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Russland hat gerade verraten, dass es Streubomben über Syrien abwirft

Eigentlich ist die YouTube-Abteilung von RT auf Zack: Sie zensierte fix ein Video, in dem Piloten Streubomben an russischen Kampfflugzeugen anbringen. Doch das Internet vergisst nicht so schnell.

von Theresa Locker
21 Juni 2016, 1:32pm

Bild: Screenshot Youtube

In einem Video des kreml-finanzierten Senders RT besucht der russische Verteidigungsminister Sergej Shoigu am 18. Juni den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien, von dem aus russische Kampfflugzeuge Einsätze in Syrien fliegen. Es gibt das übliche Geplänkel und die ein oder andere Vorführung auf dem Flugfeld, alles scheint glatt zu laufen. In einer Szene (ab 0:44 min) sieht man, wie ein Pilot irgendwas an einem Kampfflugzeug checkt—neben zwei dort befestigten Streubomben des Typs RBK-500 ZAB 2.5SM.

Moment, Streubomben? Hatte Russland nicht immer dementiert, diese allgemein geächteten Waffen über Syrien abzuwerfen? Egal, die YouTube-Abteilung von RT ist auf Zack. Als die ersten Militär-Blogger und Twitterer auf die allzu prominent platzierten Bomben aufmerksam werden, lädt der russische Sender Minuten später fix eine zweite Version des Videos hoch. In dieser Variante ist die fragliche Szene praktischerweise komplett herausgeschnitten und wird durch ein harmloses Sitz-Interview mit dem Verteidigungsminister ersetzt.

Bild: Screenshot RT / Youtube

Doch das Internet vergisst nicht so schnell: Fährt man mit der Maus über die Timeline des neuen Videos, sieht man in den Vorschaubildern trotz des Umschnitts noch immer den Soldaten am Flugzeug neben den beiden Streumunitions-Behältern stehen. Zudem hat jemand bereits eine Kopie des Originalvideos an anderer Stelle hochgeladen, wie die Recherchegruppe Conflict Intelligence Team in einem Blogpost schreibt. Die Gruppe hat sich zur Aufgabe gemacht, Truppenbewegungen in der Ukraine und Syrien aus öffentlich zugänglichen Daten nachzuvollziehen.

Selbstredend gibt es für den nachträglichen Edit eine interessante Erklärung von Seiten des Senders: Man habe den Teil mit den Streubomben herausgeschnitten, weil das Gesicht eines Soldaten zu sehen gewesen sei, heißt es aus Moskau.

Streubomben bestehen aus einem Hauptelement, das mehrere kleine Explosivladungen freisetzt. Sie verteilen sich weitläufig und detonieren autonom. Die Waffen stellen eine extreme Gefahr für Zivilisten dar, weil bis zu 30% aller abgeworfenen „Bomblets" beim Aufschlag nicht explodieren, sondern als Blindgänger liegenbleiben. Kinder halten die Sprengsätze wegen ihrer leuchtenden Farbe oft für Spielzeug oder Bonbons.

Nun wurden Streubomben bereits über verschiedensten Kriegsschauplätzen wie dem Libanon, Vietnam, Korea, Afghanistan und Jemen abgeworfen—und bei weitem nicht nur von Russland. In Laos, dem am meisten zerbombten Land der Welt, starben rund 20.000 Menschen nach Kriegsende durch Streubomben. Ein internationales Übereinkommen von 2010 ächtet daher den Einsatz von Streumunition. 111 Staaten haben es ratifiziert. Die drei größten Produzenten dieserlei Waffen—Russland, China und die USA—gehören nicht dazu.

Mittlerweile haben sich Waffenexperten von Human Rights Watch und Bellingcat in die Diskussion eingeschaltet und den Einsatz des Waffentyps FAB 500 ZAB 2,5SM bestätigt. Diese Waffen—genauer, die in dem Streubombenbehälter FAB 500 enthaltene ZAB 2,5 Submunition—sind mit einer hochentzündlichen Substanz wie Thermit gefüllt, der im freien Fall zu brennen beginnt, am Boden schwer löschbare Feuer und auf der Haut schwerste Verbrennungen verursacht. Augenzeugen beschreiben den Anblick der fallenden Brandmunition als eine Art leuchtenden Regen aus Feuerbällen in der Luft.

Obwohl es sich also technisch um streuende Brandbomben handelt („incendiary bombs") und nicht um Streubomben („cluster bombs"), die erst am Boden explodieren, stellt der Einsatz von Brandwaffen eine Verletzung der internationalen „Konvention über bestimmte konventionelle Waffen" dar, die Russland mit 112 anderen Staaten unterzeichnet hat und welche explizit den Einsatz sämtlicher Brandwaffen verbietet.

