nach und nach ein. Manche gehen mit rausgedrückter Brust, Schultern nach hinten, die Arme raumgreifend nach außen gestellt. Die Blicke schweifen weit, Handschläge werden ausgetauscht, Gelächter. Andere ziehen den Kopf zwischen die Schultern und stellen sich unauffällig abseits. Es wirkt, als ob die Rangordnung in sekundenschnelle festgelegt wird. Über Brustkorbumfang, Bizepsgröße, Körpersprache.

Die meisten der Männer tragen dunkelblaue Anstaltshirts und schwarze Sneaker. Um den Handel zu unterbinden, dürfen nur erwachsene Gefangene und Häftlinge im offenen Vollzug eigene Kleidung besitzen. 347 Betten gibt es in Regis, 70 Insassen konnten sich für die Kurse anmelden. Die Männer waren zwischen 14 und 21, als sie ihre Straftaten begangen, manche sitzen schon seit fünf Jahren. Das Gorilla-Team wurde vorher gebrieft, nichts mitzunehmen, was als Waffe benutzt werden kann, zum Beispiel Gegenstände aus Glas. Nach der Begrüßung bekommen die Häftlinge Alu-Trinkflaschen geschenkt.

Nur bestimmte Häftlinge dürfen eigene Kleidung besitzen

Die Trainer stellen sich vor, demonstrieren ihre Sportart. "Das Schöne beim Breakdance ist, dass du frei bist. Du kannst machen, was du willst", sagt Navid Svino von den Flying Steps. Applaus bei den Insassen. Danach verteilen sich alle auf ihre Gruppe. Die meisten haben sich für Parkour angemeldet. Die Skateboarder sammeln sich in einem langen Gang im Erdgeschoss, den das Gorilla-Team mit Rampen bestückt hat. Viele Teilnehmer arbeiten noch an den Basics, doch einer zieht hüfthohe Ollies und Kickflips, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Paul*, 22, Boxerschnitt wie die meisten hier, lange Narbe am Schienbein, stand seit fast zwei Jahren nicht mehr auf einem Skateboard. So lange sitzt er hier schon ein. Davor hat er in ganz Ostdeutschland an Contests teilgenommen. "Ich hab mich übelst gefreut auf den Tag. Ich will eigentlich gar nicht zum Essen gehen und die ganze Zeit weiterfahren." Selbst draußen in Freiheit hat er nicht jeden Tag mit Typen wie Tobi geskatet. Der Trainer stammt aus Leipzig, skatete schon in der DDR und ist mit seinen vielen Meistertiteln für Paul wie für viele Skater im Osten eine lebende Legende. "Ich versuche jetzt erstmal, das wieder hinzukriegen, was ich schon kann", sagt Paul, "aber wenn noch Zeit ist, was Neues zu lernen, dann würde ich ihn schon fragen."

Paul ist seit zwei Jahren nicht mehr Skateboard gefahren

So sehr sich Paul freut, so absurd wirkt die ganze Szenerie: Eigentlich soll das heute ein Tag für die Häftlinge sein. Eine Belohnung. Viele haben gestern ihre schriftlichen Quali-Prüfungen abgelegt, auch Paul. Trotzdem dürfen sie den Tag nicht einfach genießen. Außer uns schwirren noch mehrere Kamerateams herum, beobachten jeden steifen Tanzmove beim Breakdance und jeden unsicheren Schritt auf dem Skateboard. Aber die JSA will sich nach außen als modernes, offenes Gefängnis präsentieren und man fragt sich, ob es mit etwas zu tun hat, das hier vor fast zehn Jahren passiert ist.

Im Mai 2008 hatten sieben Häftlinge einen 18-jährigen Mithäftling über mehrere Wochen gequält. Sie übergossen ihn mit kochendem Wasser und schlugen ihn mit einem Besenstil. Schon davor hatte einer der Täter ihn vergewaltigt. Sie drohten ihrem Opfer, ihn von russischen Mithäftlingen ermorden zu lassen. Der 18-Jährige versuchte zweimal, sich umzubringen. Den fehlgeschlagenen Suizid wollten seine Peiniger zu Ende führen und versuchten, ihn mit einem Gürtel zu strangulieren. Er überlebte nur knapp. Die Geschichte kam erst ein Jahr später heraus. 2010 wurden die Täter verurteilt. Erst mehrere Monate danach räumte der damalige sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) Fehler bei der Unterbringung der Häftlinge ein


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Uwe Hinz leitete damals die Anstalt und ist auch heute noch für die Häftlinge verantwortlich. Eine Imagekampagne will er hinter dem Gorilla-Workshop aber nicht sehen. Auch damals habe es schon Sportangebote gegeben, sagt der 53-Jährige. Die JSA Regis-Breitingen wurde 2007 als modernste Jugendstrafanstalt Sachsens an der Stelle eines ehemaligen DDR-Knasts eröffnet. Aber wie konnte es damals trotzdem zu solchen Vorfällen kommen? "Auf engstem Raum um die 300 junge Männer zusammen zu sperren, von denen etwa die Hälfte wegen Gewaltdelikten verurteilt ist, ist schon eine Herausforderung", sagt Hinz. "Man wird nicht jede körperliche Auseinandersetzung verhindern. Es gibt Inhaftierte, die versuchen, durch Gewalt in der Gefangenenhierarchie aufzusteigen. Da heißt es dann, du machst für mich ab jetzt den Abwasch und putzt meinen Haftraum."

