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The Road to Nowhere Issue

Auf Patrouille mit Menschen, die die Polizei kontrollieren

Mit dem Vertrauen in die Polizei auf dem niedrigsten Stand seit 22 Jahren ziehen im ganzen Land mehr und mehr Menschen durch ihre Straßen, um sicherzustellen, dass auch die Cops sich ans Gesetz halten.

von Avi Asher-Schapiro und Tess Owen
27 Oktober 2015, 5:00am

Kim Ortiz, eine Copwatcherin, beobachtet Polizisten bei der Interaktion mit Obdachlosen, die in East Harlem, New York, vor einem Supermarkt sitzen. Fotos von Tess Owen

Aus der The Road to Nowhere Issue 2015

Als die drei Zivilpolizisten des NYPD Alvin auf der Straße anhielten und ihm den Arm auf den Rücken drehten, erinnerte sich der 16-Jährige an die Worte seines Stiefvaters Jose LaSalle: „Lass die Cops nicht aus den Augen." Alvins Durchsuchung war nur eine von mehr als einer halben Million, die die Polizei in New York 2011 durchführte, doch im Unterschied zu den meisten anderen filmte er den Vorfall mit seinem Handy. Als Alvin fragte, warum man ihn angehalten habe, sagte einer der Beamten: „Weil du ein Scheiß Mischling bist." Das Video verbreitete sich rasant, zog eine Untersuchung nach sich und generierte öffentlichen Widerstand gegen die „Stop and frisk"-Durchsuchungspraxis der Stadt.

Nur zwei Blocks vom Schauplatz dieses Vorfalls in East Harlem war Alvins Stiefvater diesen August selbst auf einem Kontrollgang zur Polizeiüberwachung unterwegs. Schwarz gekleidet und mit einem Camcorder in der Hand ging LaSalle direkt auf einen Streifenwagen zu. Er lächelte die Beamten an, wobei er einen Goldzahn zeigte. Sie sahen auf und erfassten die selbst gemachte Dienstmarke an LaSalles Hemd. „Copwatch Patrol Unit (CPU). Silence is consent", stand darauf. „Guten Abend, Officers", sagte LaSalle. „Sie sind zu weit über die Markierung gefahren."

Er hatte recht. Sie standen etwas über der weißen Linie, die wartende Autos von der geschäftigen Kreuzung trennte. Doch die Cops sahen ihn nur verwirrt an und fuhren davon, als die Ampel umschaltete.

„Das dürfen die nicht", sagte LaSalle. „Und sie wissen es auch." Er notierte etwas in einem kleinen Spiralblock. Darin befanden sich Seite um Seite polizeiliche Regelbrüche, große wie kleine, die LaSalle persönlich beobachtet, gefilmt und zu den Akten gelegt hatte.

LaSalle ist nicht allein, sondern Mitglied einer großen Bewegung. Im Laufe des letzten Jahres, in dem Polizeigewalt in Ferguson, New York und Baltimore Schlagzeilen gemacht hat, haben sich in den gesamten USA Bürger zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen, sich Uniformen gefertigt, sich mit Kameras bewaffnet und begonnen, durch die Straßen zu patrouillieren, um polizeiliches Fehlverhalten zu dokumentieren. Diese weit verbreitete und unhierarchisch organisierte Bewegung ist ein Ergebnis des geringen Vertrauens der Bevölkerung in die Polizei, das einen Tiefpunkt erreicht hat. Sie nennen sich Copwatch.


COPWATCH
Copwatch ist ein Netzwerk von Aktivistenorganisationen in den USA und Kanada, das Polizei­aktivitäten beobachtet und Regelverstöße und Polizeigewalt dokumentiert.

Vor mehr als 15 Jahren, lange bevor YouTube und Handykameras Aufnahmen von Polizeigewalt allgegenwärtig machten, fing Jacob Crawford an, Polizisten in Nordkalifornien zu filmen. Im Laufe der letzten Jahre konnte Crawford beobachten, wie Copwatch von einer kleinen Gruppe von Hardcore-Aktivisten zu einer landesweiten Bewegung wurde. 2012 half er bei der Gründung von WeCopwatch, ein Bündnis, das Copwatcher in mehreren Dutzend Städten ausbildet. „Wir wollen, dass Copwatch seinen Weg in die Gemeinschaften findet, wo es am dringendsten gebraucht wird", sagte er.

