Xavier Naidoo hat schon wieder vor Gericht erklärt, warum seine Texte echt nicht antisemitisch seien

"Ich habe viele jüdische Freunde" war eines der Hauptargumente.

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Juni 27 2018, 9:38am

Xavier Naidoo spricht vor Reichsbürgern | Foto: imago | Christian Ditsch 

Kann man Antisemit sein und trotzdem nett zu Juden? Mit dieser Frage beschäftigte sich gestern das Landgericht Regensburg, vor dem Xavier Naidoo persönlich erschienen war, um wieder einmal zu erklären, warum er wirklich, echt ganz ehrlich kein Antisemit ist.

Der Auslöser der Verhandlung: Eine Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung hatte letztes Jahr im Juli einen Vortrag über die Reichsbürger-Szene gehalten. Als sie nach dem Vortrag jemand fragte, ob sie Xavier Naidoo für einen Reichsbürger halte (der Sänger war 2015 mal bei einer Reichsbürger-Demo aufgetaucht und hatte dort eine ziemlich bizarre Rede gehalten), antwortete sie laut einer Lokalzeitung das hier:

"Ich würde ihn zu den Souveränisten zählen, mit einem Bein bei den Reichsbürgern. Er ist Antisemit, das darf ich, glaube ich, aber gar nicht so offen sagen, weil er gerne verklagt. Aber das ist strukturell nachweisbar."

Tja, und dann hat Naidoo sie verklagt. Das ist nicht das erste Mal: Im August 2015 hatte er die Amadeu-Antonio-Stiftung schon einmal verklagt, weil die ihn in einem Artikel als Antisemiten bezeichnet hatte. Das Verfahren endete in einem Vergleich. Die Stiftung erklärte, den Sänger nicht mehr als Antisemit zu bezeichnen, manche seiner Songtexte aber weiterhin schon.

Die Antisemiten von heute benutzen Codes

Um diese Texte ging es dann auch am Dienstag. Einmal um das Lied "Marionetten", in dem Naidoo 2017 sein Verständnis der deutschen Politik dargelegt hat. Das Ergebnis: Der Sänger versteht von Politik ungefähr soviel wie ein 14-Jähriger mit Fieber, der die Nacht auf Verschwörungs-YouTube verbracht hat. Die Politiker seien nur "Marionetten" oder "Steigbügelhalter", die Fäden ziehen ominöse "Puppenspieler". Das Lied erklärt allerdings nie, wer diese Puppenspieler eigentlich sind. Einmal ist die Rede davon, die Politiker "mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons" zu trennen – was das Ganze auf jeden Fall in Richtung jüdische Geschichte lenkt. Das gesamte Lied schwankt wie manisch immer wieder zwischen weinerlicher Opferhaltung und rasenden Gewaltfantasien gegen Politiker und ihre angeblichen Hintermänner ("wenn ich nur einen in die Finger bekomme; Dann zerreiß ich ihn in Fetzen").

Die verklagte Referentin versuchte am Dienstag vor Gericht zu erklären, was das Problem mit solchen Texten ist: Die Idee von einer kleinen Gruppe allmächtiger Strippenzieher ist ein uraltes antisemitisches Klischee, das immer wieder benutzt wird, um die Wut mancher Menschen auf eine bestimmte Menschengruppe zu lenken, weg von den echten, etwas komplexeren Problemen der Welt.

Früher haben Vertreter solcher Theorien auch gerne ganz offen gesagt, dass "die Juden" die Bösen sind, aber das ist nicht mehr ganz so gesellschaftsfähig, seit die Nationalsozialisten sechs Millionen Juden ermordet haben. Um ihre Ansichten zu verbreiten, benutzen die Antisemiten von heute daher häufig Code-Wörter, wenn sie "Juden" meinen: Banker, Illuminati, Ostküsten-Eliten. Und das funktioniert: Noch heute denkt laut einer aktuellen Umfrage mehr als die Hälfte der AfD-Wähler, Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt, unter den Wählern der anderen Parteien im Bundestag sind 16 bis 20 Prozent dieser Ansicht. Das Problem beim mit Codes verschleierten Antisemitismus: Man kann nicht immer mit Sicherheit sagen, ob jemand, der diesen Unsinn nachplappert, eigentlich versteht, was er damit verbreitet. Nicht jeder, der Scheiße redet, ist notwendigerweise Antisemit. Und damit sind wir wieder voll im Thema Xavier Naidoo.