Daher zeigen die beiden Videos vor allem, wie viel Mühe sich der Sender RT gibt, russische Kriegsverbrechen zu vertuschen. Denn obwohl Russland die Konvention gegen Streumunition nicht unterzeichnet hat, streitet das russische Verteidigungsministerium ab, sie in Syrien einzusetzen.

„Es gab nie die Absicht, das Video zu zensieren."

Kurz nachdem der Blogpost des Conflict Intelligence Teams online ging, gab es auch schon wieder eine neue Version des Ministerbesuchs auf YouTube—diesmal wieder mit den Bomben im Bild und einer kreativen „Editorial Note" von RT in der Filmbeschreibung:

„Das ursprüngliche Video enthielt zunächst eine Nahaufnahme eines Piloten. Kurz nach der Veröffentlichung schnitt ein Redakteur den Frame aus Sorge um die persönliche Sicherheit [des Gezeigten] heraus. Nach einer Neubewertung wurde entschieden, dass der Frame kein Risiko darstellt; er wurde wiederhergestellt und das Video ist wieder im Originalschnitt online."

Nun handelte es sich zwar nicht um einen „Frame", sondern um eine ganze Szene, die man nicht zwingend hätte kürzen müssen—und das Originalvideo enthielt auch keine Nahaufnahme eines Piloten, sondern nur die Aufnahme eines Piloten bis zur Hüfte mit Helm und großer Sonnenbrille—aber geschenkt.

Denn die Bomben im aktuellen RT-Video sind nicht erste Bildbeweis für den Einsatz von Streubomben in Syrien, den Russland so vehement bestreitet. Fotos und Videos zeigen, dass dabei auch zivile Ziele getroffen werden: In einer von Conflict Intelligence Team verlinkten Fotoserie sieht man eine zerstörte Bäckerei sowie eine frühere Olivenölfabrik nahe dem Dorf Binan, in dem russiche Streumunitions-Hülsen gefunden wurden; ein anderes, nächtliches Video zeigt streuende Brandmunition, die vom Himmel auf Häuser regnet. Ob es sich dabei allerdings um russische Angriffe handelt, geht aus den Aufnahmen freilich nicht hervor.

Bereits im Dezember 2015 hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Russland in einem Bericht Kriegsverbrechen in Syrien vorgeworfen: Häufig sei überhaupt kein militärisches Ziel erkennbar gewesen. Durch die abgeworfenen Streubomben seien nicht nur mindestens 250 Zivilisten bei sechs Angriffen in den vergangenen Monaten getötet worden, sondern auch Wohngebiete, eine Moschee, ein Markt und mehrere Krankenhäuser zerstört worden. Die oppositionsnahe syrische Beoachtungsstelle für Menschenrechte in London zählt sogar 710 tote Zivilisten durch russische Einsätze; diese Angaben lassen sich aber kaum überprüfen.

Das russische Verteidigungsministerium weist die Vorwürfe von Amnesty International pauschal als „Fälschung" zurück. In einem Artikel auf RT—den man gut mit Google Translate auf deutsch lesen kann—bürstet der Sprecher Igor Konaschenkow den Bericht über die Menschenrechtsverletzungen als „Strom aus Lügen" ab, spricht lieber ausführlich über „Kriegsverbrechen der ukrainischen Armee" und bestreitet explizit, Streumunition einzusetzen. Auf der russischen Airbase Hmeimim im syrischen Latakia gäbe es sowieso überhaupt keine Streumunition, so der General.

Eine andere, wenn auch bitterböse Erklärung für die Streubomben an der Airbase Hmeinmin hat da noch ein Redditor: „Die Streumunition war im Urlaub in Syrien. Es ist nicht ungewöhnlich für Streubomben, Militärinsignien im Urlaub zu tragen."

Update vom 23. Juni 2016:

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass ein weiteres, älteres Video vom Oktober 2015—vom spanischen YouTube-Kanal des Fernsehsenders RT hochgeladen—den Abwurf mehrerer solcher Streubomben desselben Typs zeigt. Das Video trägt den Titel „Angriff gegen den IS gefilmt von Kameras eines russischen Flugzeugs". Allerdings werden in dem Video möglicherweise einfache Freifallbomben des Typs FAB-250 abgeworfen. Die Aufschrift der Bomben wurde vom Sender unscharf gemacht. Zudem gibt es zu viele Schnitte im Video, als dass sich sicher sagen lässt, dass Abwurf und Detonation bei ein und demselben Einsatz gefilmt wurden. Wir haben die entsprechende Passage aus dem Artikel entfernt und bedauern die Ungenauigkeit.

Außerdem haben wir eine Passage um eine aktuelle Analyse von Human Rights Watch ergänzt.

Theresa ist auf Twitter und freut sich über militärische Expertise und kreative Postproduktions-Experimente.

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