„Wo ist deine Burka?“—allein auf dem Weg durch Pakistan
All images courtesy of Zenith Irfan
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„Wo ist deine Burka?“—allein auf dem Weg durch Pakistan

Zenith Irfan ist mit dem Motorrad durch ihre Heimat gereist, für viele ihrer Landsfrauen undenkbar. Der gefährlichste Teil ihrer Tour begann jedoch erst, als sie die Fotos ihrer Reise ins Internet stellte.
31.5.16

Bevor sich Zenith Irfan, 21, auf ihr Motorrad setzt und sich auf den Weg durch die viel befahrenen Straßen von Lahore der zweitgrößten Stadt Pakistans macht, muss sie zunächst ihre Haare in den Helm stecken, wofür sie häufig fassungslose Blicke von den Menschen in ihrer Umgebung erntet. Lahores Straßen sind gesetzlos—voller Eselskarren, Kutschen und Rikschas, wo alle Fahrzeuge kreuz und quer durch die Viehherden fahren und über Ampeln rasen.

Irfan wollte Motorradfahren lernen, seit sie herausgefunden hat, dass ihr verstorbener Vater davon geträumt hatte, einmal das Land mit dem Motorrad zu bereisen. Irgendwann hat sie es sich zum Ziel gemacht, seinen Traum zu leben. Nachdem sie keine Lust mehr hatte, in der Rikscha zur Uni zu fahren, bekam sie von ihrer Familie ihr erstes Motorrad geschenkt—eine kleine Honda C70. Ihre Mutter bestand darauf, dass sie es gleich lernen sollte, weil sie es sonst niemals machen würde.

Gelernt hat Irfan das Motorradfahren auf den breiten, leeren Straßen ihrer Siedlung. Schon bald hatte sie genug Selbstvertrauen und Erfahrung, um sich auf die Straßen von Lahore zu wagen. Einmal fuhr sie mit voller Geschwindigkeit über den Hauptplatz der Stadt, an dem sich alle Straßen treffen. Sie gibt zu, dass sie Angst hatte und meint, dass die Zeit, bis sie sich an den Verkehr in den Straßen gewöhnt hat, „grauenvoll" war.

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Dennoch beschloss Irfan mit zwei Jahren Fahrerfahrung in der Stadt und von ihren Touren über Land, ihre Odyssee allein quer durch das ganze Land zu planen. Der berühmte persische Dichter Amir Chosrau Dehlavi sagte einst: „Wenn es einen Himmel auf Erden gibt, dann liegt er in Kaschmir." Mit diesem Gedanken im Hinterkopf packte Irfan einige Sachen zusammen und machte sich auf den Weg. Die einzelnen Etappen ihrer Reise führten sie über die nebligen, grünen Berge von Murree und die Stadt Muzaffarabad bis in das Tal von Neelam, dessen Landschaft sie zu Tränen rührte.

„Ich hatte noch nie zuvor Schnee gesehen", erinnert sich Irfan. „Es war ein großartiges Gefühl zu wissen, dass ich es von Lahore bis nach Kaschmir geschafft hatte. Ich fühlte mich frei und spürte die Verbundenheit zu meinem Vater."

Auf ihrer Reise hat Irfan innerhalb von sechs Tagen mehr als 1.000 Kilometer zurückgelegt. Oft konnte sie nur Schrittgeschwindigkeit fahren, weil die Straßen unbefestigt waren oder weil der Untergrund so felsig war. Die meisten Bewohner von Kaschmir waren neugierig und sehr freundlich, als sie durch die Stadt kam. Die ländlichen Gemeinden bestehen aus Stämmen und unabhängig von der Armut liegt die Alphabetisierungsrate in Kaschmir mit 72 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Laut offizieller Zahlen besuchen bis zu 88 Prozent der Mädchen die Grundschule. Gerade weil die Menschen dort wesentlich gebildeter waren, glaubt Irfan, war ihre Reise wesentlich sicherer als in der nordwestlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa, wo es undenkbar gewesen wäre, dass sie allein reist.

Erst nach ihrer Rückkehr aus Kaschmir wurde sie von anderen Menschen angefeindet: Um ihre Reise zu dokumentieren, richtete Irfan einen Blog auf Facebook mit dem Titel „1 Girl 2 Wheels" ein, wofür sie jedoch heftige Kritik erntete. „Irgendwann wurde es ziemlich schlimm. Ich kam an meine Grenze der Belastbarkeit und war so deprimiert, weil die Kommentare einfach nur schrecklich waren. Viele Leute sagten, dass ich ‚eine Schande für den Islam' wäre, dass ich keine Muslima sein sollte und fragten: ‚Wo ist dein Kopftuch?' oder ‚Wo ist deine Burka?'—was ziemlich ironisch ist, denn wenn ich eine beim Motorradfahren tragen würde, würde das definitiv mehr Aufmerksamkeit erregen."

Mit ihrer wachsenden Präsenz in den sozialen Medien, begann sich Irfan auch immer mehr Sorgen zu machen, dass sie zum Ziel der pakistanischen Taliban werden könnte, wenn ihr Standort bekannt werden würde. Mittlerweile jedoch glaubt sie, dass es Schicksal ist: Viele Leute glauben nach wie vor, Pakistan sei nur ein vom Terrorismus geplagtes Land. Irfan möchte die Sicht der Welt auf Pakistan verändern.

Bisher geht es jedoch vor allem um das Motorradfahren. „Für ein pakistanisches Mädchen aus einer südasiatischen Gemeinde stellt es das wohl größte Privileg dar, das man sich als Mädchen vorstellen kann. Ich kenne so viele Mädchen, die rausgehen und reisen wollen, aber nicht können, weil ihre Eltern sie nicht lassen. Ich habe versucht, meine Freiheit so gut es geht zu nutzen."