"Ich verfolge das Politische und mache mir dazu so meine Gedanken", erklärte Naidoo am Dienstag vor Gericht. "Codes und Chiffren sind mir nicht bekannt." Für ihn bedeute Antisemitismus, wenn man "aktiv Menschen mit semitischer Herkunft diffamiert". Das ist schonmal eine ziemlich hinterhältige Definition, denn das würde theoretisch sogar Araber mit einschließen – im Prinzip also dasselbe dämliche Argument, wie zu behaupten, Araber könnten keine Antisemiten sein könnten, weil sie "ja auch Semiten sind". Genau das bedeutet Antisemitismus aber nicht – der richtet sich ausschließlich gegen Juden.

Naidoo machte aber noch weiter und erklärte, er könne gar kein Antisemit sein, denn: "Mein Konzertmanager ist Jude", und er habe viele jüdische Freunde. Man kann nur hoffen, dass die nicht gerade zum Abendessen da sind, wenn Naidoo plötzlich beschließt, sich in den "wütenden Bauer mit der Forke" zu verwandeln, mit dem er in seinem Lied "Marionetten" droht.

Wirklich interessant wurde es, als der Richter ihn fragte, wie eigentlich das Lied "Raus aus dem Reichstag" von 2009 zu verstehen sei. Darin singt Naidoo:

"Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken
Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken
Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel
Der Schmock ist'n Fuchs und ihr seid nur Trottel"

Näher kann man offenem Antisemitismus kaum kommen, ohne "die Juden sind unser Unglück!" zu schreien. Die deutsch-jüdische Bankiers-Familie Rothschild gilt unter Antisemiten schon seit Jahrzehnten als die Verkörperung der dunklen Strippenzieher. Vor Gericht behauptete Naidoo, das Lied sei eine "Bankenkritik", zu dem ihn die Finanzkrise von 2008 inspiriert habe, und da eine Bank nunmal den Rothschilds gehöre, könne er das wohl auch sagen. Allerdings hat er nicht erklärt, warum er ausgerechnet die Rothschild-Bank für die Finanzkrise verantwortlich macht, die damit ungefähr genauso viel zu tun hatte wie die Sächsische Landesbank. Ups, sorry: Die Sächsische Landesbank hatte um einiges mehr damit zu tun.

Aber die SachsenLB gehört halt keinen Juden, die man so schön als "Fuchs" und "Schmock" beleidigen und ihnen gleichzeitig alles andichten kann, was in der Welt irgendwie schiefläuft. Naidoo selbst hat am Dienstag nichts davon eingesehen und stattdessen behauptet, er habe immer nur "Frieden und Liebe" verbreitet (außer für Politiker und Homosexuelle, natürlich).

Nach der Anhörung beider Seiten erklärte der Richter, dass die Referentin im Prinzip das Recht habe, frei ihre Meinung über Naidoo zu äußern. In diesem Fall überwiege aber wohl Naidoos Persönlichkeitsrecht und die Kunstfreiheit. Seinen Vorschlag, in diesem Fall nachzugeben und solche Aussagen künftig zu unterlassen, lehnte die Anwältin der Frau allerdings ab und beharrte darauf, dass ihre Mandantin diese Meinung weiter frei äußern dürfe. Das Urteil soll am 17. Juli verkündet werden. Aber auch danach wird die eine Frage weiter im Raum stehen: Ist Xavier Naidoo ein überzeugter Antisemit, oder ist er einfach nur ein gefährlicher Idiot, der antisemitischen Scheiß nachplappert? Am Ende weiß er es vielleicht nicht mal selbst.

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