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Popkultur

Heulsuse der Woche: kulturfeindliche AfD vs. rechte Bild-Leser

Die Alternative für Deutschland sieht in einem politkritischen Theaterstück ihre Menschenwürde verletzt und Bild-Leser verteidigen Björn Höcke bis aufs Blut.
18.12.15

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertigwerden.

Heulsuse #1: Die AfD

Foto: imago | Martin Müller

Der Vorfall: Die Berliner Schaubühne setzt im Theaterstück Fear AfD-Politiker mit Zombies gleich und teilt im Allgemeinen ordentlich in Richtung Rechtspopulisten aus.

Die angemessene Reaktion: Die Kunstfreiheit respektieren—so wie man für sich selbst die Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt.

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Die tatsächliche Reaktion: Behaupten, dass das Stück die „Menschenwürde" verletze.

Rechtspopulisten machen gerne mal den ein oder anderen geschmacklosen Witz auf Kosten von Minderheiten, wenn es aber um sie selbst geht, gerät das selbstgefällige Lächeln schnell zur schmallippigen Grimasse. Deswegen war die Alternative für Deutschland in diesem Jahr der wohl regelmäßigste Kandidat in unserer schönen, kleinen Heulsusen-Rubrik und genau deswegen ist sie auch in dieser Woche wieder nominiert. Was war passiert?

Die Berliner Schaubühne versucht sich in ihrem Stück Fear an einer Art Collage der aktuellen rechten Strömungen in Deutschland und teilte dabei mittels Video-, Tanz- und Bildelementen ordentlich in Richtung AfD, CSU, Pegida und christliche Fundamentalisten aus. So wurde Björn Höckes in einer Fotoprojektion neben Zombies gezeigt, Beatrix von Storch wegen ihrem Nazi-Großvater in Sippenhaft genommen und Frauke Petry mit Beate Zschäpe verglichen. Wie das Handelsblatt berichtet, stieß das Theaterstück der rechtspopulistischen Partei so unangenehm auf, dass von Storch zusammen mit der „Demo für alle"-Koordinatorin Hedwig von Beverfoerde per einstweiliger Verfügung verbieten wollte, dass Fotos von den Frauen während der Aufführung gezeigt würden.

Überraschend eigentlich, wie wenig Wert Leute, die sich in ihren Stammtischparolen gerne auf die Meinungsfreiheit (!!!111) berufen, auf die Freiheit der Kunst legen. Das Landgericht Berlin entschied in jedem Fall am Dienstag, dass Fear die Menschenwürde der beiden Antragsstellerinnen nicht verletze. In einer Pressemitteilung betonte das Gericht außerdem, dass „jeder Besucher erkennen könne, dass es sich nur um ein Theaterstück handele." In diesem Sinne: Vielleicht mal den Montagabend im Theater und nicht bei einer Pegida-Demonstration verbringen. So ein bisschen Hochkultur hat noch niemandem geschadet.

Heulsuse #2: Bild-Leser auf Facebook

Der Vorfall: Die Bild-Zeitung postet auf ihrer Facebook-Seite einen Artikel, in dem gefordert wird, dass Rechtspopulist Björn Höcke nicht mehr unterrichten darf.

Die angemessene Reaktion: Sich fragen, ob es nicht wirklich bedenklich ist, seine Kinder jemandem anzuvertrauen, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und gegen Bevölkerungsgruppen hetzt.

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Die tatsächliche Reaktion: Den AfD-Mann verteidigen und die „Meinungsfreiheit" in Gefahr sehen.

Wir sind ja nun wahrlich keine Fans der Bild-Zeitung, wenn sie dann aber doch mal Recht hat, muss man ihr das zugestehen. Wie zum Beispiel in einem Text vom heutigen Morgen, in dem sie ein Unterrichtsverbot für den aktuell freigestellten Oberstudienrat Björn Höcke fordern. Wir erinnern uns: Den AfD-Vize aus Thüringen, der bei Günther Jauch die Deutschlandflagge mit ins Studio brachte und auch auf mehrmaliges Nachfragen der Studiogäste hin nicht so richtig erklären konnte, warum er mit vermeintlichen „Fakten" zur Flüchtlingsdebatte um sich schmeißt, die so weder belegbar noch haltbar sind. Zum Beispiel, dass Asylbewerber nur darauf warten, nach Deutschland zu kommen, um blonde Mädchen zu vergewaltigen. Und was man sich bei der AfD sonst noch so an Schauergeschichten auf dem Flur zuraunt.

Lügenpartei statt Lügenpresse—Märchenstunde mit der AfD.

Die Bild postete den Artikel auf ihrer Facebook-Seite und auch wenn das soziale Netzwerk zu einer Art Brutstätte für halbinformierte Asylkritiker und besorgte Bürger verkommen zu sein scheint—wie heftig die Reaktionen auf die Forderung ausfielen, war dann doch irgendwie überraschend. „Lieber ihn unterrichten lassen als ihrgendwelche [wir sparen uns das mit den sic!, das nimmt sonst wieder kein Ende hier] Bahnhofsklatscher die ihre Schüler zum aufräumen und putzen in die Heime schickt oder anstichelt spenden und Geschenke zu sammeln obwohl die nichtmal Weihnachten feiern." schrieb da ein Nutzer und kassierte mit dem Kommentar rund 150 Likes. Andere warfen der Bild „Hetze" vor und bezeichneten den verantwortlichen Autor als „widerlichen Schmierfink". Wieder andere verloren sich in Verschwörungstheorien zur „Wahrheit über den 2ten Weltkrieg", „linksindoktrinierten Lehrern" und „von der Politik bestimmten Medienpräsentationen". Nichts neues also in den Kreisen, wo man „noch lange nicht rechts" ist, nur weil man was gegen Ausländer oder den Islam hat.

Was lernen wir daraus? Es als schwierig anzusehen, Rechtspopulisten Geschichte unterrichten zu lassen, untergräbt die „Meinungsfreiheit". Gegen die Einschränkung der Pressefreiheit scheint es auf Seiten der besorgten Bürger allerdings keine Einwände zu geben.

Letzte Woche: Eine Frau glaubt, dass der Weihnachtsmann durch den „Zipfelmann" ersetzt werden soll, und ein Holocaustleugner treibt ein Gericht in den Wahnsinn.

Der Gewinner: die islamophobe Penny-Kundin!