Um trotzdem etwas dagegen zu tun, seien aber nicht nur Antiaggressionsprogramme, Schulbildung und Ausbildungsplätze wichtig, sondern auch, dass Gefangene ihre überschüssige Energie beim Sport abbauen können, oder eben bei Workshops wie dem heutigen, sagt Hinz: "Jugendstrafvollzug ist wie einen Sack Flöhe zu hüten. Da ist immer Bewegung drin. Aber wenn wir sie nicht beschäftigen, beschäftigen sie uns."

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Dennoch bereitet ihm der heutige Besuch Kopfzerbrechen: "Auch für uns ist es Neuland, so viele Leute hier drin zu haben, die hier nicht reingehören. Das ist natürlich ein Sicherheitsrisiko." Hinz sagt, er wisse, dass er sein Gefängnis nach draußen öffnen muss, denn oft ende das öffentliche Interesse an einem Straftäter mit dessen Verurteilung. "Regis ist ein offener Knast. Wir haben hier Zäune statt Mauern. Man kann von draußen reinschauen."

Uwe Hinz leitet die Jugendstrafanstalt

Nach der ersten Workshoprunde gibt es für alle Frühstück. Kleingeschnittenes Obst, Haferflocken, getrocknete Gojibeeren, Mandelmilch. Eine Auswahl wie beim Sonntagsbrunch im Prenzlauer Berg.

Bevor das Buffet eröffnet wird, wartet ein Vortrag auf die Inhaftierten. Es soll um gesundes Essen gehen. Viele der Männer wollen fit werden und Muskeln aufbauen. "Aber das geht nicht, wenn das Essen so fettig ist", sagt Jens*, ein Typ mit kantigem Kinn und breiten Schultern. Eine Gorilla-Mitarbeiterin steht vor einem dreieckigen Regal, das eine Ernährungspyramide darstellen soll und zeigt, während sie spricht, abwechselnd auf Käse, Obst, ein gerupftes Huhn und andere Lebensmittelattrappen aus Plastik. Die Insassen lernen: Omega-3-Fettsäuren im Fisch sind wertvoll, man sollte täglich nur zehn Prozent einer Tafel Schokolade essen und öfter auf Croissants verzichten, weil die darin enthaltenen gehärteten Fette nicht so gesund seien. Man ahnt beim Blick in die Runde, dass französisches Backwerk nicht zu den täglichen Verführungen gehört, denen die Anwesenden hier trotzen müssen.

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Viele hören dennoch aufmerksam zu. Doch für die meisten erledigen sich die Ratschläge schon von alleine. "Hier drinnen ist das Essen scheiße. Einer, der in der Küche arbeitet, hat mir mal erzählt, dass die uns hier Mastkartoffeln für die Schweine zu fressen geben", sagt ein Häftling. "Du kannst dich hier schon gesund ernähren, aber es ist viel zu teuer, weil du alles extra kaufen musst. Das geht nicht, wenn du nur 120 Euro im Monat zum Einkaufen hast."

Die Ernährungspyramide

Nach dem Frühstück gehen wieder alle nach draußen zu den Workshops. Auf einer Seite des Hofes wirbeln Strafgefangene Frisbees auf ausgestreckten Zeigefingern wie durchtrainierte Dirigenten. Einer hat ein eisernes Kreuz auf die Wade tätowiert. Daneben üben arabischstämmige Gefangene filigrane Frisbee-Techniken.

Inhaftierte üben Freestyle-Frisbee-Moves

So wie auf der anderen Hofseite, wo sich Häftlinge beim Parkour an Kletterstangen hochstemmen. Schweißperlen glänzen über angespannten Muskeln, inzwischen steht die Temperatur bei 30 Grad. Jens löst sich aus der Gruppe am Parkour-Gerüst und setzt sich für eine Pause auf eine Bank. Er ist seit 19 Monaten hier, 13 hat er noch vor sich. Sport alleine reiche nicht, um hier gut durchzukommen, erzählt der 22-Jährige: "Es kommt nicht immer darauf an, wie du gebaut bist. Es kommt darauf an, wie sich einer gibt und ob du Leute kennst", manche setzen sich auch nur durch aggressives Auftreten durch. "Mein Bruder war schon vor mir hier, der hat mir so ein bisschen was erzählt. Das Kopfkino ist davor viel schlimmer. Aber wenn man hier ist, gewöhnt man sich sehr schnell dran. Aber man kann's überleben." Jens sprintet zurück zur Kletterstange. So als dürfe er keine Zeit verlieren, weil dieser Tag im Knast ausnahmsweise viel zu schnell vorbeigeht.

