Die Gauland-Badehose-Debatte zeigt: Deutschland braucht eine Internet-Pause

Es gibt tausend gute Gründe, über Menschenwürde zu diskutieren, aber Gaulands Badehose ist keiner davon.

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Juni 6 2018, 12:22pm

Originalfoto: imago | Blickwinkel

Das Wort "Zivilisationsbruch", mit dem Historiker den Massenmord an den europäischen Juden in der NS-Zeit bezeichnen, hat seit Dienstagabend eine zweite Bedeutung: Ein "Zivilisationsbruch" ist jetzt auch, wenn man einem alten Politiker beim Schwimmen die Klamotten klaut und dann ein Foto davon macht.

Das ist kein Scherz, das ist die Meinung des Zeit-Journalisten Jochen Bittner. Und Bittner ist nicht der einzige, der den vergangenen Abend damit verbracht hat, sich massiv darüber aufzuregen, dass Leute darüber lachen können, dass irgendjemand dem badenden AfD-Chef Alexander Gauland am Dienstag vergangene Woche die Klamotten geklaut hat.

"Man kann es nicht oft genug sagen", schreibt zum Beispiel ein anderer Journalist auf Twitter. "Genau die Häme, die Gauland nach dem Diebstahl seiner Klamotten beim Baden jetzt entgegenschlägt, ist einer der Gründe, warum unsere Gesellschaft auseinander driftet."

Was ein guter Zeitpunkt ist, um zu fragen:

Wird eine Badehose unsere Gesellschaft in den Abgrund reißen?

Die angemessene Reaktion darauf, dass irgendjemand Gauland die Klamotten geklaut hat, ist folgende: kurz darüber lachen, wegklicken.

Was stattdessen passiert ist: Mehrere lokale wie überregionale Medien von taz bis FAZ haben Artikel darüber veröffentlicht, dann ist eine riesige Diskussion darüber ausgebrochen, ob man nun darüber lachen darf, ob man das Foto überhaupt veröffentlichen darf, ob das Lachen bedeutet, dass man Diebstahl gutheißt, ob wir am Ende durch unsere Häme nicht dazu beitragen, dass die deutsche Gesellschaft auseinanderdriftet und die Zivilisation zerbricht.


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Dazu erstens: Die "Häme", die jetzt auf Gauland einprasselt, ist nicht nur natürlich (weil es immer lustig ist, wenn jemandem beim Baden die Klamotten geklaut werden), sie ist in diesem Fall sogar gerechtfertigt. Gauland hat die Häme mehr als verdient. Wir dürfen darüber lachen, wenn dem Mann, der erst letzten Samstag das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte als "nur einen Vogelschiss" abgetan hat, ein solcher Streich gespielt wird. Wir müssen dem Dieb dafür keine antifaschistische Medaille überreichen oder dazu aufrufen, jetzt reihenweise AfDlern die Klamotten zu klauen, aber wir dürfen absolut und sehr laut und sehr herzlich darüber lachen, dass es Gauland passiert ist.

Wozu das Ganze kein Anlass ist: große Diskussionen darüber zu führen, was man ungeliebten Politikern und Politikerinnen im Privaten antun darf oder nicht – dazu wäre zum Beispiel das angezündete Auto von Beatrix von Storch ein Anlass gewesen. Ebenso Fehl am Platz ist die Frage, ob es ein Angriff auf Gaulands "Würde" ist, ein Foto von ihm in Badehose zu veröffentlichen. Es gibt auch Fotos von Angela Merkel im Badeanzug, auf denen sie nicht super vorteilhaft aussieht, was Medien wie die Hamburger Morgenpost trotzdem nicht davon abgehalten hat, diese zu veröffentlichen. Wenn man die Diskussion über einen würdevollen Umgang der Medien mit Bildern von Menschen in unvorteilhaften Situationen führen will, dann gibt es tausend bessere Anlässe.

Natürlich kann man jetzt kommen und sagen: "Hey, den Anlass suche ich mir schon selbst aus, zu dem ich Diskussionen auf Twitter lostrete über Würde oder den Zustand der Demokratie." Und klar, ob man eine "Debatte" vollkommen sinnlos oder superwichtig findet, das sollte man sich eigentlich auch selbst aussuchen dürfen.

Eigentlich. Aber eben nicht in diesem Fall.

Denn in diesem Fall droht die kleinbürgerliche Empörung über einen Klamottendiebstahl etwas viel Wichtigeres zu verdrängen: das absolute Entsetzen, das wir immer noch darüber empfinden sollten, dass ein deutscher Bundestagsabgeordneter 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gesagt hat, der ganze Holocaust sei "nur ein Vogelschiss" in der deutschen Geschichte gewesen.

Aber dass du die beiden Sachen überhaupt in einen Zusammenhang stellst, ist schon einfach scheiße, weil du implizit eben doch Holocaust-Verharmlosung mit einer Badehose aufrechnest.

Und auch da werden Leute kommen und sagen: "Ey, ich kann doch das eine verurteilen und trotzdem das andere auch doof finden!" Ja, kannst du. Aber dass du die beiden Sachen überhaupt in einen Zusammenhang stellst, ist schon einfach scheiße, weil du implizit eben doch Holocaust-Verharmlosung mit einer Badehose aufrechnest. Es scheint sogar, als habe diese gottverdammte Badehose in den Köpfen mancher Journalisten schon fast denselben Stellenwert angenommen. Als wären das zwei Ereignisse, die beide gleich viel Anlass zur Betroffenheit bieten. Wie lässt sich sonst erklären, dass ein Zeit-Journalist wirklich dasselbe Wort – "Zivilisationsbruch" – für einen Klamotten-Klau benutzt wie für den Holocaust?

Vielleicht ist es wirklich Zeit, dass Deutschland mal eine Pause vom Internet macht.

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