Sport

Drogen, Mafia und Lügen: Das turbulente Leben des Diego Maradona

Er war der größte Fußballer der Welt, dafür fiel er umso tiefer. Wir sprechen mit Regisseur Asif Kapadia über seine neue Maradona-Doku.

von Daniel Dylan Wray
06 Juni 2019, 4:30am

Diego Maradona während seiner Zeit beim SSC Neapel | Foto: Alfredo Capozzi 

Es gibt nur wenige Fußballspieler, deren Leben genug Stoff für eine 130 Minuten lange Doku hergeben. Bei Diego Maradona würden wahrscheinlich zwei Filme nicht ausreichen.

Der Argentinier besiegte bei der Fußballweltmeisterschaft 1986 nicht nur Deutschland im Finale, sondern schoss beim selben Turnier mithilfe der "Hand Gottes" auch eines der berüchtigsten Tore aller Zeiten. Als unumstrittener Superstar des SSC Napoli verhalf er dem schwächelnden Team zu einer wahren Titelflut. Abseits des Felds fiel Maradona mit der Zeit aber immer mehr durch Alkoholkonsum, Drogen- und Dopingskandale, einen Vaterschaftsstreit und Verbindungen zur Mafia auf. Mit der Karriere der Tormaschine ging es so schnell bergab, wie sie in Schwung gekommen war.

Der Regisseur Asif Kapadia hat sich in seinen Dokumentationen bereits mit dem Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna und der Musikerin Amy Winehouse beschäftigt (und dafür einen Oscar bekommen). In seinem aktuellen Film Diego Maradona dreht sich nun alles um den Ex-Fußballprofi. Wir haben mit Kapadia über die Zusammenarbeit mit einem der außergewöhnlichsten Sportler aller Zeiten gesprochen.

VICE: Wie bist du mit deiner Filmidee an Maradona herangetreten?
Asif Kapadia: Um ehrlich zu sein, habe ich das nie gemacht. Maradona kannte mich, weil er meine Doku über Ayrton Senna mochte. Als meine Produzenten das Vertragliche aushandelten, gewann ich mit Amy gerade einen Oscar. Da postete Maradona ein Bild von mir mit der Trophäe in den sozialen Medien und schrieb: "Dieser Typ macht als nächstes einen Film über mich."

Hat Maradona dich bei euren Treffen eingeschüchtert?
Absolut, er hat eine besondere Ausstrahlung. Du merkst es sofort, wenn er den Raum betritt. Wenn er glücklich ist und kurz lächelt, spürst du das. Mit ihm damals in den 80er Jahren in Neapel abzuhängen, wäre mit Sicherheit toll gewesen. Wenn er allerdings schlecht drauf ist oder keine Lust hat, kann er schnell richtig unangenehm werden.

diego maradona 1980
Maradona im Jahr 1980 | Foto: El Grafico

Wie liefen die Interviews ab?
Insgesamt habe ich vier oder fünf Mal mit ihm gesprochen. Manchmal bekam ich kein Wort aus ihm heraus, beim nächsten Mal redete er stundenlang. Ich wollte ihm auch ein paar tiefgreifende Fragen stellen, aber schon bei manchen einfachen Fragen antwortete er nur so was wie: "Über sie will ich nicht reden, erwähne diesen Namen nie wieder." Oder: "Zu dem Typen habe ich nichts zu sagen, der hat mir viel Geld abgeknöpft."

Zum Glück hatte ich bei unseren Gesprächen einen Dolmetscher im Ohr und konnte Maradona so unterbrechen, wenn er vom Thema abwich. Einmal, als ich ein schwieriges Thema partout nicht fallen lassen wollte, sagte er: "Du hast echt Mut, mich so etwas direkt zu fragen." Und nach einer langen Pause: "Aber dafür respektiere ich dich."


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Das klingt, als seien die Interviews spannend, aber auch unberechenbar gewesen.
Weil Maradona und ich nicht die gleiche Sprache sprachen, konnte ich keine wirkliche Beziehung zu ihm aufbauen. Allgemein wusste ich nie, wie er drauf sein würde, bis wir uns gegenübersaßen. Außerdem führte ich die Interviews über Jahre hinweg, manchmal hatte ich da das Gefühl, dass er sich gar nicht mehr an mich erinnerte. Er hat den Film bis heute nicht gesehen.

Warum? Die meisten Menschen würden eine Doku über ihr eigenes Leben doch sofort anschauen wollen.
So was ist ihm egal. Außerdem arbeitet er ja als Trainer des mexikanischen Klubs Dorados de Sinaloa. Und vielleicht hat er ja doch ein wenig Angst vor dem, was in dem Film zu sehen ist.

