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Ich war bei Obama, aber anstelle von hysterischer Obama-Liebe erntete ich nur Sonnenbrand

Obama kam nach Berlin und ich kam mir besonders geil vor, weil ich unter den wenigen auserwählten 4500 Menschen sein durfte, die in den „Inner Circle“ vor dem Brandenburger Tor durften. Aber statt Obama-Hysterie wie vor viereinhalb Jahren gab es nur US...
20.6.13

Ich fühle mich irgendwie schon ein bisschen geil, als ich an diesem Mittwoch zur Friedrichstraße fahre. Denn ich gehöre zu den Chosen Ones, eine von den 4500 Auserwählten, die Barack Obama bei seinem ersten offiziellen Berlin-Besuch als Präsident der USA sehen dürfen. Der Rest von Berlin steht bei brütender Hitze im Stau, am Potsdamer Platz kommt man ohne Ausweis nicht ins Büro, und wer im Umkreis von einem Kilometer ums Brandenburger Tor wohnt, darf die Fenster nicht aufmachen und kann sich über Scharfschützen drei Etagen über sich freuen. Und ich bin eine der wenigen, die von dem ganzen Aufwand tatsächlich etwas hat …

An der Friedrichstraße angekommen, betrete ich das Eingangszelt für die geladenen Gäste und finde mich im Sicherheitskontrollbereich—so groß wie auf einem mittelgroßen Flughafen—wieder.

Vom Zelt aus pilgere ich bei 30 Grad ans nahegelegene Brandenburger Tor, was sich wegen der Anzahl der Leute und der schweißtreibenden Hitze wie ein endloser Kilometermarsch anfühlt. Dabei spreche ich mit Malloy, der seinen echten Namen nicht sagen will. „Ich finde die Aufregung darum, dass Obama seine Versprechen nicht gehalten hat, unnötig. Wer in der Realpolitik kann das schon?"

Malloy

Mein Blick schwenkt auf die Dächer der diversen Botschaften und ich sehe mein erstes Scharfschützenzeltchen. Unter einem schwarzen Pavillon sitzen zwei dick gepanzerte Typen, die Gewehre vor ihnen auf die Menge gerichtet. Sympathisch.

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Auf dem Pariser Platz steht ein riesiges Gerüst, in dem die Fernsehteams ihre Kameras aufbauen. Daneben steht Raphael. „Ich war eigentlich immer ein großer Fan von Obama." Er wollte auch gern für ihn Wahlkampf machen, aber das geht als Nicht-Amerikaner nicht. Ein bisschen enttäuscht von Obama ist er aber auch. Er sieht es so ähnlich wie Malloy: „Politik ist das Bohren dicker Bretter. Da ist es immer schwierig, etwas durchzusetzen."

Raphael

Valentina und Moritz sehen den Präsidenten der USA mittlerweile in einem etwas düstereren Licht. Vor allem, weil er so viele Drohnen einsetzt und wegen des NSA-Skandals. „Eigentlich finde ich es auch gar nicht so gut, heute hier zu sein und ihn zu bejubeln", sagt Valentina. Aber immerhin sei er noch die bessere Alternative, Romney und McCain wären viel schlimmer gewesen.

Moritz und Valentina

Ich gehe mit den beiden auf Wassersuche. Flaschen sind nicht erlaubt und die Hoffnung auf irgendetwas Durstlöschendes schmilzt mit der Sonne, als wir die Schlangen vor den Wasserspendern sehen. Wir sind mittlerweile bei 33 Grad angekommen, sagt mein Handy. Der kleine Schatten, den das Fernsehgerüst wirft, ist vollgepackt mit Sonnenflüchtlingen.

Zwischen den Schlangen sitzt Elisa. Die Schülerin aus Eisenhüttenstadt kritisiert Obamas Syrien-Politik. „Ich finde es nicht gut, dass er und Putin sich nicht einigen können und das den ganzen G8-Gipfel ins Schwanken gebracht hat." Ludmilla und Elena, die daneben stehen, sehen das genauso. „Ich kann gerade nicht denken, mir ist so warm", lacht Ludmilla.

Elisa, Ludmilla und Elena

Ich schiebe mich ein bisschen näher an die Panzerglasscheibe vor der Bühne, auf der Obama sprechen wird, heran. Während im Hintergrund eine Gospelsängerin Marvin Gaye interpretiert, erklärt mir Jana, dass der Präsident für sie mittlerweile seinen Zauber verloren hat. „Die Skandale nehmen ja kein Ende. Ich wüsste gerne, was er darüber denkt, dass er einen Friedensnobelpreis bekommen hat."

