Der Lokführer Peter Gutwasser vor einem Zug; er erlebte mehrere Schienentodes, darunter auch einen Schienensuizid
Menschen

Ein Lokführer erzählt: So fühlt es sich an, einen Menschen zu überfahren

"An die Toten denke ich noch heute. Schuldgefühle habe ich keine. Ich habe ja nichts falsch gemacht, nur meinen Job."
12.12.16

Die Deutsche Bahn umschreibt den Tod eines Menschen auf Schienen mit dem Wort "Personenschaden", ein maximal bürokratischer, nüchterner Begriff. Dabei bedeutet es Blut, Schock, Tränen—und für den Lokführer oft ein Trauma bis ans Ende seines Lebens.

Jeder Lokführer muss in seinem Berufsleben durchschnittlich mit zwei "Schienentoden" rechnen, sagt Michael Dittmann, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft (GdL) Ortsgruppe Köln. Manche davon sind Unfälle, manche Selbstmorde. Peter Gutwasser, 54, hat mehr Schienentode erlebt als der Durchschnitt. Er war 20 Jahre lang bei der Berliner S-Bahn beschäftigt. Heute arbeitet Gutwasser als Therapeut und lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem abgeschiedenen Haus im ländlichen Teil Berlins. Er hat uns erzählt, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch vor den Zug läuft.

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Peter Gutwasser mit seiner Katze | Alle Fotos: Grey Hutton

"Am schlimmsten war es, als ich zwei Kinder im Doppelpack erwischt habe. Zwei kleine Jungs, der eine drei Jahre alt, der andere sechs. Das war im Oktober 1996. Eigentlich war es meine Feierabendrunde, kurz nach 13 Uhr. Ich freute mich auf mein Schichtende. Da liefen plötzlich Kinder aufs Gleis, die wollten da wohl spielen. Ich habe die Bremse gezogen und das Warnsignal eingeschaltet, aber es war einfach zu spät. Die Jungs verharrten in einer Schockstarre und blieben stehen. Ich hörte einen Knall. Gefühlte hundert Stunden später bin ich zum Stehen gekommen, ich stieg aus, ging zurück, sah zunächst nichts. Dann war da diese riesige Blutlache und ein Wimmern. Der Große fragte mich: Hast du ein Pflaster für meinen Bruder? Ich sagte: Ja, im Zug.

"Erst wollte ich ihn aufheben, zum Zug tragen, wo das Verbandszeug war, aber er hat nur gebrüllt, sein Bruder auch. Ich habe den Notarzt gerufen, aber die beiden versuchten dann, davon zu rennen. Ich weiß nicht wie, weil sie sehr schwer verletzt waren. Der Notarzt hat sie danach aufgegabelt. Später habe ich erfahren, dass der Kleine wohl gestorben ist. Ob der Große noch lebt, weiß ich nicht genau, ich gehe aber davon aus, dass er ebenfalls tot ist. Ich habe gehört, dass der Kleine den Großen im Flug erwischt und mitgeschleift hatte. Der Sechsjährige hatte wohl viele innere Verletzungen und Organschäden, obwohl man ihm äußerlich zuerst nichts anmerkte.

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Die Geräusche und Gerüche sind heute, 20 Jahre später, immer noch präsent. In meinem Kopf läuft ein Video ab: Der Knall, als der Kleine gegen den Kasten flog. Das Blut. Das schleppst du dein Leben lang mit dir herum, aber ich habe gelernt, es zu steuern. Ich habe dem Kind einen Namen gegeben. Jetzt kann ich es rufen und wieder wegschicken. Dann ist der Junge verschwunden, zumindest für eine Zeit."

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Peter Gutwasser hatte in seinen 20 Jahren als Lokführer drei Unfälle, in denen Menschen schwer verletzt oder getötet wurden. Mindestens einer von ihnen hätte heute vermieden werden können. Zum Beispiel lassen sich heutzutage Türen nicht mehr beim Anfahren des Zuges öffnen, wie etwa bei Peter Gutwassers erstem Unfall im Juni 1990:

"Eine Frau klemmte sich zwischen Zug und Bahnsteigkante ein, als sie die Tür aufmachen wollte, während der Zug bereits anfuhr. Sie hing da fest. Eingequetscht. Ich war zuerst in einer Schockstarre. Der Verstand sagte mir: Du hast das gerade wirklich erlebt. Aber das Gefühl sagte mir: Ich will's gar nicht wahrhaben. Mit der Frau habe ich mich noch unterhalten, bis sie gestorben ist. Das zweite Mal, als jemand während meiner Dienstschicht starb, habe ich es gar nicht mitbekommen. Ein S-Bahn-Surfer kletterte herum und prallte gegen einen Signalmast. Erst am nächsten Bahnhof fragte mich der Bundesgrenzschutz: 'Haben Sie gar nichts mitbekommen?' Bei dem Surfer hatte ich schon ein wenig Wut. Er war 22. In dem Alter sollte man wissen, was man tut. Mitleid hatte ich da nicht."


