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Warum Tel Aviv die LGBTQI+-freundlichste Stadt der Welt ist

Und warum man das nicht als "Pinkwashing" verdammen sollte.

von Pola Sarah Nathusius
05 Juni 2020, 7:00am

Menschen feiern bei der Pride-Parade in Tel Aviv || Foto: imago images | Kyodo News

Tel Aviv ist eine Stadt, in der man nur wenige Minuten die Allenby-Straße hochlaufen muss, um einem Rabbi mit Schläfenlocken auf Inlineskates, einer in goldene Pailetten-Leggins gekleideten Transfrau und einem älteren Herren mit einer Straußenfeder im Haar und pinker Glitzerjacke auf einem wild geschmücktem E-Bike über den Weg zu laufen.

Die Stadt am Mittelmeer, in der Israel- und Regenbogenfahnen von den Bauhaus-Balkonen hängen. Die Stadt, in der ein Strand für Hunde direkt neben einem ummauerten Strand für Orthodoxe Juden und einem Schwulen-Strand liegt.

Tel Aviv ist stolz darauf, die LGBTQI+ freundlichste Stadt der Welt zu sein, die Community ist überall und mittendrin. Sie ist eine Szene und doch fest verankert im Alltagsbild der Stadt.

Tel Aviv will nicht sein wie Syrien oder Saudi-Arabien, wo Homosexualität illegal ist. Oder wie Libanon und Jordanien, in denen es zwar legal, aber nicht in der Öffentlichkeit akzeptiert ist, schwul, lesbisch, queer oder ähnliches zu sein.


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Um herauszufinden, was diese Stadt noch so liberal und divers macht, bin ich mit Ofer Neumann verabredet. Neumann ist Leiter von IGY, der größten LGBTQI+ Organisation Israels. IGY steht für "Israel Gay Youth". Früher hat Neumann unter anderem für Stav Shaffir, Knesset-Abgeordnete der Arbeiterpartei, gearbeitet. Neun Jahre lang war der schlanke, große Mann ehrenamtlich bei IGY, seit einem knappen Jahr ist er hauptberuflich der Chef. 4.000 Mitglieder hat IGY, die sich an Schwule, Lesben, Transpersonen, queere und intersektionale Menschen im Alter von 12 bis 23 Jahren wendet.

Neumann strahlt über das ganze Gesicht, als er sagt: "Ja, Tel Aviv ist die beste Stadt auf der ganze Welt für LGBTQ. Weil es Spaß macht, hier zu leben, weil es verrückt und bunt ist, weil es hier IGY gibt und es eine queere Stadt ist."

Doch neben all dem Spaß und den Partys sei Tel Aviv auch ein wichtiges Zentrum geworden für die Kämpfe der Community. Tel Aviv sei nicht nur ein Nährboden für die Community an sich, sondern biete auch Raum für Kämpfe für mehr Rechte. Und die Community in Tel Aviv habe "die Fähigkeit, diese Kämpfe zu organisieren und eine sichere, starke Umwelt zu schaffen, aus der heraus wir in die Welt raus gehen können", erklärt Neumann.

Die wohl größte Party der Stadt, ob gay oder nicht, ist die Tel Aviv Pride. Knapp eine Viertelmillion Menschen haben im vergangenen Jahr mitgefeiert. Das ist sowieso schon eine ganze Menge – in einem Land mit gerade mal neun Millionen Einwohnern wirklich beachtlich. Während der Pride steht die Stadt Kopf. Also, noch mehr als Tel Aviv das sowieso schon tut. Es scheint zum guten Ton der Stadt zu gehören, dass die Pride stattfindet und dass man mitfeiert, egal ob LGBTQI+ oder nicht. Touristinnen und Touristen aus fast der ganzen Welt reisen Jahr für Jahr im Frühsommer nach Tel Aviv und jedes Jahr werden es mehr. "Ich glaube, Tel Aviv ist einfach total attraktiv für LGBTQs aus anderen Ländern, wegen der Parties, wegen des Strands und weil man hier vergleichsweise viel Freiheit findet", begründet Neumann das.

"Auch der Wunsch nach Familie und Gleichberechtigung wird in der israelischen Gesellschaft sehr ernst genommen."

Und es stimmt, Tel Aviv ist wohl eine der Städte, in denen man sich nicht darum sorgen muss, was andere über einen denken. Das liegt mit Sicherheit auch an der starken LGBTQI+ Community. Im Jahr 2017 hat eine Umfrage in Israel ergeben, dass 79 Prozent der Israelis befürworten, dass homosexuelle Paare heiraten dürfen. Unter säkularen Israelis waren es sogar 92 Prozent. Laut einer Untersuchung im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes stimmten in Deutschland im selben Jahr 82,6 Prozent der Deutschen der gleichgeschlechtlichen Ehe zu. Neumann erklärt das so: "In Israel sind Familie und Elternschaft sehr wichtig, auch die Ehe ist sehr sehr wichtig, nicht so wie in vielen säkularen Ländern in Europa. Also wird auch der Wunsch nach Familie und Gleichberechtigung in der israelischen Gesellschaft sehr ernst genommen."

