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Was ich über einen fremden Toten gelernt habe, als ich seine Wohnung entrümpelte

Ich glaube, dass ich einen besseren Einblick in sein Leben bekommen haben als viele der Menschen, die er zu Lebenszeiten kannte. Deshalb machte ich mir noch am gleichen Abend ein Bier auf und trauerte um den alten Mann.

von Michael Dockery
14 Juli 2016, 1:36pm

Alle Illustrationen: Michael Dockery

Ich werde diesen Geruch niemals vergessen, den ich eigentlich nur als den Geruch von "Haut" beschreiben kann. Man hatte das Haus vorher schon drei Tage lang mit Insektenspray bearbeitet. Tausende tote Fliegen waren auf dem Teppich verteilt. Ein schwarzer, schmieriger Abdruck in Menschenform befand sich mitten im Wohnzimmer. Genau dort war Colin drei Monate lang verrottet.

Vor gut einem Jahr vermittelte mich meine Zeitarbeitsagentur an eine Sanierungsfirma. Zwar machte dieser Job nicht wirklich viel Spaß und der Verdienst fiel auch eher gering aus, aber ich war froh, überhaupt eine Beschäftigung zu haben.

Normalerweise engagieren Versicherungsunternehmen Sanierungsfirmen, um Häuser oder Wohnungen wieder herzurichten, die durch ein Feuer oder eine Überschwemmung beschädigt wurden. Man fährt in einem Van dorthin, räumt dann eine Menge Zeug raus, putzt noch ein bisschen und fährt dann wieder weg. In meiner ersten Arbeitswoche geschah jedoch direkt etwas Außergewöhnliches.

Ein Vermieter engagierte uns, denn er wollte mit der Renovierung seines Hauses anfangen. Wir sollten die Teppiche rausreißen, neu streichen und so weiter—halt alle nötigen Schritte unternehmen, um die Tatsache zu verschleiern, dass dort mal eine Leiche lag. Bei besagter Leiche handelte es sich um Colin und unsere Aufgabe bestand nun auch darin, Colins gesamtes Hab und Gut durchzugehen und zu entscheiden, was sentimentalen Wert besaß und was ruhigen Gewissens im Mülleimer landen konnte.

Das Haus war noch genau so, wie Colin es hinterlassen hatte, bevor er im Wohnzimmer tot zusammenbrach. Er herrschte eine Art "erträgliches Chaos". Zwar haben wie nie irgendeinen Ausweis gefunden, aber medizinische Unterlagen verrieten uns, dass Colin schon über 70 gewesen war.


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Als ich im Wohnzimmer herumstand, konnte ich mir nicht wirklich ausmalen, was für ein Mensch Colin mal gewesen war. Auf seinem Kamin stand ein Modell der USS Enterprise und direkt darüber hing ein eingerahmtes Videokassetten-Cover einer Dokumentation über das alte Ägypten. In der Küche waren Bilder von knapp bekleideten Frauen mit "Remembering Vietnam"-Magneten an den Kühlschrank geheftet. Als mein Kollege James und ich schließlich ins Schlafzimmer weitergingen, wurde die ganze Angelegenheit noch mal eine ganze Stufe komischer.

Colins Bettdecke war auf eine Seite geschlagen und die Schublade des Nachtkästchens geöffnet. An den Wänden befanden sich eingerahmte Bilder von Frauen. Genauer gesagt handelte es sich dabei um Woman's Weekly-Magazincover. Eine Frau hatte es Colin dabei anscheinend besonders angetan, denn wir konnten sie ganze vier Mal entdecken. Colin war verknallt.

Dann fiel James ein weiterer Bilderrahmen ins Auge. Er hatte etwa die Größe einer Kreditkarte und stand auf dem Nachtkästchen. Darin befand sich ein Foto aus einem Porno-Magazin, auf dem ein junger Mann den Schwanz eines anderen jungen Mannes in den Mund nimmt. Colin war vielschichtig.

