Wien, die Stadt, die niemals ravt – oder fast immer schläft

Wien, die Stadt, die niemals ravt – oder fast immer schläft

Der Frühling 2017: OpenAirs zu veranstalten, wird immer mehr zum Spießrutenlauf.
25.4.17

Header: Knopf Kino

Sich über das Wetter zu mokieren, ist langweilig und substanzlos. Doch wenn es Ende April schneit, dann kann einem schon einmal ein Wetterpost entfleuchen. So geschehen letzte Woche im Sekundentakt: Partyabsagen und Eröffnungsverschiebungen, denn Wien im Frühling ist Wien im Winter. Es mag auch ein wenig zur Situation in der Clublandschaft passen, denn dort herrschen auch heuer wieder stürmische Bedingungen. Man nehme das letzte Wochenende: Es war ein extrem überladenes. In jedem Club gab es ein starkes LineUp, dazu noch jede Menge kleiner "Festivals". Denn es muss ja nicht sein, dass zwei – ich nenne sie "größere Sonderveranstaltungen" – aufgeteilt stattfinden. Nein, es passt doch, wenn man sie am selben Wochenende ausrichtet und dadurch das Publikumsaufkommen verringert. So geschehen im Falle vom Forward Festival (im MAK) und dem Electric Spring, das diesmal in weiser Voraussicht, dass es nur schlechtes Wetter anziehen könnte, gleich auch die Halle E bespielte. Wie bei allen Gratis-Events musste man sich um den Besucherzustrom keine Sorgen machen, wenngleich man sich Promotion-mäßig dezent zurücknahm. Sogar so dezent, dass selbst ich am Montag erstaunt feststellte, es – oder eben nichts – verpasst zu haben. Nun stellt sich einmal mehr die Frage, warum man hier nicht Absprache hielt? Man weiß es nicht.

"Die Soundsysteme entsprechen aber eher einem Speakers Corner und man muss sich viel Sexiness dazu denken, aber man wurde ja genügsam."

Wiens OpenAir-Veranstalter – oder besser "Demonstrationsausrichter mit Musikuntermalung", sind leider heuer – Winter sei Dank – auch noch nicht auf Touren gekommen. Verzweifelt schiebt man das Frühlingsgetanze nach hinten, das in unserer schwierigen Stadt ohnehin nie offiziell ein echtes OpenAir sein kann, weil nicht sein darf. Dazu müsste man einen Genehmigungshürdenlauf über sich ergehen lassen, der einem die Freude an der Sache nimmt. Deshalb versuchen die meisten erst gar nicht, hier etwas legal auf die Beine zu stellen, sondern bedienen sich des Tricks 17. Eine Demonstration gegen irgendwas oder für irgendwas, wie man es nimmt, wird angemeldet und wenn man Glück hat und das Wetter passt, wird es zu einem netten Happening. Die Soundsysteme entsprechen aber eher einem Speakers Corner und man muss sich viel Sexiness dazu denken, aber man wurde ja genügsam.

Will man es dennoch legal versuchen, scheitert man an der geschlossenen Beamtenphalanx, die einem in Wien gekonnt sämtliche Steine in den Weg legt, die es gibt. Davon ein Lied singen können die Ambitioniertesten in diesem Segment, die Spontan Techno-Crew, die – nachdem im Vorjahr alles glatt lief – heuer an einem ihrer Lieblingsgplätze plötzlich mit neuen Eignungsfeststellungen, gepaart mit einem Gros an neuen Auflagen, konfrontiert werden. Was so viel heißt wie: Es drohen 57 Dezibel Maximallautsärte, was dem Entweichen eines Darmwindes gleichkommt. Hörbeispiele kann man am Tel Aviv Beach nehmen, wo es in etwa so leise klingt.

Man will in Wien eben seine Ruhe und Vorschrift ist Vorschrift. Bleibt zu hoffen, dass man trotzdem Lösungen findet, denn ansonsten droht in Wien das Porto Pollo-Schicksal, oder noch besser, alles wird zu leisen versteckten Pseudodemos, die nur über gewisse Apps zu finden sind.

