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Alkohol

Warum werden Kater immer heftiger, je älter wir werden?

Warum fühlen sich drei Gläser Wein plötzlich so an, als könnten sie dein Leben ruinieren? Hier ist die wissenschaftliche Erklärung.

von Matilda Whitworth
10 Juni 2016, 10:00am

Illustrationen von Michael Dockery

Als Studentin konnte mir nichts etwas anhaben. Ich konnte tanzen und trinken, bis im Club das Licht anging, und dann um 8 Uhr frisch und aufnahmebereit in der Vorlesung sitzen. Im Laufe der Zeit wurde dann aber aus leichten Kopfschmerzen und einem Hauch von Übelkeit etwas viel Schlimmeres. Heutzutage fühle ich mich selbst nach einer recht zahmen Nacht, als hätte man mich mit einem Medizinball verkloppt.

Warum werden Kater im Laufe des Lebens eigentlich immer stärker? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müssen wir erst einmal verstehen, wie Alkohol überhaupt zu einem Kater führt.

Alkohol hat verschiedene Auswirkungen auf den Körper, und mehrere davon tragen zum Kater bei – auch wenn wir einige davon noch immer sehr schlecht verstehen. Erwiesenermaßen führt Alkohol dazu, dass sich die Blutgefäße im Gehirn weiten und weniger antidiuretisches Hormon ausgeschüttet wird. Dieses Hormon heißt Vasopressin und reguliert unter anderem den Flüssigkeitshaushalt, indem es der Wasserausscheidung entgegenwirkt – hast du also zu wenig davon, verliert dein Körper durch diese harntreibende Wirkung mehr Flüssigkeit, als er sollte. All das zusammen verursacht Kopfschmerzen und Dehydration. Außerdem reizt Alkohol die Magenschleimhaut, was zu Übelkeit, Erbrechen und erhöhten Konzentrationen der Entzündungsmediatoren Prostaglandin E2 und Thromboxan B2 führt. Von diesen Chemikalien wissen wir, dass sie Übelkeit, Durchfall und noch mehr Kopfschmerzen verursachen können.


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Das erklärt, warum du dich fühlst, als hätte dich ein Bierlaster überfahren. Aber Alkohol schränkt auch die Produktion der stimulierenden Aminosäure Glutamin ein, weswegen du dich obendrein so müde fühlst. Nur warum hat uns die Natur damit gestraft, dass all das mit zunehmendem Alter immer schlimmer wird?

Als ehemalige Chemikerin interessiere ich mich beim Kater nicht so sehr für die direkten Auswirkungen von Alkohol, sondern eher für die Abbauarbeit, die der Körper leisten muss. Um den Alkohol, den du dir reingeschüttet hast, wieder loszuwerden, zerlegt ihn die Leber erst einmal in etwas namens Acetaldehyd. Und genau an dieser Stelle geraten wir in Schwierigkeiten, denn Acetaldehyd ist etwa 10 bis 30 Mal so giftig wie Alkohol und ein bekanntes Karzinogen (es verursacht Krebs). Wenn du nur wenig getrunken hast, zerlegt die Leber das Acetaldehyd schnell in harmloses Acetat. Doch weil der Körper jede Stunde nur eine bestimmte Menge Acetaldehyd abbauen kann, führt exzessives Trinken dazu, dass sich entsprechend viel davon anstaut – und das beschädigt Zellen und Gewebe und führt zu Katererscheinungen.

Die Theorie – denn das ist nicht bewiesen – besagt, dass unsere Leber im Laufe des Lebens immer ineffizienter arbeitet: Die Zahl der Leberzellen nimmt ab und das Organ wird nicht länger so gut durchblutet. Das heißt, in der Leber staut sich beim Trinken immer schneller das Acetaldehyd, welches dann unserem Körper ausgiebig schaden kann.

Das Altern schränkt auch unsere Fähigkeit ein, Antioxidantien zu produzieren, die der Körper der giftigen Wirkung von Alkohol entgegensetzen könnte. Zusammen mit dem Phänomen der Immunoseneszenz (das langsame Schwächerwerden des Immunsystems im Alter) bedeutet das für uns, dass wir die Entzündung und die Schäden, die Alkohol verursacht, im Laufe der Zeit immer langsamer ausgleichen können.

Außerdem kommen immer mehr andere Faktoren ins Spiel, je älter wir werden. Ältere Menschen schlafen aufgrund einer verringerten Produktion des Schlafhormons Melatonin nicht mehr so gut, und das kann durchs Trinken noch verschlimmert werden. Auch ändert sich die Zusammensetzung unseres Körpers nach und nach: Die Muskelmasse und der Wasseranteil im Körper nehmen ab, während mehr Fett angesetzt wird. Alkohol verteilt sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit in Fett als in Muskelzellen – Öl und Wasser lassen sich bekanntlich nicht gut mischen –, und das führt zusammen mit dem geringeren Wasseranteil in unseren Blutgefäßen zu einem höheren Promillewert. Außerdem sinkt auch im Laufe der Zeit unser Verlangen nach dem Rausch, und wie du wahrscheinlich weißt, verträgt man sehr viel weniger, wenn man erst einmal "aus der Übung gekommen" ist.

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Was können wir also tun, um den Kater zu bekämpfen? Im Laufe der Jahre sind viele sogenannte "Heilmittel" unter die Lupe genommen worden, darunter die Idee der australischen Forschungsbehörde CSIRO, vor dem Bechern Birnensaft zu trinken. Leider befinden sich dieses und viele andere Heilmittel noch in den frühen Forschungsstadien, oder sie sind von vornherein völliger Blödsinn. 2005 veröffentlichte das British Medical Journal eine systematische Review von randomisierten kontrollierten Studien, die untersuchten haben, ob es Katermittel (darunter Propanalol, Tropisetron, Tolfenaminsäure, Fruktose, Glukose, Borretsch, Artischocke, Feigenkaktus und hefebasierte Präparate) gibt, die echtes Potential haben. Das Ergebnis: Kein einziges der Mittel versprach tatsächlich Abhilfe.

Und was machen jetzt wir, die trinkfreudig sind, aber langsam in die Jahre kommen? Ein guter Anfang wäre schonmal, wenn du nicht auf leeren Magen trinkst, dir zwischen deinen Halben oder Cocktails ein Glas Wasser genehmigst, und vor dem Schlafengehen auch nochmal ein großes Glas leerst. Doch solange wir noch kein Wunderheilmittel gefunden haben, ist die beste Strategie gegen einen Kater wohl einfach: "Für mich nur eine Limo, bitte."

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