Als Darren Wilson letzten August in Ferguson Michael Brown erschoss, reiste Crawford umgehend dorthin. Inmitten der Proteste und der Empörung organisierte er eine Reihe Copwatch-Trainings und sammelte Tausende Dollar, um den Bewohnern von Browns Viertel Kameras zu kaufen. „Es gibt den Leuten eine Atempause. So können sie sich gegenseitig beschützen", erklärte Crawford.

Die Gruppe, bei deren Training Crawford in Ferguson half, nennt sich heute Canfield Watchmen, nach dem Wohnkomplex, in dem Brown lebte. David Whitt lebt noch immer in Canfield—nur Meter von dem Ort entfernt, an dem Browns Leiche auf der Straße lag. Er hilft bei der Koordination der Watchmen. „In Canfield sind sich die Leute einig, dass man den Cops nicht trauen kann", sagte er. „Wir müssen sie alle überwachen. Es geht um Leben und Tod."

Seit Browns Tod begreifen sich Whitt und die anderen Watchmen als ein Schild, der ihr Viertel vor den Behörden schützt. Wenn die Polizei in ihrem Block auftaucht, sind Whitt und sein Team schnell mit ihren Kameras zur Stelle.

Whitt ist der Meinung, sein Viertel wäre ein besserer Ort, wenn die Polizei komplett abgeschafft würde. „Wir brauchen keine Polizei, die herumfährt und Leute drangsaliert", sagte er. „Sie tun nichts anderes, als Leute zu drangsalieren—was wir wirklich bräuchten, wäre ein Notfalldienst, der nur kommt, wenn wir ihn rufen."

Nicht alle Copwatch-Gruppen sind Polizei-Abolitionisten wie Whitt—manche arbeiten sogar mit den Behörden zusammen, in der Hoffnung, schrittweise Reformen durchzusetzen. „Diese Gruppen sind alle von dem Gefühl motiviert, dass die Gemeinschaften die Polizeiarbeit kontrollieren sollten", sagte Alex Vitale, ein Soziologieprofessor am Brooklyn College, der Polizeiarbeit erforscht. „Sie sehen es als eine Möglichkeit, lokal Verantwortlichkeit zu schaffen."

Allein in New York City gibt es verschiedene Copwatch-Gruppen mit unter­schiedlichen Ansichten. Manche vereinigen sich unter dem Banner von People's Justice, einer NGO, die nicht so sehr auf Konfrontationskurs ist. Andere, wie LaSalles Einheit, gehen forscher vor.

Jose LaSalle dokumentiert große wie kleine polizeiliche Regelverstöße.

An einem heißen Augustabend stand LaSalle mit Steve Cruz, dem Anführer der Einheit aus Harlem, und einem weiteren Copwatcher vor einer Tankstelle auf der First Avenue, wo vier Zivilpolizisten ein illegales Geländemoped konfisziert hatten. „Schau", sagte LaSalle. „Wie ein Rudel Hyänen um eine tote Gazelle."

Eine Gruppe Jugendlicher aus der Nachbarschaft kam auf die Tankstelle zu. Die Furchtlosesten unter ihnen, ermutigt von LaSalles Anwesenheit, fuhren mit ihren Mopeds auf den Gehweg—ein Verstoß, auf den Bußgeld steht. „Hey, warum klärt ihr nicht ein paar richtige Verbrechen auf?", spottete ein Teenager. LaSalle notierte derweil, dass ein Beamter die Dienstmarke falsch herum trug. „Ein Regelverstoß", bemerkte er. Dann gab er seinem Team ein Zeichen und sie entfernten sich von der Tankstelle. Die Jugendlichen verzogen sich sofort.

„Sie fühlen sich mächtig, wenn wir da sind, aber sobald wir gehen, bringen sie keine zehn Pferde mehr in Polizeinähe", sagte LaSalle.

Abgesehen von der „Polizeiüberwachung" verschiebt Copwatch die Machtverhältnisse auf den Straßen so ein klein wenig. Unterdessen stellen einige Städte und das Justizministerium eigene Staatsanwälte für Polizeigewalt ein, und es gibt Initiativen, Körperkameras für Polizisten durchzusetzen. Die Copwatcher sind allerdings misstrauisch.