Wenn man über das LGBTQI-freundliche Tel Aviv spricht, vor allem in Abgrenzung zu den Nachbarländern, kommt schnell der Vorwurf des Pinkwashings. Als Pinkwashing wird das in den Augen der Kritikerinnen unlautere Marketing der israelischen Regierung mit den LGBTQI+ Rechten bezeichnet, die die Community im Land genießt. Es wird unterstellt, die Regierung schmücke sich nur mit den Rechten der Community, um von anderen Missständen im Land und den besetzten Gebieten abzulenken. Bezeichnend ist aber auch, dass der Pinkwashing-Vorwurf ausschließlich gegen Israel angewendet wird und häufig aus Gruppen kommt, die antisemitischem Gedankengut und Gruppen wie BDS nicht völlig abgeneigt sind.

Einige Community-Mitglieder wehren sich dagegen, dass sich die israelische Regierung in ihrer Außendarstellung mit den verhältnismäßig progressiven Rechten der LGBTQI+ Community schmückt. Und auch Neumann sagt: "Pinkwashing ist nicht gut." Er sagt aber auch: "Aber wenn wir des Pinkwashings beschuldigt werden, dann bedeutet das, dass der Regierung unterstellt wird, eine falsche Situation darzustellen. Israel ist aber das fortschrittlichste Land im Nahen Osten für LGBTQ. Ich bin nicht sicher, ob hinter allem, was als Pinkwashing bezeichnet wird, auch wirklich Pinkwashing steckt."

Anschläge und Meilensteine

Israel ist ein religiöser Staat, es gibt keine zivile Ehe. Das bedeutet, dass Nicht-Juden und -Jüdinnen genauso wenig wie Schwule und Lesben heiraten können. Dafür müssen sie ins Ausland, um die Ehe anschließend in Israel anerkennen zu lassen. Schwule Paare können nicht auf legalem Weg Eltern werden. Und die Community musste trotz der Akzeptanz, die Ofer Neumann so lobt, immer wieder Angriffe und Anschläge verkraften.

Der LGBTQI+ Community ist bis heute besonders der Anschlag von 2009 in Tel Aviv im Gedächtnis geblieben. Mitten in einem bürgerlich-gehobenen Viertel im Zentrum von Tel Aviv drang eine bis heute unbekannte Person in ein schwul-lesbisches Jugendzentrum ein, erschoss zwei Menschen und verletzte 15 weitere. Ofer Neumann sagt rückblickend: "Ich glaube, das war wirklich ein wichtiger Wendepunkt, weil die israelische Gesellschaft verstanden hat, dass Homophobie tatsächlich töten kann. Und wenn junge Menschen umgebracht werden, dann verändert das was in den Köpfen der Menschen."

Es gibt aber auch positive Meilensteine. Dazu zählt laut Neumann die Abschaffung einiger Gesetze, die zum Beispiel schwulen Sex verboten. Das war 1988, die Gesetze stammten noch aus der britischen Mandatszeit. Ebenfalls wichtig: der Sieg der israelischen Transfrau Dana International beim Eurovision Song Contest 1998.

Und Neumann sagt, in den vergangenen zehn bis 15 Jahren habe sich Israel, was LGBTQI+ Rechte angeht, wirklich "dramatisch" verbessert und entwickelt.

Für die Zukunft wünscht sich Neumann, dass Politikerinnen mutiger sind: "Es ist sehr wichtig, dass vieles, was Politiker tun könnten, keine Gesetzesänderung erfordert. Sie brauchen auch die Ultra-Orthodoxen im Parlament überhaupt nicht. Viele Änderungen können einfach von mutigen Menschen in den Ministerien umgesetzt werden." Sie sollten aufhören, Ausreden zu erfinden, so Neumann, und sich für Gleichberechtigung, die Sicherheit von LGBTQI+ Jugendlichen und das Recht auf Familiengründung für alle Menschen einsetzen.

Diese Woche hätte eigentlich die Tel Aviv Pride 2020 stattfinden sollen. Wegen Corona ist sie natürlich bis auf Weiteres verschoben. Doch auch wenn dieses Jahr nicht groß gefeiert werden kann, bleibt Tel Aviv die LGBTQI+ freundlichste Stadt der Welt. Und das sollte man sich, wenn man das nächste Mal das dringende Bedürfnis verspürt, Israel undifferenziert zu kritisieren und als Unrechtsstaat zu verdammen, vielleicht noch mal kurz vor Augen führen. Und das hat dann nichts mit Pinkwashing zu tun, sondern mit Fakten.

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