Was bei jeder Interaktion mit Maradona wichtig ist: Er braucht die Aufmerksamkeit der Menschen, tut dann aber so, als ginge es ihm am Arsch vorbei, dass du mit ihm reden willst. Wenn man ihm aber keine Beachtung schenkt, dann macht er irgendwas, damit die Leute wieder über ihn sprechen.

diego maradona naples presentation
Maradona wird in Neapel als neuer Hoffnungsträger vorgestellt | Foto: Alfredo Capozzi

Maradona hatte seine besten Fußballerjahre während seiner Zeit beim SSC Napoli. Dann ging es mit ihm aber schnell bergab. Wann kam der Wendepunkt?
Seine Beziehung zu Italien und Neapel kippte, als er im Halbfinale der WM 1990 im Elfmeterschießen gegen Italien traf und so mit Argentinien ins Finale einzog. In Maradonas Privatleben wurde es richtig turbulent, als er seinen Sohn verleugnete.

Für mich ist der Wendepunkt, als er mit diesen Lügen anfing und vorgab, die Mutter seines Sohns nicht mal zu kennen. Viele von Maradonas Problemen entwickelten sich aus diesen Lügen. Sie schadeten der Mutter des Kindes, dem Kind, Maradonas Familie und ihm selbst. All das nur, weil er vor seiner Verantwortung davonlief.

Zur selben Zeit eskalierte Maradonas Drogenkonsum, er traf sich mit Mafiabossen. War ihm bewusst, was er da tat?
In einigen alten Interviews gab Maradona an, er habe nicht gewusst, wen er da traf. Ich glaube aber nicht, dass er die ganze Wahrheit sagte. Wie dem auch sei, diese Beziehungen zur Unterwelt setzten ihm richtig zu. Er war ein suchtanfälliger Mensch und das nutzten diese Typen voll aus.

In deiner Doku scheint Maradona eine Art gespaltene Persönlichkeit zu haben: einmal der bescheidene und freundliche Diego und dann der wilde, draufgängerische Maradona. Hast du beide Seiten erlebt?
Ich habe das Gefühl, dass der Mensch, über den ich den Film gemacht habe, nicht mehr wirklich existiert. Während der Interviews habe ich jedenfalls eher seine Maradona-Persönlichkeit erlebt. Ich weiß nicht, wie viel von dem Diego der 80er Jahre noch übrig ist. Enge Bekannte von ihm denken da genauso und sagen oft: "Ich wünschte, Maradona könnte wieder der Alte sein, aber das geht nicht."

Als ich mit Maradonas altem Trainer sprach, warnte der mich: "Pass auf, du sitzt bald dem größten Lügner der Welt gegenüber." Das meinte er zwar nicht wirklich ernst, aber Maradona sagt ja selbst, dass Fußball ein Spiel der Täuschung und der Tricks sei. Und er spielt da voll mit. Du stellst ihm eine Frage und er antwortet etwas komplett anderes.

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Maradona und seine Eltern | Foto: El Grafico

Maradona gilt immer noch als ziemlich wild und von Drogen zerstört. Ist dieses Bild übertrieben?
Die Leute machen viele dumme Witze über Maradona. Während der Fußball-WM 2018 zeigte er sich aber auch nicht von seiner besten Seite. Zu dieser Zeit wurden viele Social-Media-Posts über ihn geteilt, ganz egal, ob sie der Wahrheit entsprachen oder nicht. Das ist richtig traurig. Mir tut Maradona leid.

Wenn einem nicht richtig geholfen wird, bleibt man das ganze Leben lang suchtkrank. Ich bin mir nicht sicher, ob Maradona jemals die richtige Hilfe bekommen hat. Egal, wo er hingeht, überall wollen ihm die Leute Drinks spendieren oder anderweitig "weiterhelfen". Er hängt sich aber voll in seine Arbeit als Trainer rein und lenkt sich damit von der Versuchung ab.

Könnte es im modernen Fußball so eine Figur wir Maradona überhaupt noch geben?
Auf dem Feld ist ihm derzeit meiner Meinung nach Luis Suárez am ähnlichsten: Spielt er in deinem Team, liebst du ihn, spielt er beim Gegner, hasst du ihn wie die Pest. Abseits des Feldes gibt es Spieler wie Ronaldinho, die wenig trainiert, aber dafür umso mehr gefeiert haben sollen. Da liegt auch das Problem: Wenn du so einen Lifestyle lebst, bleibst du nicht lange auf dem Höhepunkt deiner Karriere.

Zwar konnte Maradona trotz seiner Eskapaden ziemlich lange Topleistungen abrufen, aber damit bildete er eine Ausnahme. Heutzutage wird den Spielern ein rundum professionelles Auftreten antrainiert. Insgesamt ist das eine gute Entwicklung, aber damit gibt es leider auch nicht mehr so viele interessante Charaktere – wie eben Diego Maradona.

Diego Maradona kommt am 05. September in die deutschen Kinos.

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