Foto: Knopf Kino

Natürlich wird es sie noch geben, die netten Plätze, an denen man ein bisschen feiern wird können, so denn einmal Sommer wird. Bei Himmel & Wasser etwa oder vielleicht in Der Garten, aber alles eher im netten Rahmen, was soviel heißt wie "nur ja nicht zu groß werden". Von holländischen oder Berliner Verhältnissen kann man da nur träumen, immerhin wird es aber eine Woche nach dem Donauinselfest ein Tanz Durch den Tag-Festival geben, das als Aufwind viel Diskurs und Zukunftsgespräche für die Stadt verspricht. Musik wird es auch geben, dürfte aber eher das Rahmenprogramm bleiben.

Ähnliches, nämlich Diskurs über neue Konzepte – auch für Musik und Clubkultur plant David Kreytenberg (Jessas) ab Mai an einigen Mittwochen mit seinem Salon zum Club der Discotiere, bei dem unter anderem auch über neue Möglichkeiten für OpenAir-Veranstalter diskutiert werden soll, und das just an dem Ort, dem Volksgarten Pavillon, der uns auch ab Mai wieder jeden Dienstag mit dem Pseudounderground-Dinosaurier Das Technocafe beglücken wird, wo sich Marketing und Schön auf einen Aperol treffen und der neoliberalen Leistungsgesellschaft seine Afterwork Auslaufweide gibt. "Nett" halt.

"Bei uns herrscht Rückwärtsgang."

Eine starke Festivalbrand ist aber weit und breit nicht in Sicht, wer auf jungen, modernen Städtetourismus setzt, wird enttäuscht. Da muss man nach Amsterdam, Barcelona oder Berlin, bei uns herrscht Rückwärtsgang.

Ähnliches kann man auch über die echten Clubvenues sagen, die ein wenig im eigenen Saft dahin brutzeln. Passend dazu war die Meldung, dass nun in den Räumen des Café Leopold doch kein neuer Club mehr entsteht, sondern das gefühlt millionste Asia Gourmetlokal unter der Leitung der "Gyoza Brothers".

Auch "nett". Foto: Isabella Khom

Nichts gegen die fleißigen Betreiber diverser Asia In-Hütten, aber nachdem verkündet wurde, dass es im Leopold keinen Clubbetrieb mehr geben werde, war klar, dass auch diese Institution verloren geht. Das Museumsquartier zeigt sich erfreut – es wird somit keinen Beef mehr mit den Uraltmietern dort geben, die ja schon in den vergangenen Jahren alles, was Bienensummen übertönte, beklagt hatten. Die fluffy Edel Gyoza-Hütte wird sicher niemandem weh tun und Radio Lounge FM wird nette Atmosphäre verbreiten: Und leider sehe ich mich in meiner Prognose aus 2015 bestätigt, dass in Wien langsam aber sukzessive Clubinstitutionen für immer schließen: Morrison, Camera, Leopold – die Liste wird noch länger werden.

Offenbar droht uns Clubliebhabern eine Rezession. Die Jugend sehnt sich nach Kuschelpartys, wo man mit Glitzer, Deko und reduzierter Geschwindigkeit die Mühen des Alltags vergisst. Überhaupt: Fast alle neuen Alben einstiger Technogranden – von Marc Romboy bis DJ Hell – werden im Downbeat-Stil produziert: Und damit meine ich tatsächlichen Downbeat mit 90 bis 100 BPM, nicht den Panflötenhouse der neuen Hipsterpartys. Man will also auch musikalisch seine Ruhe. Ich weiß nicht, wer hier im Silicon Valley an den Rädchen gedreht hat, dass es zu dieser Entwicklung kommen musste, aber da wundert mich der Zulauf zu den ganz schnellen und ganz harten Nischenmusikarten nicht mehr. Ein Clubfloor ist ja kein Streichelzoo. Wenn nun schon der Tanzstil der Neo-Blumenkinder dem Gang der Untoten aus The Walking Dead gleicht, dann hasse ich die Zukunft jetzt schon.

Und weil es oft noch schlimmer kommt, verkündet der Techno Sonntag seine Abschiedsparty, weil man nur mehr Heimlich sein will. Ich finde, alle setzen zur Zeit zu sehr auf das Pferd "Nett". Nett ist die kleine Schwester von Scheiße, schon vergessen? Und so warten wir weiterhin auf den oder die mit den giant balls, der uns Musik- und Club-mäßig "great again" macht, aber halt, den wollen wir auch nicht.

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