Kultur

Der Bauchtanz heißt gar nicht "Bauchtanz" und andere sexistische Missverständnisse

Der Raqs Sharqi ist der vielleicht älteste Tanz der Welt, trotzdem wird er primär mit Glitzer-BHs und Haremsfantasien in Verbindung gebracht.

von Leila Ettachfini
13 Juli 2017, 8:10am

Dorit Konig. Foto: Lina Jang

"Warum nennen wir das so?", fragt Leila Haddad, als ich ihre meine erste Frage zum Bauchtanz stellte. "Ich habe noch nie von einem Nasentanz oder Fingertanz oder einem Ohrentanz gehört." Haddad ist Pariser Choreografin. Sie wurde damit bekannt, traditionelle orientalische Tänze auf die Bühnen dieser Welt zu holen und setzt sich unermüdlich dafür ein, das Ansehen des "Bauchtanzes" wiederherzustellen. In der arabischen Welt, erklärt sie, hätte man niemals von "Bauchtanz" gesprochen. "Ich habe nichts gegen den Bauch. Der Bauch ist der Ursprung der Menschheit, ein heiliger Ort. Aber der Tanz heißt nicht so. Er heißt Raqs Sharqi."

Raqs Sharqi ist arabisch und bedeutet so viel wie "Tanz des Ostens" oder "Tanz des Orients", womit der Mittlere Osten und Nordafrika gemeint sind. Einige Tanzwissenschaftler glauben sogar, dass der Raqs Sharqi der älteste Tanz der Welt sein könnte. Doch über die vergangenen eineinhalb Jahrhunderte wurde diese Form der Kunst durch den Westen immer weiter kommerzialisiert und sexualisiert. Dieser Umstand frustriert nicht nur die Menschen, die Jahre damit verbringen den Tanz zu studieren, sondern auch diejenigen, die in dem Tanz einen integralen und wundervollen Bestandteil ihrer Kultur sehen.

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Raqs Sharqi war nicht immer ein Synonym für Sinnlichkeit und Verführung, doch ganz unbegründet sind diese Assoziationen auch nicht. Viele Anthropologen gehen davon aus, dass der Tanz auf ein Fruchtbarkeitsritual zurückzuführen ist, das schon lange vor dem Osmanischen Reich praktiziert wurde. Eine Zeit lang wurde der Raqs Sharqi in der Öffentlichkeit auch von vielen Sexarbeiterinnen vorgeführt. Bei diesen Assoziationen wird nur allzu gern vergessen, dass der Raqs Sharqi von arabischen Frauen auch schon immer zu Hause, fernab der männlichen Blicke zelebriert wurde – zum Beispiel auch von Großmüttern und Ärztinnen. Frauen, die den Raqs Sharqi professionell tanzen, müssen derweil noch immer darum kämpfen, die falschen, sexualisierten Vorstellungen abzuschütteln, die mit dieser Kunstform verbunden werden.

Geschichtlich betrachtet, sind sowohl die Fehlbezeichnung "Bauchtanz", als auch die damit verbundenen Vorurteile das Ergebnis des Orientalismus. Dieses Konzept stammt von dem Geisteswissenschaftler Edward Said und beschreibt die Bevormundung – und oft auch Fetischisierung – "fernöstlicher" Kulturen durch den Westen. Im Jahr 1798 begann Napoleon Bonaparte seinen Ägyptenfeldzug in Begleitung einiger französischer Gelehrter, um Großbritannien in seinen imperialistischen Eroberungen zu überbieten. Ägypten war damals weitestgehend nach Geschlechtern getrennt organisiert. Immer, wenn Napoleon und seinen Begleitern also nach ein wenig weiblicher Gesellschaft zumute war – und es die europäischen Prostituierten, die Napoleon anforderte, nicht rechtzeitig durch die britischen Grenzblockaden schafften –, griffen sie auf ägyptische Prostituierte zurück. Diese waren häufig aber auch Tänzerinnen. Historiker gehen daher davon aus, dass Napoleon und seine Gang damit angefangen haben, den Tanz "danse du ventre" oder eben "Bauchtanz" zu nennen, weil sie im Eifer des Gefechts keinen Wert auf irgendeine Unterscheidung legten. (Haddad betont an dieser Stelle nochmals, dass der Tanz nirgendwo in der arabischen Welt "raqs al-beden", also Bauchtanz, genannt wird.)


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Abgesehen von dem irreführenden Namen hat der Orientalismus des Westens dem Tanz auch zu seinem obszönen Ruf verholfen. Die negativen Konnotationen des Tanzes sind inzwischen nicht nur in der westlichen, sondern auch in der arabischen Welt weit verbreitet. Allerdings: In der arabischen Welt beziehen sich viele der Vorurteile ausschließlich auf professionelle Tänzerinnen und nicht auf den Tanz an sich, der immer noch zu Hause oder bei Feiern wie Hochzeiten oder Henna-Nächten getanzt wird.

