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Seriöse Wissenschaftler prophezeien unsere Auslöschung

Wir werden alle sehr bald sterben. Zumindest hatten wir eine gute Zeit und nun heißt es wohl, Abschied nehmen. Macht es also gut, alle miteinander, und lest noch schnell, weshalb wir wohl alle krepieren werden.

von Nathan Curry
23 August 2013, 2:00pm


via Flickr

Wenn du in einer zeitreisenden Weltraumsonde auf unseren Planeten in den 1950ern kucken könntest, dann würde dir wahrscheinlich als Erstes auffallen, dass im Vergleich zu heute massenhaft Weltraumschrott von der Umlaufbahn verschwunden wären.  

Der Mond würde knapp zwei Meter näher an der Erde erscheinen und Europa und Nordamerika lägen 1,2 Meter näher beieinander. Beim Hineinzoomen könntest du im Westen Resultate der Blütezeit des Kapitalismus und im Osten Ergebnisse des Großen Sprungs nach vorn entdecken. Laser, Strichcodes, Verhütungsmittel, Wasserstoffbomben, Microchips, Kreditkarten, Synthesizer, Sekundenkleber, Barbiepuppen, Pharmazeutika, Massentierhaltung und Verzerrerpedale würden gerade erst erfunden werden.

Es gäbe zwei Drittel weniger Menschen als heute. Über eine Million verschiedener Pflanzen- und Tierarten, die seitdem ausgestorben sind, würden noch existieren. Es gäbe 90 Prozent mehr Fische, eine Milliarde Tonnen weniger Plastik und 40 Prozent mehr Phytoplankton (der Produzent der Hälfte des planetarischen Sauerstoffs) in den Meeren. Außerdem gäbe es zweimal so viele Bäume auf dem Land und etwa dreimal so viel Trinkwasser in alten Wasserschichten. Der Nordpol wäre den Sommer über von 80 Prozent mehr Eis bedeckt. In der Atmosphäre befänden sich 30 Prozent weniger  Kohlenstoffdioxid und Methan. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Mehrzahl der gebildeten und halbwegs besorgten Menschen weiß, dass diese Art von schmutzigen Details die Kulisse unserer auf Retina-Displays dargestellten und mit Hilfe von Ethen gereiften Fortschrittsgeschichte bildet. Doch was passiert, wenn man die Details addiert?

Nimmt man die Tatsache ernst, dass die US-Serie Doomsday Preppers (2012) die meist gesehene Sendung des National-Geographic-Senders ist, dann scheint sich ein breites Publikum auf eine Art gesellschaftlichen Zusammenbruch vorzubereiten. Weltuntergangspropheten und -sekten gab es schon immer, und alle haben eine eigene Vorstellung davon, wie die Apokalypse ablaufen wird (etwa über den Aufstieg von reinen Zombies, Zombiekrähen etc.), aber mitten in all dem Geschwätz um den Maya-Kalender, das Computerprogramm TimeWaveZero und spirituelle Entrückung ertönen auch Weckrufe von Leuten, die nichts für Survival Kits und Eschatologie übrig haben. Renommierte Wissenschaftler und Journalisten kamen zu einigen erschreckend vernünftig klingenden Erkenntnissen hinsichtlich der Bedrohung, die der menschlich herbeigeführte Klimawandel für die Menschheit darstellt.

Kürzlich erhobene Werte deuten darauf hin, dass wir bereits mehrere unwiderrufliche und nichtlineare Rückkopplungseffekte ausgelöst haben—der Permafrostboden schmilzt, arktisches Eis landet im Meer. Was lange als Ziel von UN und Klimatologen galt, nämlich ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von 2°C bis zum Jahr 2100, erscheint mittlerweile als völlig utopisch. Mittlerweile sprechen wir eher von 4°C, 6°C, 10°C, 16°C. Aber niemand hat eine wirkliche Ahnung.

Der Zusammenhang zwischen dem rasanten Klimawandel und der Auslöschung der Menschheit ist folgender: Der Planet wird für Menschen unbewohnbar werden, falls sich die Durchschnittstemperatur um 4 bis 6°C erhöht. Das klingt nicht viel, sind wir doch an einen Temperaturwandel von 15°C über Nacht gewohnt. Allerdings würde selbst ein Anstieg um 2 bis 3°C bedeuten, dass wir in Nordamerika und Europa regelmäßig Temperaturen über 40°C hätten, und in der Nähe des Äquators sogar noch höhere. Der menschliche Körper beginnt nach sechs Stunden bei einer Feuchtkugeltemperatur (100 Prozent Feuchtigkeit) von 35°C abzubauen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Hitzewelle, durch die 2003 über 70.000 Menschen starben, als keine große Sache mehr.