Genau in diesem Moment driftete mein legaler Voyeurismus ins Bittersüße ab und die Tragweite unseres Auftrags schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. James und ich befanden uns eigentlich nur bei Colin zu Hause, um seine Existenz auszulöschen. Sein gesamtes Leben sollte auf der Müllhalde landen.

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Schließlich rief Colins nächste Verwandte bei James an. Dabei handelte es sich um eine Tochter und wir sollten später erfahren, dass Colin sie schon als Baby weggegeben hatte. Mein Kollege und ich fragten uns, ob Colin einfach nur ein Arschloch gewesen war. Immerhin hatte er seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie gehabt.

Im nächsten Zimmer stießen wir dann auf mehrere Kiste voller alter Videokassetten sowie anderer veralteter Technologie. Unter dem Verschluss einer Box ragte eine blonde Perücke hervor. James öffnete besagte Box und erstarrte. Darin befand sich nämlich die wohl größte Porno-Sammlung, die ich jemals gesehen habe. Und jeder Teil des sexuellen Spektrums war vertreten—egal ob nun Homo-, Hetero- oder Trans-Filmchen. Einige Streifen hatte Colin sogar ganz spezifisch nach Ethnie und Körperbau der Darsteller geordnet. Und übertrieben viele Titel enthielten das Wort "Gape".

Mein Kollege und ich fragten uns, ob Colin einfach nur ein Arschloch gewesen war. Immerhin hatte er seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie gehabt.

James lachte. Mir fiel es jedoch schwer, der Situation etwas Lustiges abzugewinnen. Immerhin hatte sich der etwas verschrobene Colin aus dem Wohnzimmer in einen richtig unheimlichen Typen verwandelt. Aber so ergeht es nun mal einem Mann, der zum einen alleine lebt und zum anderen absolut nichts zu tun hat. James und ich einigten uns letztendlich darauf, das ganze Zeug wegzuschmeißen, bevor Colins Tochter ankommen würde.

Colins Tochter tauchte dann schließlich in Begleitung ihrer älteren Nachbarn auf. Alles, was wir von Colins Hab und Gut beiseite gelegt hatten, präsentierten wir schön aufgereiht auf der Veranda: eine Kriegstruhe, Uniformen, Tagebücher und andere Lektüre. Sie nahmen noch die normalen DVDs mit und organisierten die Abholung des Kühlschranks. Das war's.

Ohne darüber nachzudenken, gaben James und ich die perfekte Nachahmung von mitfühlenden Bestattungsunternehmern zum Besten, indem wir immer verständnisvoll nickten und mit sanfter Stimme sprachen. Dabei hatte niemand wirklich viel zu sagen—mit Ausnahme des alten Mannes, den Colins Tochter mitgebracht hatte. Er wollte sich nämlich unbedingt im Haus umsehen und plapperte dabei ständig etwas von einer Dokumentation, in der man darlegte, wie die Verrottung einer Leiche vor allem in den ersten Tagen stattfindet (inklusive Magenexplosion und so weiter). Das begeisterte ihn total.

Nachdem ein Taxi sie alle wieder abgeholt hatte, zelebrierten James und ich unseren Feierabend mit einer Zigarette auf der Veranda. Abgesehen von den Sachen mit sentimentalem Wert befand sich alles im Müll und das Haus war leer.

Ich werde Colin niemals genau kennen. Und selbst wenn ich das wollte, ist die Möglichkeit nun passé, denn wir haben die Existenz des einsamen Typen innerhalb eines Tages komplett gelöscht. Ich glaube, dass James und ich einen besseren Einblick in Colins Leben bekommen haben als viele der Menschen, die er in seiner Lebenszeit kannte. Deshalb machte ich mir noch am gleichen Abend ein Bier auf und trauerte um den alten Mann. Nur für den Fall, dass das sonst niemand machte. Und es fühlte sich richtig an.

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