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Ich wende mich der Bühne rechts neben der Panzerglasvorrichtung zu. Da ist die Gospelsängerin durch David Garrett ersetzt worden, der sich gerade durch die deutsche Nationalhymne sägt. (Man, da wird meine Mutti aber neidisch sein. Sie war letztens auf seinem Konzert in der Waldbühne und „Mausi, das war so toll!") Dann macht er weiter mit „Smooth Criminal" und die Leute um mich herum fangen an zu klatschen. Um nicht aufzufallen, wippe ich mit und denke, dass Obama mir eine sehr gute Rede schuldet.

Nachdem Garrett fertig damit ist, seinen Saiten und meinen Ohren weh zu tun, ist erst einmal Warten angesagt. Die Masse brät in gefühlten 100 Grad und lechzt nach Wasser. Obama lässt uns ganz schön lange warten. Dann sieht man aber doch drei Gestalten durchs Brandenburger Tor stiefeln. Die ach so kritische Menge freut sich. „Der Regierende Bürgermeister Klaus Wow …" („Wooo" wird zu „uuaahh" wird zu „buuuhh") „… la Merkel und der amtierende Präsident der Vereini…." (WOOOOOO!!!!!)

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit spricht.

Der Enthusiasmus stirbt aber doch recht schnell wieder ab, weil erstmal Wowi ein paar Minuten lang spricht. Rosinenbomber, Mauer, JFK, Reagan, blabla. Dann kommt Angie und spricht ein paar Minuten länger, im Grunde über genau das Gleiche. Am Ende wird sie aber doch nochmal ein bisschen energischer, als es um die transatlantischen Beziehungen geht. Denn Europa und Amerika, die Zusammenarbeit ist die ALLERWICHTIGSTE, bei allem, was es gibt! Ich stelle mir vor, wie sie gleich auf Barack los sprintet, ihn von seinem Stuhl zieht und schüttelt und dabei „WIR SIND WICHTIG, VERGISS DAS NICHT UND VERGISS DIESE DOOFEN ASIATEN!!!" schreit.

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Das macht sie natürlich nicht, aber die Vorstellung amüsiert mich, bis Obama sich hinters Rednerpult stellt. Seine Rede macht ziemlich klar, dass Europa nicht im Mittelpunkt steht, Deutschland ihm nicht sooooo wichtig ist. Was niemanden überrascht, der sich ein bisschen mit ihm auseinandergesetzt hat. Entsprechend tief hängen Merkels Mundwinkel, als sie während der Rede auf der Leinwand eingeblendet wird.

Stattdessen geht es um die ganze Welt und dass es ihr doch bitte besser gehen soll. Weniger Atombomben (Woo!), weniger Krieg (ähem, Syrien?), weniger Umweltverschmutzung (Woo!) und natürlich Freedom für alle. Als er seine Erfolge der letzten Jahre aufzählt—Truppenabzug aus dem Irak und Afghanistan, toter Bin Laden—, bleibt es still.

Aber natürlich müsse man an Problemen arbeiten, Guantanamo zum Beispiel. Er verdoppele jetzt seine Anstrengungen, das Gefangenenlager zu schließen. „Joa", sagt dazu Nick nach der Rede, „Zwei mal Null ist halt immer noch Null." Er findet Obama generell nicht gut und hat auch nicht mitgejubelt. Gerade die Tatsache, dass Guantanamo immer noch nicht geschlossen wurde, ärgert ihn.

Nachdem Obama winkend mit Merkel und Wowereit im Schlepptau hinter den Säulen des Brandenburger Tors verschwunden ist, macht sich die Menge schnell in die andere Richtung auf. Hauptsache irgendwohin, wo es schattig ist.

Die Stimmung ist nicht sonderlich enthusiastisch, was sicher zum Teil an der Hitze liegt und dass alle echt fertig sind (später habe ich gelesen, dass sogar Leute zusammengeklappt sind und vom Krankenwagen abgeholt wurden), zum Teil aber auch daran, dass nichts in der Rede wirklich jemanden hier überrascht hat. Ich schleppe mich nach Hause, schütte Wasser in mich rein, bis ich nicht mehr kann und begutachte meine krebsrote Haut. Das hat mir Obama also gebracht. Durst und Sonnenbrand. Ach ja, und natürlich David Garrett.

Fotos: Carolin Benack