An der Zunahme von Hitzewellen, Dürren, Lauffeuern, schweren Stürmen, Essens- und Wasserknappheit, am Abholzen von Wäldern, der Versäuerung der Ozeane und dem Anstieg des Meeresspiegels lesen manche bereits ab, dass unsere Stunde geschlagen hat:   

Wir werden allesamt sterben!

Wenn du dir mal so richtig Angst einjagen willst, versuche einfach mal ein paar Stunden lang, den Beweis unseres bevorstehenden Untergangs zu widerlegen. Dieser Beweis wurde von dem Mann aufgestellt, der der „Near Term Extinction“-Bewegung (NTE) ihren Namen gegeben hat: Guy McPherson, der einen Blog mit dem Titel Nature Bats Last führt. McPherson ist emeritierter Professor für Natürliche Ressourcen, Ökologie und Evolutionsbiologie an der University of Arizona. Er gab seine gesicherte akademische Laufbahn auf und lebt nun in einem Strohhaus in einer Kommune im ländlichen New Mexico, um „das Imperium zu verlassen“ (so der Titel seiner Biographie). Es gibt eine Vielzahl von Interviews und Videos, in denen McPherson über die NTE-Bewegung spricht und die deinen Zukunftspessimismus auf ein solch hohes Niveau bringen, dass du damit jedes Abendessen ruinieren könntest.

Wenn du gerade den ultimativen Mindfuck brauchst, findest du auf McPhersons Website einen langen Essay mit dem Titel „Die unversöhnliche Akzeptanz der kurzfristigen Auslöschung“, der von  einem langjährigen Umweltaktivisten namens Daniel Drumright verfasst wurde. Drumright reflektiert darüber, was es bedeutet, sich auf dem direkten Weg in den Untergang zu befinden und dabei zu wissen, dass es wahrscheinlich zu spät ist, um etwas dagegen zu unternehmen (Tipp: Selbstmord oder psychoaktive Pilze). Drumright zeigt, dass Philosophie, Religion und Politik nichts anzubieten haben, das sich der Angst angesichts des bevorstehenden Verschwindens der Menschheit entgegenstellen ließe.

Außerhalb der NTE-Enklave gibt es viele Wissenschaftler und Journalisten, die es wahrscheinlich vermeiden würden, als NTE-Befürworter bezeichnet zu werden, aber dennoch ähnlich düstere Vorhersagen über unser kollektives Schicksal machen. Selbst wenn sie nicht daran glauben, dass die gesamte Menschheit bis zur Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein wird, so sprechen einige zumindest von einem massiven und katastrophalen „Bevölkerungsschwund“, der auf den rapiden, menschlich herbeigeführten Klimawandel zurückzuführen sei.

James Hansen, der ehemalige Leiter des NASA Goddard Institute for Space Studies und einer der führenden Klimatologen der Welt, trat kürzlich, nach 43 Jahren, von seiner Position zurück, um sich auf seine Tätigkeiten als Klimaschutzaktivist zu konzentrieren. Er prognostiziert, dass ohne eine vollständige Entkarbonisierung bis zum Jahr 2030 die globalen CO2-Emissionen sechzehnmal höher sein werden als 1950, was einen katastrophalen Klimawandel zur Folge haben wird. In einem Essay, den er im April dieses Jahres publizierte, schreibt Hansen:

„Falls wir es schaffen sollten, alle fossilen Brennstoffe auszugraben und zu verbrennen, dann würden einige Teile der Welt geradezu unbewohnbar werden und ein paar Mal pro Jahr gäbe es eine Kühlgrenztemperatur von über 35°C. Bei solchen Temperaturen können Menschen aus physiologischen und physischen Gründen nicht überleben. Für die Umwelt ist es physikalisch unmöglich, die 100 Watt Stoffwechselwärme umzuwandeln, die der Körper erzeugt, wenn er sich im Ruhezustand befindet. Das heißt, selbst jemand, der ruhig und nackt in einem Hurricane läge, würde nicht überleben.“

Bill McKibben ist ein berühmter Öko-Journalist, Autor, Wissenschaftler und einer der Gründer der Website 350.org—jener Bewegung, die das Ziel verfolgt, den atmosphärischen CO2-Bestand auf 350 ppm zu senken, in der Hoffnung, damit das durch den Klimawandel bedingte Desaster zu verhindern. McKibben schrieb 2011 ein Buch mit dem Titel Eaarth: Making a Life on a Tough New Planet. Darin hebt er hervor, dass der gegenwärtige ökologische Wandel jene Vorhersagen, die früher für das Ende des 21. Jahrhundert gemacht wurden, längst übertroffen hat. Die weiterverbreitete politische Rede davon, dass wir es unseren „Großenkeln“ schuldig seien, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, sei mehr als realitätsfern. Denn der Klimawandel passiert genau jetzt. Wir leben bereits auf dem Science-Fiction-Planeten eines Paralleluniversums:

„Die arktischen Eiskappen schmelzen, der Grönland-Gletscher wird dünner, und beides geschieht in einer beunruhigenden und unerwarteten Geschwindigkeit. Die Ozeane werden signifikant saurer und der Meeresspiegel steigt an. Die stärksten Stürme unseres Planeten, Hurrikane und Zyklonen, werden immer heftiger ... Die großen Regenwälder im Amazonas-Gebiet trocknen von ihren Rändern her aus ... und dass der große boreale Nadelwald in Nordamerika stirbt, ist nurmehr eine Frage von Jahren ... [Dieser] neue Planet sieht zwar mehr oder weniger so aus wie unser gewohnter, aber er ist nicht mehr der gleiche ... Das ist das Krasseste, was je passiert ist.“ 

Melbourne


Eine Demo in , die auf den Klimawandel aufmerksam macht, via Flickr

Der Paläontologe Peter Ward bringt in seinem Buch Under a Green Sky: Global Warming, the Mass Extinctions of the Past, and What They Can Tell Us About Our Future (2007) den Beweis dafür, dass bis auf eine Ausnahme (die Dinosaurier) alle bedeutenden globalen Vernichtungen auf rasante Klimwandel zurückzuführen sind, die jeweils durch erhöhte Kohlenstoffdioxidwerte in der Atmosphäre hervorgerufen wurden. Dieses Mal kam der Anstieg von Kohlenstoffdioxid dadurch zustande, dass Menschen herausfinden wollten, wie man Milliarden Tonnen Kohle aus dem Boden graben und sie dann in die Luft entlassen kann. Ward behauptet, dass die Kohlenstoffdioxidwerte und das Klima während der letzten 10.000 Jahre, in denen die menschliche Zivilisation entstand, relativ stabil geblieben seien. Doch die Zukunft sieht weniger rosig aus:

„Durchschnittlich hat sich die Temperatur in nur wenigen Jahrzehnten weltweit um 8°C verändert. Die Durchschnittstemperatur liegt mittlerweile bei 15°C. Stell dir mal vor, sie steigt in einem Jahrhundert oder früher auf 24°C oder fällt auf 4°C. Wir haben keinerlei Erfahrungswerte, wie es sich in einer solchen Welt leben ließe ... Solche plötzlichen Temperaturveränderungen würden geringstenfalls katastrophale Stürme unvorstellbaren Ausmaßes mit sich bringen ... und den Kontinent nicht nur einmal in zehn Jahren, sondern mehrmals pro Jahr verwüsten ... Betrachtet man die letzten 100.000 Jahren, dann war ein abrupter Klimawandel nicht die Ausnahme, sondern die Regel.“

Weit davon entfernt, so etwas wie ein Naturfreak zu sein, hat Ward eine Theorie namens Medea-Hypothese entwickelt. Hiernach stehen komplexe Lebewesen keineswegs in einer harmonischen Beziehung zur Umwelt, sondern stellen, im Gegenteil, eine enorme Belastung für diese dar. Die Hypothese besagt, dass durch ein solches Zusammenwirken schon häufiger Massenaussterben ausgelöst wurden, durch die der Planet beinahe in den Zustand der urzeitlichen Bakterienbesiedlung zurückgefallen wäre. Anders ausgedrückt: Mutter Erde könnte sich als Mikrobe herausstellen, die versucht, ihre eigenen Kinder zu töten.

Immer wieder sprechen Wissenschaftler Warnungen aus, dass uns in naher Zukunft ein rasanter und lebensbedrohlicher Klimawandel erwartet—doch werden sie meist durch politische Argumente und Leugnungen von Klimaskeptikern übertönt. Die gut finanzierten Verschleierungsbemühungen von marktliberalen Thinktanks, Energielobbyisten und Industrieanwälten dürften niemanden überraschen. Die Auswirkungen einer eisfreien Arktis im Jahre 2015 erscheinen wohl nicht als besonders bedrohlich, wenn man gerade dabei ist, durch Bohreinsätze in den wahrscheinlich gewaltigen Ölreserven Milliarden Dollar Gewinn zu machen.

Es mag sein, dass das menschliche Leben nicht in einer Generation ausgelöscht sein wird. Wir sollten wahrscheinlich trotzdem langsam damit anfangen, die Äußerungen von Menschen, die ihr ganzes Leben damit verbracht habe, die Vorgänge auf unserem Planeten besser zu verstehen, anzuerkennen und zu verinnerlichen. Es ist bedrückend, dass wir denken, am Omegapunkt des Bewusstseins angelangt zu sein. Vielleicht haben uns das Vorgefühl und das Wissen um unseren unvermeidlichen Tod in einen Überlebensschwindel gestürzt, aus dem wir nicht mehr herauskommen. Wenn die verschiedenen Pfade des Raubbaus an der Natur rasch und leise zusammengelaufen sind, stürzen wir, trunken von fossilen Brennstoffen, vielleicht einfach in den Abgrund und machen Duckfaces vor schwarzen Spiegeln.

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