Jens hat schon 19 Monate abgesessen

Drüben in der Aula werden normalerweise Zeugnisse vergeben und Theaterstücke aufgeführt. Es gibt eine kleine Bühne, eingerahmt von grauen langen Vorhängen. In der Ecke steht eine Zimmerpalme, die Fenster sind massiv vergittert. Jetzt übt die Breakdance-Gruppe Sixsteps und Freezes auf dem Parkett.

Mario Nguyen alias "Ninja" ist einer der Trainer. Der zutätowierte Tänzer sagt, er könne sich in die Häftlinge reinversetzen. "In der Schulzeit war ich ein Randalierer. Ich hab mit Jungs auf der Straße abgehangen und Leute ausgeraubt." Irgendwann entdeckte Ninja Kampfsport, ging in den Shaolintempel in Kaiserslautern und wurde mit 18 Mönch. Bis heute unterrichtet er Kampfsport und Meditation, Yoga, Qigong und Tanzen. "Das war der Sprung vom Rebellischen und Schlechten zum Guten. Ich habe es beinahe verkackt, aber jetzt kann ich das rückgängig machen, gutes Karma sammeln und das den Leuten weitergeben."

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Breakdance und Knast, das passt für Ninja gut zusammen. Nicht nur, weil man sich auspowern kann, sondern auch, weil man seine Gedanken abschaltet. "Das ist halt ein Ausdruckstanz. So wie du im Alltag drauf bist, kannst du die negative Energie in das Tanzen lenken. Am Ende bist du positiv eingestellt."

Breakdance-Trainer Mario "Ninja" Nguyen

Elf Quadratmeter ist hier eine Einzelzelle groß – wenig Platz für Menschen mit Bewegungsdrang. "Bis die Tür hinter mir zu ging, hab ich nicht geglaubt, dass ich ins Gefängnis komme", sagt Omar, 20. Zusammen mit Jonny, 19, hatte er sich für den Workshop beworben. "Dass wir gewonnen haben, finde ich viel besser, als die Workshops selbst, diesen Erfolg. Und ich finde es geil, dass wir so lange unter dem Radar geflogen sind", sagt Omar. Sie sagen, sie wollen nicht dafür gehypt werden. Jonny hat schon drei Jahre weg, mit einer kurzen Unterbrechung, wie Omar einwirft, der zwei Jahre hinter sich hat. Beide gehen in ein paar Wochen. Wenn er draußen ist, will Jonny als Erstes in den Puff gehen und wenn die privaten Bedürfnisse gestillt sind, eine Kfz-Ausbildung machen. Omar hat die Realschule beendet und macht nach dem Gefängnis erst mal Urlaub. Er will endlich wieder das Wasser um sich spüren, so richtig eintauchen und nicht nur duschen. Fast alle Männer in Regis, die mit uns sprechen, sehnen sich nach einem Bad im Meer.

Inzwischen haben sich die anderen Häftlinge zum Mittagessen versammelt. Vollkornbrot, Aufstrich, Rohkost, Salat. Das Buffet wird so schnell geleert, als gäbe es Rib-Eye-Steaks. Danach stehen Smoothies auf dem Ernährungsprogramm. 20 Straftäter drängen sich um ein Obstbuffet, an drei Mixern wird synchron zerkleinert. Das aufgeregte Stimmengewirr erinnert an die Zeugnisvergabe vor den Sommerferien. Auch wenn viele zunächst skeptisch wirken – alle nehmen einen Schluck. Zu groß ist die Gefahr, etwas nicht zu probieren, das es im Knast für lange Zeit nicht geben wird. Ein Häftling nimmt einen Becher Fruchtbrei in seine schaufelartige Hand, kostet und nickt anerkennend. Ein anderer verzieht angewidert das Gesicht. Währenddessen tragen zwei Häftlinge die Ernährungspyramide in ein Nebenzimmer. Einer der beiden kickt ein Plastikcroissant vor sich her.

Die Zufahrtstraße zur JSA Regis-Breitingen

Am Rande des Buffets sitzt Tobi, der Gorilla-Chef, und wirkt erleichtert: "Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Kids an der Förderschule zehnmal mehr Aufmerksamkeit brauchen als die Jungs hier." Er sagt, er habe den Eindruck, die Häftlinge seien dankbar. "Die stehen am Rande der Gesellschaft, aber die haben das auch verdient, dass einer kommt und Sport mit ihnen macht. Ich habe das Gefühl, dass wir so ein bisschen die Freiheit von dem Leben da draußen mit rein bringen."

Oft wirken die gut gemeinten Bemühungen der JSA allerdings an der Realität der Häftlinge vorbei gedacht. Zwar gibt es hier viele Sportmöglichkeiten, aber wenn man die Häftlinge fragt, nicht unbedingt die passenden. Der Fußballplatz ist nett und die Trainingsstangen auf dem Hof ebenso. Aber warum gibt es so viele Laufbänder und so wenig Hanteln? Reiner Muskelaufbau ist nicht erwünscht, heißt es von Seiten der Anstalt. Stattdessen gibt es ein Angebot für Yoga-Kurse. Im Gefängnis herrscht eben keine Demokratie und der Workshop bleibt letztlich eine Freiheitssimulation.

*Namen geändert

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