Die bipolare Störung meiner Mutter – in Bildern
"Mom in Florida, 2016." All photos by Melissa Spitz

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Die bipolare Störung meiner Mutter – in Bildern

Für das Projekt „You Have Nothing to Worry About“ dokumentiert die Fotografin Melissa Spitz seit Jahren den Alltag ihrer medikamentenabhängigen und psychisch kranken Mutter. Das Ergebnis ist ebenso intim wie berührend.
12.9.16

„Jeder denkt immer, dass seine Mutter verrückt ist. Ich dachte mir immer: Nein, meine Mutter ist wirklich verrückt." Die Fotografin Melissa Spitz kennt sich diesbezüglich besser aus als die meisten. Die in New York lebenden Künstlerin dokumentiert über den Instagram-Account Nothing to Worry About das komplexe und vielschichtige Leben ihrer psychisch kranken und medikamentenabhängigen Mutter.

„Ich habe mein ganzes Leben schon fotografiert. Mein Großvater hat mich an die Fotografie herangeführt, als ich noch ein Kind war", sagt Melissa. Die Scheidung ihrer Eltern verarbeitete sie mit Fotografie. „Die vermeintlich perfekte Familie existierte nicht mehr. Es war einfacher für mich, die Kamera mit nach Hause zu nehmen, anstatt mich damit auseinanderzusetzen, was da passiert. Ich war damals so wütend."

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Melissas Mutter, die anonym bleibt, hat blonde Haare. Sie wirkt sehr grazil. Die Fotos, auf denen sie raucht, sitzt und sich kratzt, sind mehr als bloße Momentaufnahmen. „Es gibt ein Foto von meiner Mutter, auf dem sie auf einer Bank sitzt und schreit. Ihre Stimme ist voller Schmerz und ich dachte mir nur: ‚Genau so fühle ich mich.'" Plötzlich habe ich begriffen, das es ein Echo ist. Ich fotografiere nicht nur einfach meine Mutter, sondern ich benutze sie als Metapher dafür, was in meinem Leben passiert und umgekehrt." Melissa sieht die starken, oftmals unerwarteten und manchmal ironisch gemeinten Fotografien als eine Art Unterhaltung zwischen den beiden. Ihre fotografische Beziehung ist zart und zerbrechlich. Die Fotos sind düster und spiegeln die Fragmentierung wider, die einsetzt, wenn eine psychische Erkrankung das Ich aufspaltet.

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„Ich habe anfangs gedacht, dass psychische Erkrankungen nicht weiter schlimm sind", sagt Melissa Spitz über die ihre bipolare Mutter, die mehrere Diagnosen hinter sich hat. „Jetzt denke ich, dass sie sehr, sehr krank ist und meine Meinung über psychische Erkrankungen hat sich komplett geändert." Trotzdem sollen die Fotos ihre Mutter nicht als Opfer zeigen. „Sie ist kein Opfer. Sie mag es, fotografiert zu werden und eine Bühne zu bekommen. Ich glaube, deshalb liebt sie dieses Projekt so sehr."

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"Xanax from Mom, 2012." Alle Fotos von Melissa Spitz

Tatsächlich wird häufiger die Frage aufgeworfen, inwiefern das Projekt vertretbar ist und ob die Mutter wirklich eingewilligt hat. Hilft es ihr, wenn Melissa sie fotografiert? Wurde auf irgendeine Art und Weise die Obhut und Fürsorgepflicht verletzt? Melissa widerspricht heftig. „Dadurch fühlt sie sich wichtig und als Mensch geschätzt. Es gibt Zeiten, in denen ich sehr froh bin, dass ich das Projekt mache und dann gibt es Zeiten, in denen ich mich von ihr ausgenutzt fühle. Es ist ein Hin und Her, aber ich bin froh, dass ich Teil davon bin und jetzt langsam anfange, meine Geschichte mehr einzubinden."

"Mom doing her make-up, 2016."

„Mir wurde vorgeworfen, dass es Ausbeutung ist und ich meine Mutter in einem schlechten Licht darstelle. Ich sehe das eher so: Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus."

Melissa hält inne.

„Ich nehme das wieder zurück. Ich habe nie das Gefühl, dass ich sie ausnutze, nie. Es gibt zum Beispiel das Bild von ihr, auf dem sie ihr Krankenhauslaibchen hochhält. Sie hat mir gesagt: ‚Mache eine Foto von mir und meiner Wunde'. Und ich habe geantwortet: ‚Nein, Mama. Ich werde kein Foto von deiner Vagina machen'. Sie sagte nur: ‚Du musst aber'. Sie diktiert viel."

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In dieser Geschichte gibt es kein richtig oder falsch und das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Leute mit psychischen Erkrankungen werden sehr oft als liebenswerte Exzentriker dargestellt oder als eine Art Sozialprojekt, an dem sich andere hochziehen. Die Realität sieht oft anders aus: Krankenhäuser, Medikamente und selbstzerstörerisches Verhalten. Melissa möchte das Projekt noch einige Jahre weiterführen. „Eine Weile lief es unter dem Titel Til She's Dead. Das war aber doch ein bisschen zu makaber", sagt sie. Melissa fotografiert ihre Mutter seit 2009 und möchte sie solange dokumentieren, wie sie kann. Am Ende soll es einen Bildband oder eine Ausstellung über Fotografien aus zehn Jahren geben.

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„Wenn ich mal eine Ausstellung haben sollte, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Fotos ganz zeigen werde oder ich Gitternetze schneiden werden. Diese weißen Instagram-Linien fangen langsam an, mir etwas zu bedeuten."

"'I need this for protection,' Mom's B B Gun, 2014."

"The last time Dad remembers Mom being 'Normal,' Bumbershoot, Seattle, Washington, 1994."

"All of Mom's Prescriptions, 2014, 1994."

"Scream, 2013."

"Wallpaper, 2013."

"Dandelion, 2016."

„Pool Day, 2015."

Meine Mutter bei der Ausstellung zu meiner Abschlussarbeit, 2014