Vivant Denon, einer der Gelehrten, der Napoleon nach Ägypten begleitet hat, schrieb in seinem Buch (einem der Grundlagentexte der Ägyptologie), das der Raqs Sharqi "lediglich den abstoßenden und obszönen Ausdruck sinnlicher Berauschtheit" darstelle. Die Tanzwissenschaftlerin Rosina-Fawzia B. Al-Rawi betont in ihrem Buch zur Geschichte des Raqs Sharqi hingegen, dass "der Westen den Bauchtanz [des arabischen Stammes Ouled Nail] nahm, der schon immer mit Prostitution in Verbindung gebracht wurde und diesen kurzerhand zum Original erklärte."

Auch heute haben tausende professionelle Tänzer_innen und Choreograf_innen mit den Nachwirkungen solcher Vorurteile zu kämpfen. Vor allem aber werden die Frauen, die oft Jahre damit verbringen, diese Kunstform zu erlernen, herabgewürdigt und objektifiziert. Bedauerlicherweise handelt es sich dabei nicht nur um ein Denken aus irgendeiner Nische. Die New York Times schrieb 2008 eine Kritik zu Haddads Auftritt im Skirball Center der New York University. Über ihre Darbietung, die in der Fachöffentlichkeit als die am wenigsten sexuelle und kulturell akkurateste Form des Raqs Sharqi bezeichnet wird, hatte die Times Folgendes zu sagen:

Zum Teufel mit den kulturellen Unterschieden: Ein verführerischer Blick und ein Lächeln über die Schulter begleitet von bebenden, kreisenden Hüften bedeutet vermutlich überall dasselbe. Miss Haddad hat von beidem zu viel geboten. Zu schade, denn ihre streng kontrollierten Armbewegungen und die wunderschöne Darbietung ihrer eleganten Schrittfolge ließen eine tiefer gehende Kunstfertigkeit erahnen – eine, die zu den hervorragenden Sängern und Musikern gepasst hätte, mit der sie sich die Bühne teilte.

Auch Haddad muss zugeben, dass der Raqs Sharqi genau wie der Tango oder Salsa sehr sinnlich ist. "Wenn man sich aber daran aufhängt, dann wird es langweilig. Es geht dabei um Spiritualität und Intellektualität. Man muss die Musik verstehen,sie mit dem Herzen fühlen."

Dorit ist eine Tänzerin aus New York und bringt den Raqs Sharqi als Tanzlehrerin auch anderen bei. Sie setzt sich ebenfalls dafür ein, dem Tanz mehr Aufmerksamkeit – vor allem mehr nicht-sexualisierte Aufmerksamkeit – zukommen zu lassen. "Ich habe meinen eigenen Weg, um dem Tanz zu mehr Respekt zu verhelfen. Indem ich respektvoll tanze und mich selbst respektvoll darstelle", erklärt sie. "Ich werde damit immer mehr Frauen als Männer ansprechen."

Leila Haddad tritt in einem traditionellen tunesischen Raqs-Sharqi-Kostüm auf. Foto: Leila Haddad

Allerdings musste auch Dorit im Verlauf ihrer Karriere immer wieder Bekanntschaft mit den sexistischen Vorurteilen machen, die aus den falschen Vorstellungen über den Tanz und die Tänzerinnen entstanden sind. Einmal wurde sie sogar während ihres Auftritts von einem Paar an den Tisch gewinkt und gefragt, ob ihre Brüste echt seien. Diese Begegnung war leider kein Einzelfall. Sie hat schon unzählige solcher Situationen erlebt, in denen sie aufgrund ihrer Arbeit diskriminiert wurde. Genau wie Haddad spricht auch sie nicht gerne von Bauchtanz, sondern von orientalischen Tänzen, zu denen sie nach eigener Aussage vor allem durch die Musik gefunden habe.

Ein weiterer Faktor, durch den das Ansehen des Tanzes und der Tänzerinnen noch weiter abgenommen habe, ist laut Dorit die Filmindustrie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte der Raqs Sharqi erstmals in Hollywood-Filmen wie Cleopatra oder Der Scheich auf. Letzterer zeigt unter anderem eine Szene in einem Casino, in dem arabische Männer um ihre Frauen spielen. Ähnliche Fehldarstellungen der arabischen Kultur und des Raqs Sharqi fanden schließlich ihren Weg in Hollywood-Produktionen der folgenden 50 Jahre.

"Die Menschen haben keine Ahnung, wie arabische Frauen sind."

Gleichzeitig hat die Filmindustrie aber auch stark zu den Veränderungen der Kostüme der Tänzerinnen beigetragen. Ursprünglichen variierten die Kostüme in der arabischen Welt von Land zu Land. Meistens bestand die Kleidung der Tänzerinnen aus einem weiten, mehrschichtigen Kleid, einem Schal, der fest um die Hüfte gebunden wurde und klimperndem Schmuck. Ende des 19. Jahrhunderts begannen Filmemacher wie D.W. Griffith (von dem die Originalfassung des umstrittenen Films The Birth of a Nation stammt), die Tänzerinnen in einem sogenannten "Bedlah" darzustellen. Das ist die Kombination aus glitzernden BHs und langen Röcken, an die wir auch heute noch spontan denken müssen, wenn wir den Begriff "Bauchtanz" hören.