„Es ist wichtig, wer durch das Objektiv sieht", sagte Nikki Jones, Professorin für African American Studies an der UC Berkeley. „Die Polizei setzt [Körperkameraaufnahmen] zu ihrem eigenen Nutzen ein." Die Kameras können ausgeschaltet und das Filmmaterial nach einem Vorfall bearbeitet werden. „Man sagt uns, Polizeigewalt sei etwas, um das sich der Staat selbst kümmern müsse", fügte sie hinzu. „Doch die Beliebtheit von Copwatch zeigt deutlich, dass der Polizei in vielen Vierteln wirkliche Legitimität fehlt."

Copwatcherin Kim Ortiz bekam ihr ganzes Leben lang erzählt, das NYPD sei auf ihrer Seite. Polizisten kamen in ihre Schulen in East Harlem und der Bronx, um Kindern beizubringen: „Cops sind gut, Drogen sind schlecht." Doch als sie mit sieben Jahren mit ihrer Großmutter zum Postamt lief, erlebte sie erstmals, dass das nicht immer stimmt.

„Ich sah einen jungen, dunkelhäutigen Mann in einem grünen T-Shirt", erinnert sich Ortiz. „Er rannte die Straße entlang, dann gab es ein lautes Geräusch und er fiel zu Boden." Jahre später erklärte Ortiz' Großmutter ihr, dass ein Beamter den jungen Mann erschossen hatte. Die Erkenntnis, dass die Polizei Leute auf der Straße erschießt, erschütterte sie.

Als sie neulich auf Patrouille Flyer verteilte, die Anwohner über ihre Rechte informieren und erklären sollten, was es mit Copwatch auf sich hat, schlugen ihr Passanten bestimmte Sozialbausiedlungen und Viertel vor, in denen die Polizei besser überwacht werden müsse. Ortiz schrieb alles auf. „Wir sind Verkehrskontrollen mit Durchsuchung so sehr gewöhnt, dass wir einfach darüber hinwegsehen", sagte sie.

Ortiz will nicht nur die Polizei zur Ver­antwortung ziehen, sondern auch andere motivieren, die Polizei zu konfrontieren. „Ihr müsst nicht der Copwatch-Bewegung angehören. Ihr braucht nur ein Handy", sagte sie. Darauf hoffen viele der Copwatcher: Eines Tages sollen die Patrouillen sich auflösen, weil die gesamte Gesellschaft es als ihr Recht ansieht, das Handeln der Polizei zu überwachen. Erst dann, so glauben sie, wird Polizeigewalt der Vergangenheit angehören.

Von der Copwatch-Präsenz ermutigte Jugendliche ärgern Zivilpolizisten.

Die bloße Anwesenheit eines Copwatchers garantiert natürlich leider nicht, dass die Polizeibeamten bei Fehltritten auch Konsequenzen erwarten. Als der NYPD-Beamte Daniel Pantaleo letztes Jahr Eric Garner erstickte, wurde der gesamte Vorfall gefilmt, doch man befand den Beamtenfür unschuldig.

Copwatch mag im vergangenen Jahr eine große Präsenz auf der Straße gehabt haben, doch eine Studie von VICE News zeigt, dass nur 1,5 Prozent der Beamten, die in zivile Todesfälle verwickelt waren, angeklagt wurden.

„Ich weiß nicht, wie perfektes verantwortliches Handeln seitens der Polizei aussieht, aber ich werde bestimmt nicht dasitzen und darauf warten", sagte Crawford von WeCopwatch. „Es ist sehr wichtig, dass alle zu Copwatchern werden—und, dass unsere Bemühungen nicht nur vorübergehend sind."

Die utopische Vision einer Welt ohne Polizei hält Copwatcher nicht davon ab, sich in die Welt der Polizeivorschriften zu vertiefen. Cruz und LaSalle besitzen ein geradezu enzyklopädisches Wissen in Bezug auf NYPD-Vorschriften, und es bereitet ihnen großes Vergnügen, Beamte auf kleine Übertretungen aufmerksam zu machen. Diese Technik orientiert sich ironischerweise an einer Polizeistrategie namens „Broken Windows", die in der Theorie besagt, dass Behörden bei kleinen Vergehen—wie einem Kind, das auf dem Gehweg Fahrrad fährt—durchgreifen müssen, um langfristig ernste Verbrechen zu verhindern.

