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VR-Pornos für Frauen verändern, wie Männer weibliche Sexualität sehen

Das ein oder andere Problem gibt es in der schönen, neuen Technikwelt dann aber doch noch.

von Loretta Chao
03 April 2017, 6:22am

Photo courtesy of WankzVR

Wenn es darum geht, Frauen für Pornografie zu begeistern, haben die großen Pornofilmstudios schon so manches versucht: mehr Romantik, mehr Küssen, eine ansprechendere Kulisse oder weicheres Licht, zum Beispiel. Inzwischen stellen allerdings immer mehr Unternehmen fest, dass viele Frauen genauso auf Hardcore-Pornos stehen wie Männer – nur eben aus einer anderen Perspektive.

Diese Lücke könnten nun Hersteller von Virtual-Reality-Pornos füllen. POV-Pornos sind schon seit Langem eine beliebte Unterkategorie auf einschlägigen Seiten im Netz. Auch wenn der Großteil der Videos aktuell nur die Möglichkeit, sich in einen männlichen Akteur hineinzuversetzen, könnte sich das bald ändern. Webseiten wie WankzVR stellen sich dieser erotischen Diskriminierung mit Content entgegen, der Frauen wortwörtlich in den Mittelpunkt stellt. Mittlerweile gibt es unter dem Schlagwort #FemalePOV vier Videos, die sich herunterladen und anschließend mit einem Smartphone oder einer VR-Brille angesehen werden können.

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WankzVR ist aber längst nicht das einzige Unternehmen, das angefangen hat, mit weiblichen POV-Pornos in VR zu experimentieren: VirtualRealPorn bietet eine breite Palette an lesbischen und heterosexuellen Pornos, die auch aus der Perspektive von Frauen aufgenommen wurden – allerdings müssen die Zuschauer zuerst bezahlen. Es gibt ziemlich viele Nischenseiten, die seit Langem Content von und für Frauen produzieren, aber VR-Pornos aus der Sicht von Frauen sind ein echter Fortschritt. Auch, weil sie dazu geführt haben, dass Pornoproduzenten die Sexualität von Frauen mit ganz neuen Augen sehen.

"Grundsätzlich hieß es in den letzten Jahren immer: Wenn wir Pornos für Frauen oder Pärchen machen, dann nehmen wir die Intensität aus der Szene", sagt Bradley Phillips, Geschäftsführer von Pimproll. Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam betreibt mehr als 1.000 verschiedene Webseiten, darunter auch WankzVR. "Wir haben einfach die Handlung runtergeschraubt und den Darstellern gesagt, dass sie sich öfter küssen sollen."

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In den letzten Jahren haben ihre Nutzerinnen dann allerdings angefangen, "uns viel mehr Feedback zu geben und uns offen zu sagen, dass das nicht ist, wonach sie suchen'", sagt Phillips. "Männer und Frauen suchen praktisch nach denselben Inhalten, möchte dabei aber selbst im Zentrum des Geschehens stehen."

Dass die Unternehmen ausgerechnet jetzt versuchen, mehr Frauen über VR-Brillen zu erreichen, ist kein Zufall. Es sollen generell mehr Menschen dazu bewegt werden, für-VR-Pornos in Premiumqualität zu zahlen. Werbefinanzierte Seiten wie Pornhub, die ihren Zuschauern kostenlosen Content zur Verfügung stellen, haben die Konsumenten wählerisches gemacht. Die Meisten von ihnen überlegen sich sehr genau, wofür sie Geld ausgeben wollen.

Gleichzeitig birgt der weibliche Markt noch ein enormes Potenzial: PornHub kommt jährlich auf mehr als 92 Milliarden Views und sagt, dass 2016 rund 26 Prozent der weltweiten Nutzer Frauen waren. Das ist ein Zuwachs von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Phillips möchte einen Weg finden, um mit dem weiblichen POV-Content von WankzVR schließlich auch Gewinn zu machen (die ersten drei Videos wurden seit ihrer Veröffentlichung schon mehr als 10.000-mal heruntergeladen). "Es gibt viel mehr pornoschauende Frauen, als wir erwartet hätten. Es hat sich aber auch noch nie jemand darum gekümmert, Pornos speziell für Frauen zu machen." [Hier müssen wir Phillips widersprechen.]

Foto: WankzVR

Trotz all der großen Versprechen sind die Möglichkeiten von VR-Content noch immer ziemlich beschränkt. Das liegt vor allem an der Technik, mit der die Videos aufgenommen werden: Die sperrige Kameravorrichtung lässt es kaum zu, dass sich die Darsteller normal bewegen. Das führt letztendlich auch dazu, dass viele Szenen sehr unnatürlich wirken.

Außerdem "wirken die Darsteller wegen der Aufnahmetechnik der 360-Grad-Kameras ungewöhnlich groß", erklärt Stephanie Llamas, Vizepräsidentin für Forschung und Entwicklung des New Yorker Forschungsunternehmens SuperData Research. "Die Kamera wird direkt in der Mitte installiert. So wirkt alles verzerrt."

Für sie könnte dies einer der Gründe sein, warum die Erotikindustrie 2016 nur einen relativ geringen Anteil an den weltweit schätzungsweise 304 Millionen Euro Gewinn mit VR-Software hatte. Lediglich acht Prozent der VR-Software-Umsätze des vergangenen Jahres stammen aus 360-Grad-Videos und anderen VR-Unterhaltungsmedien – darunter auch (aber nicht nur) Pornos. Im Vergleich dazu stammen 42 Prozent der Umsätze aus dem Gaming-Bereich.

Abgesehen von den technischen Einschränkungen ist es noch immer schwierig Pornos, für Frauen zu machen, sagt Dawn Serra. Sie arbeitet als Sexualpädagogin und ist Moderatorin des Podcasts Sex Gets Real. Der Großteil des Contents würde nach wie vor von Männern produziert werden und das sieht man auch. Außerdem würden viele Mainstream-Unternehmen nach der in ihren Augen ziemlich sexistischen Annahme operieren, "dass Männer nur nach Pornos suchen, um sich dazu einen runterzuholen."

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Im Gegensatz dazu stammen viele feministische Pornos, wie der Content von Erotic Films, in der Regel von Frauen oder queeren Menschen. So sei die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass die Filme auch die Fantasien von Frauen widerspiegeln, erklärt Serra. "Außerdem haben auch die Darsteller die Gelegenheit, ihre Meinung zur Handlung zu äußern. Sonst bekommen sie immer nur Ansagen, was sie zu machen haben."

Auch die weiblichen POV-Pornos von WankzVR werden noch immer von Männern produziert. Laut Phillips liegt das auch daran, dass es durch die hohe Lernkurve bei der Produktion von qualitativem VR-Content schwierig ist, eine neue Crew zusammenzustellen. "Allerdings haben wir zwei Frauen im Produktionsteam. Sie sind beide keine Produzenten, aber sie spielen trotzdem eine Schlüsselrolle", sagt er. Die Mitarbeiterinnen würden öfter nach ihrer Meinung gefragt, wenn es um die Produktion von "Frauenpornos" geht.

Philipps glaubt, dass die Industrie begriffen hat, dass sie in der Vergangenheit einen Fehler gemacht hat. "Wir haben Frauen unsere Vorstellung von dem, was sie wollen, präsentiert. Stattdessen hätten wir lieber unsere Hausaufgaben machen sollen, um herauszufinden, was sie wirklich glücklich macht."