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Auch bei Selbstmördern kommt Gutwasser die Wut hoch. Ein Suizid passierte direkt vor seinen Augen. Ein Mann sprang vor einen Gegenzug. Dabei prallte der Körper des Selbstmörders vorne auf seinen Zug.

"Was von ihm übrig blieb, ist mir auf die Frontscheibe geflogen. Ein Albtraum. Ich habe erstmal den Scheibenwischer angemacht. Da muss man pragmatisch sein. Bei Selbstmördern kommt mir nur ein Wort in den Sinn: 'Arschloch!' Warum andere mit ins Unglück ziehen? Vor allem seit Robert Enkes Suizid gibt es viele, die im wahrsten Sinne des Wortes einen 'großen Bahnhof' haben wollen, wenn sie abtreten. Die Gesellschaft ist verrohter geworden."

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Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer kann dies bestätigen: "Die Form des Suizidierens auf Schienen hat sich geändert", sagt er. "Die Menschen scheinen zu glauben: Je spektakulärer mein Abgang ist, desto 'berühmter' werde ich."Der Selbstmord an sich sei schon narzisstisch, da man in diesem grenzüberschreitenden Zustand gar nicht mehr an andere denke, nur an sich selbst. Aber wenn man auch noch mehrere Menschen mit hineinzöge, stecke ein Hang zur Dramatik dahinter, sagt Schmidbauer. Michael Dittmann, Vorsitzender der GdL Köln, spricht in diesem Zusammenhang auch vom sogenannten Werther-Effekt—dem Nachahmer-Phänomen. In den Tagen nach dem Suizid Robert Enkes habe es 12 Nachahmer gegeben.

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Psychologische Betreuung bekam Peter Gutwasser damals nicht. "In allen drei Fällen musste ich meinen Schrotthaufen noch selber wegfahren", erzählt er. Er musste den Zug selbst in die Zentrale bringen und reinigen. Deswegen gründete er zusammen mit einem Kollegen Ende der 90er eine Selbsthilfegruppe für Lokführer. Heute sei es bei der Bahn aber viel besser geworden, sagt Gutwasser. Nach Unfällen mit Personen werden Lokführer von anderen abgelöst. Es gibt Anlaufstellen und betriebsinterne psychologische Betreuung.

Denn das Trauma sitzt bei manchen Lokführern tief. "Besonders schlimm sind Fälle, in denen der Fahrer sich noch nie zuvor mit dem Tod auseinandergesetzt hat", sagt Professor Wilfried Echterhoff. Der Psychologe betreut unter anderem Menschen, die in ihrem Beruf mit dem Tod anderer in Kontakt geraten. Wenn ein Fahrer vorher den Tod aus seinem Leben ausgeblendet habe, sagt Echterhoff, könne er das Vertrauen in die Technik, die Welt und in sich selbst verlieren. "Das kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen oder zu einer tiefen Depression."

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Echterhoff rät, viel über solche Unfälle zu sprechen und Wege zu finden, um von vorne zu beginnen. Peter Gutwasser ist dies offenbar gelungen: Er hat den Tod als Bestandteil seines Lebens akzeptiert.

"Wenn du Bahnfahrer wirst, dann musst dir darüber im Klaren sein, dass dir jemand vor den Zug knallen kann. Das ist nun mal so. Aber ich wollte schon Distanz zu den Gleisunfällen schaffen, aus reinem Selbstschutz. Sie sind tot, das lässt sich nicht mehr ändern. Mit dem Tod klarzukommen, ist ein langer Prozess, ich habe hart daran gearbeitet. Es hat geholfen, dass ich mich schon als Kind zu philosophischen Themen hingezogen gefühlt habe. Ich denke, ich habe es geschafft, dem Tod mit einer Art humorvollen Vernunft zu begegnen. Humor ist auch eine Art Therapie—trotz Härte der Lage immer noch lachen zu können."

Dass Gutwasser heute nicht mehr bei der Bahn arbeitet, sondern als freiberuflicher Therapeut, habe nichts mit den Schienentoden zu tun.

"Den Job bei der Bahn habe ich damals aus finanziellen Gründen gemacht und weil mir das Fahren ein Gefühl von Freiheit verlieh. Das war toll. Das hat mich fasziniert. Aber irgendwann haben mir bei der Bahn die familienunfreundlichen Arbeitszeiten nicht mehr gefallen. Ich wollte schon immer lieber Therapeut werden, da ich Philosophie mag und gerne anderen Menschen helfe. An die Toten denke ich noch heute. Schuldgefühle habe ich keine. Ich habe ja nichts falsch gemacht, nur meinen Job."

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Selbstmord denken—oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat.

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