LaSalle verweist auf diese Logik in seiner Überwachung der Polizei. Ein kleiner Regelverstoß—wie inkorrektes Vorzeigen von Dienstmarke und Ausweis—können zu gefährlichen Präzedenzfällen für zukünftige Verstöße werden, die zudem vermutlich extremer ausfallen, wenn es keine Zeugen gibt. „Wir wollen wie Fliegen sein, die sie umschwirren", sagte er. „Sie nutzen ‚Broken Windows' gegen uns, aber wir drehen den Spieß um."

Und das haben die Behörden gemerkt. Eine Investigation von The Intercept zeigte vor Kurzem, wie weit die Überwachung der „Black Lives Matter"-Bewegung seitens der Anti-Terror-Einheit des NYPD geht. Im Visier der verdeckten Ermittler war auch LaSalle: Seine Anwesenheit bei Demonstrationen war beobachtet und sein Foto innerhalb der Einheit verteilt worden.

Auf Thee RANT, einem anonymen Onlineforum für verifizierte Polizisten, werden LaSalle und die anderen Copwatcher als „Vollidioten", „Drogen dealende, wilde Ex-Häftlinge" und „Homos" bezeichnet. „Die Chefs kommen anscheinend auf keinen Konsens, wie man mit all diesen Videofilmern umgehen sollte", schrieb ein Nutzer letztes Jahr. „Ich habe eine Vorstellung, wie ich damit umgehen werde, wenn ich in die Situation komme, aber bis dahin sage ich nichts, denn das würde sicher Aufmerksamkeit erregen."

Russell Williams, ein Polizist im Ruhestand, der 26 Jahre beim NYPD arbeitete, sagte, die meisten Beamten machten sich Sorgen, dass Copwatcher meist erst nach einem Verbrechen auftauchen und „dadurch fehlt ihnen vielleicht der nötige Einblick und sie glauben, die Polizei belästige Leute grundlos". Er meint auch, Copwatcher würden nicht verstehen, dass das Gesetz sich nicht immer konfliktlos durchsetzen ließe.

„Alle guten Polizeibeamten sollten gegen Brutalität sein", sagte Williams, aber: „Manchmal muss Gewalt angewandt werden und das ist nie schön anzusehen."

Das NYPD hat auf wiederholte Bitten um einen Kommentar nicht reagiert.

Cari Thotlife hält auf seinem Fahrrad an, um zivilgekleidete Polizeibeamte zu notieren.

Letzten August, inmitten der Unruhen nach den Toden von Brown und Garner, besuchte LaSalle eine monatliche Sitzung des Civilian Complaint Review Board (CCRB), einer unabhängigen Stelle, die Beschwerden gegen das NYPD entgegennimmt und untersucht. Er las eine Liste von Regelverstößen vor, viele davon geringfügig, wie etwa Beamte, die auf die Straße gespuckt oder im Dienst ihr Handy verwendet hatten.

„Wann immer wir sehen, dass Beamte etwas tun, das sie nicht tun sollen, reichen wir Beschwerde gegen sie ein", sagte LaSalle.

Bisher hat LaSalle mehr als 30 Be­schwerden beim CCRB gemacht, auch wenn er nicht wirklich an einen Prozess glaubt. „Für die Polizisten ist das CCRB ein Witz. Das macht ihnen keine Angst."

Während LaSalle mit einer Art Fatalismus weiter patrouilliert, Verstöße aufnimmt und Beschwerden einreicht, weiß er, dass seine Arbeit gegen die Polizei bedeutet, dass er sich einen Feind vorgenommen hat, der fest im US-amerikanischen System verankert ist, und dass er und seine Kollegen und Kolleginnen weit in der Unterzahl sind—zumindest noch.

„Es ist wahr, dass die Copwatcher alleine vielleicht nicht die Polizeiarbeit revolutionieren können", sagte Vitale, der Soziologe. „Doch Copwatch bringt die Leute zusammen und führt zu einer größeren Bewegung, die sehr mächtig werden könnte."