Im goldenen Zeitalter des ägyptischen Kinos (zwischen den 40er- und 60er-Jahren), das sehr stark von Hollywood beeinflusst wurde, begannen auch ägyptische Tänzerinnen und Schauspielerinnen wie Samia Gamal in freizügigen Kostümen aufzutreten. Oft wurden die amerikanischen Darstellungen von "Bauchtänzerinnen" einfach übernommen und zeigten fortan Frauen, die tanzten, um einen König oder eine Gruppe von Männer zu verführen. Trotz allem stellten sie den Raqs Sharqi aber auch oft als Performance-Kunst oder Unterhaltungsform für große Gruppen aus Männern und Frauen dar.

Im Westen sieht man Frauen den Raqs Sharqi heutzutage vor allem in Restaurants und Clubs vor einem gemischten Publikum tanzen. Dieser Trend begann kurz nach der Vorführung eines Raqs Sharqi bei der Weltausstellung 1893 in Chicago. Obwohl die strikt konservativen und viktorianischen Zuschauer erwartungsgemäß schockiert von der Darbietung waren, erwies sich der Tanz doch als so faszinierend, dass er schon nach kurzer Zeit in Kabaretts und Restaurants quer durch die Vereinigten Staaten vorgeführt wurde.

Mitte der 1980er-Jahre hatte Haddad schließlich eine neue Vision für den Raqs Sharqi: Sie wollte ihn auf die großen Bühnen dieser Welt bringen. Haddad sieht darin eine Form des Protests gegen die falschen Vorstellungen von dem Tanz und arabischen Frauen. "Die Menschen haben keine Ahnung, wie arabische Frauen sind", sagt sie. "In ihren Augen sind sie entweder die armen, arabischen Frauen, die von ihrem Mann geschlagen werden, oder sie sind Huren." Haddad und Dorit hoffen, dass sie den Raqs Sharqi auf die Bühne bringen und damit bewirken können, dass ihre Kunst wieder gewürdigt wird.

Foto: Leila Haddad

Obwohl Haddad schon in der ganzen Welt aufgetreten ist und Dorit bereits dazu eingeladen wurde, im Weißen Haus aufzutreten, glaubt keine der beiden, dass sich im vergangenen halben Jahrhundert etwas an der promiskuitiven und obszönen Wahrnehmung von Frauen, die den Raqs Sharqi tanzen, verändert hat. "Es ist noch immer sehr schwer, mit dieser Form der Kunst in Theatern aufzutreten", sagt Haddad, "aber ich kämpfe weiter wie ein Tiger."

Dorit hat den Begriff "Bauchtanz" eigentlich über Jahre hinweg abgelehnt. "Ich verwende den Begriff nicht gerne, weil damit all diese falschen Vorstellungen von Bauchtänzerinnen verbunden sind, von denen die meisten sehr negativ sind", sagt sie. Inzwischen ist ihr aber auch bewusst geworden, dass sie sich als professionelle, amerikanische Tänzerin manchmal auch als "Bauchtänzerin" bezeichnen muss, um mit der Konkurrenz mithalten zu können.

Genau wie viele andere Formen der Kunst auch hat der Raqs Sharqi in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten mit dem Aufkommen sozialer Medien eine drastische Veränderung durchlebt. Vor allem hat der Tanz mehr Sichtbarkeit bekommen: Videos des Raqs Sharqi werden auf YouTube oft millionenfach angeklickt. Außerdem wird der Tanz seit Kurzem auch wettbewerbsorientiert getanzt. Dorit beschreibt die modernen Adaptionen des Tanzes sogar als "olympische Disziplin". Die Tänzer_innen, die bei den weltweiten Wettbewerben von Dänemark bis Kairo auftreten, haben die fließenden Bewegungen klassischer Tanzender allerdings längst abgelegt und durch komplizierte, isolierte Bewegungen ersetzt.

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Haddad glaubt dennoch, dass die Zukunft des Raqs Sharqi auf den Bühnen und in den Theatern dieser Welt liegt – aber nur dann, wenn mehr Choreograf_innen und Tänzer_innen ihrem Aufruf folgen. Sie möchte Unternehmen und Studios gründen, um den Raqs Sharqi auch weiterhin am Leben zu halten und ihn entgegen aller Vorurteile wieder ins richtige Licht zu rücken. Für Haddad hat Tanzen außerdem etwas Politisches. "Wenn du tanzt, kannst du damit auch Probleme anprangern", sagt sie. "Meine Großmutter hat nicht auf der Bühne getanzt. Sie hat zu Hause mit den anderen Frauen getanzt, weil der Tanz zu unserer Kultur gehört."

Abschließend gibt sie mir noch einen Rat, den ich auch mit dem Rest der Welt teilen kann: Sei nicht faul. "Es wird Zeit, dass sich der Westen in andere Kulturen hineinversetzt. Dieselben Anstrengungen, die der Mittlere Osten unternimmt, kann auch der Westen auf sich nehmen."

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