So erkennst du, ob du psychisch missbraucht wirst

Opfer von Gaslighting wissen oft gar nicht, dass sie psychische Gewalt erfahren. Wenn einem die eigene Realität so lange abgesprochen wird, bis man selbst daran zweifelt.

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Apr. 19 2017, 12:08pm

Foto: lookcatalog | Flickr | CC BY 2.0

"Donald Trump Is Gaslighting America" titelte die Teen Vogue im Dezember 2016. "Gaslighting" beschreibt eine Form der psychischen Gewalt, bei der der Täter die Erinnerung einer Person so lange verzerrt und in Frage stellt, bis das Opfer an seiner Wahrnehmung zweifelt. Die eigene Realität wird vom Täter überschrieben. Der amerikanische Präsident ist in einer Beziehung mit seinem Land, und er verhält sich wie ein riesengroßes Arschloch. Denn das, was Donald Trump mit der amerikanischen Bevölkerung macht, erfahren viele Menschen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen – ohne es zu merken.

Der Begriff "Gaslighting" entstammt dem 40er-Jahre-Film Gaslight, in dem der Protagonist seine Ehefrau soweit manipuliert, bis diese glaubt, ihren Verstand verloren zu haben. Er gibt beispielsweise vor, eine flackernde Gaslampe nicht zu bemerken, und behauptet, dass diese nur der regen Fantasie seiner Frau entspringe. Das klingt zunächst nach Versteckte Kamera, wo Gaslighting tatsächlich hin und wieder zum Einsatz kommt, ist aber verdammt gefährlich.


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"Das habe ich nie gesagt!", "Du reagierst über!", "Das bildest du dir ein!", "Du bist paranoid!", "Wovon redest du bitte?", "Du bist zu empfindlich!". Allesamt Schlüsselsätze, die so oder so ähnlich auf eine Form von psychischer Manipulation hindeuten können, sofern böswillige Absichten dahinter stecken.

Sätze wie "Das habe ich nie gesagt!" können schließlich auch der Wahrheit entsprechen. Beim Gaslighting werden jedoch bewusst falsche Aussagen getätigt – und ich rede nicht von kleinen Unwahrheiten, die andere Menschen vor Schmerzen bewahren sollen, sondern von den dicken, fetten, richtig gestörten Lügen, die nur ein einziges Ziel haben: das Gegenüber zu kontrollieren.

Du bist zu empfindlich! Das bildest du dir nur ein! Das habe ich nie gesagt!

Sigrun Roßmanith, Psychotherapeutin in Wien, ist mit der Bezeichnung "Gaslighting" nicht sonderlich vertraut, sehr wohl jedoch mit dem Vorgang, der dahintersteckt: "Die Grundvoraussetzung für so einen Missbrauch ist Vertrauen. Man schreibt dem anderen mehr Kompetenz zu als sich selber und erzeugt somit eine emotionale Abhängigkeit." Eine bestehende Krisensituation kombiniert mit geringem Selbstwertgefühl sei ein darüber hinaus begünstigender Faktor.

Roßmanith erwähnt dabei auch die bizarre Kultur der Witwenverbrennungen – eine Form von Femizid in hinduistischen Religionsgemeinschaften, bei der Witwen mit dem Leichnam ihres Ehemanns verbrannt werden. Einst waren Witwenverbrennungen als ehrenvolle Form der Selbsttötung angesehen – den Frauen und ihren Hinterbliebenen wurde dafür hohe Anerkennung geschenkt –, allerdings werden die Witwen auch häufig durch sozialen Druck in den Suizid getrieben.

Die Gründe dafür sehen Indologen im System der Patrilineariät, in dem Witwen jegliche Form von sozialem Ansehen sowie alle ihre Rechte verlieren. Den Frauen wird so lange eingetrichtert, sie seien wertlos, bis sie es selber so empfinden und sich suizidieren. Für Sigrun Roßmanith stellt auch das eine Form der Gehirnwäsche und der bewussten Manipulation dar.

"Man kann Menschen wahnsinnig viel einreden", so Roßmanith weiter. Tatsächlich können Erinnerungen erschreckend einfach überschrieben werden: Die 3sat-Doku Das getäuschte Gedächtnis beschäftigt sich mit Erinnerungen und ihrer Fehlerhaftigkeit vor Gericht. Die Kriminologin Julia Shaw merkt darin an: Jedes Mal, wenn eine Erinnerung wiedergegeben wird, wird dabei nicht die tatsächliche, unverfälschte Erinnerung abgerufen, vielmehr aber die Erinnerung an das letzte Mal, als man davon erzählt hat. Dabei verändern sich jedes Mal Kleinigkeiten, Fehler schleichen sich ein. Im Grunde genommen spielt man Stille Post mit sich selbst.

Außerdem wird ein Experiment erwähnt, in dem Menschen durch bloßes Suggerieren erfolgreich Erinnerungen eingepflanzt wurden. Die Probanden legten Geständnisse über Verbrechen ab, die sie nie begangen haben. Inception ist real, und es ist näher an unserer Lebenswelt, als wir vermuten würden.

Ich glaube, ich gaslighte meine eigene Mama.

Dabei muss ich an meine Mutter denken. Daran, wie ich ihr gegenüber vorgebe, wir hätten dieses Gespräch doch schon so oft geführt, wenn ich gerade nicht reden möchte. Daran, wie ich sage: "Ja, das hast du mir eh schon erzählt." Daran, wie ich behaupte, sie hätte mir gar nie aufgetragen, die Wäsche aufzuhängen, nur um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Aus Feigheit. Ich glaube, ich gaslighte meine eigene Mama – wenn auch unbewusst.

Und ich scheine nicht der einzige zu sein. Nachdem ich Freunden von Gaslighting erzähle, die davon allesamt noch nie gehört haben, fällt mir vor allem auf, dass viele von ihnen zuerst ihre Mütter als Opfer zu erkennen glauben – sei es in der Beziehung zu ihren Ehemännern, zu ihren eigenen Eltern oder auch zu ihren Vorgesetzten. Offizielle Studien zum Thema gibt es zwar nicht, aber wenn man den bisher zum Thema erschienenen Texten und meiner persönlichen Wahrnehmung glaubt, entsteht schnell der Eindruck, dass vor allem Frauen die Opfer sind.

Eine Betroffene beschreibt eine extreme Form von Gaslighting in einem Erfahrungsbericht als "dem eigenen Verstand nicht mehr trauen" und "keinen Anspruch auf die eigene Realität haben". Sie beschreibt, wie schwer es ist, den Missbrauch als solchen zu identifizieren. In ihrem Fall ging das Gaslighting von ihrer eigenen Mutter aus – und sie scheint, der Website "Töchter narzisstischer Mütter" nach zu urteilen, damit nicht die einzige zu sein.

Aber was tun, wenn man erkennt, dass man selbst Opfer von Gaslighting ist? "Man muss sich da hinbegeben, wo man Hilfe bekommt", so Roßmanith. Es benötige ein Geländer, eine Stütze, die im besten Fall auch Betreuung bieten kann – ein Freund oder eine Freundin kann die Situation laut Roßmanith oft nicht richtig bewerten. Was hilft: hellhörig werden, seine eigene Realität als solche begreifen und sich professionelle Hilfe holen. Amerika hätte so einen Therapeuten gerade ziemlich nötig. Und wahrscheinlich auch viele unserer Mütter.

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