Verschwörungstheoretiker, Pegida und Antisemiten protestieren gegen die Bilderberg-Konferenz

Die Gegner des geheimen Wirtschafts- und Politiktreffens wissen vor allem eins: "Der Jude ist schuld!"

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Juni 13 2016, 11:24am
Tatjana Festerling (Mitte) | Foto: imago | xcitepress

Am Wochenende tagte die Bilderberg-Konferenz im Dresdner Taschenbergpalais. Weil das private Treffen hochrangiger Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Militär unter großer Geheimniskrämerei abläuft, ranken sich seit Jahrzehnten die absurdesten Verschwörungstheorien um die Konferenz. Bei den "Bilderbergern" handle es sich in Wahrheit um eine "geheime Weltregierung". NPD, AfD, Reichsbürger, Stalinisten und Friedensbewegte hatten Kundgebungen angemeldet. Ich bin nach Dresden gefahren, um mir die Proteste anzuschauen und herauszufinden, warum die Leute gegen die "Bilderberger" auf die Straße gehen.

Meine erste Begegnung habe ich mit einem Aktivisten, der sich am Vortag aufgrund seiner Rede eine Anzeige wegen Volksverhetzung eingehandelt hat. Der Mann mit den langen weißen Haaren und dem Nikolausbart nennt sich Burgos von Buchonia und stellt sich auf seiner Visitenkarte als "Menschenrechtler und Keltischer Druide" vor.

Foto: imago | Christian Ditsch

Weshalb er angezeigt worden sei, könne er sich nicht erklären. "Ich habe bloß gesagt, dass wir uns seit 1887 im Krieg befinden, da hat der Finanzadel Großbritanniens das 'Made in' erfunden", erzählt er. "Der Finanzadel?", frage ich. "Ja, City of London eben, Bank of England, man kann auch einfach sagen: die Juden." Es folgt ein Vortrag über die "jüdische Lüge", die den Ersten Weltkrieg ausgelöst habe. Der selbsternannte Druide behauptet, die "Bilderberger" seien überwiegend Juden, "die sich selbst als Rasse und als auserwähltes Volk" sähen.

"Wenn ich das mal zusammenfassen darf", sage ich, "klingt schon sehr nach: 'Die Juden sind unser Unglück.' Finden Sie nicht?" "Wer hat das gesagt?", will er wissen. "Das haben die Nazis gesagt, zum Beispiel." "Das hat auch Luther gesagt und Kant, und überhaupt, viele intelligente Menschen", entgegnet er. "Wenn Sie sich die Übel in der Geschichte anschauen, dann ist komischerweise immer ein großer Anteil Juden daran beteiligt." Im Talmud, behauptet der Mann weiter, werde vor der Vernichtung der Juden durch den "deutschen Stamm" gewarnt. Deshalb hätten sich die Juden ihrerseits zum Ziel gesetzt, vorher die Deutschen zu vernichten. "Aber historisch betrachtet wollten die Deutschen die Juden vernichten", wende ich ein. "Sagen die." "Wer die?" "Die Juden", sagt er.

Ich habe genug. Der Mann ist ein handfester Antisemit. Erstaunt bin ich darüber, wie schnell der "Druide" von seinem Versuch, sich als unschuldig verfolgtes Justizopfer zu stilisieren, zur Holocaust-Leugnung gelangt ist.

Kathrin Oertel in Begleitung | Foto: imago | Christian Ditsch

Auf der Kundgebung, wo er sich aufhält, liegen neben der Lieblingszeitschrift der Verschwörungstheoretiker Compact auch diverse rechtsextreme Zeitungen wie die Zuerst! aus. In einer leugnet ein Artikel offen die Existenz von Gaskammern. Der Anmelder der Versammlung schnappt sich das Mikro und sagt, man solle in den Reden bloß nichts formulieren, "was gegen den 130er verstößt". Gemeint ist der Paragraph 130 des Strafgesetzbuches, der Volksverhetzung und die Leugnung des Holocaust unter Strafe stellt. "Wenn es danach geht, verstößt fast alles gegen den 130er", ruft ein empörter Mann im Publikum.

Ich komme ins Gespräch mit einer Frau aus Dresden, die mir etwas von den "satanischen Einstellungen" der "Bilderberger" erzählt. Sie spricht nicht nur von der Konferenz, sondern auch von den Leuten "dahinter". Es fallen die Namen Kissinger, Rothschild und Rockefeller. "Die stehen dahinter?", frage ich. Dann wird es plötzlich geheimnisvoll. Eigentlich, so die Frau, stünden die "Brüder des grauen Schattens" hinter allem. Davon habe ich noch nie gehört. Als ich mehr darüber erfahren will, druckst sie herum. Es sei schwer zu erklären, sagt sie, es handele sich um "geistige Kräfte, die spirituell arbeiten". "Er kann das gar nicht verstehen", mischt sich ein Mann von der Seite ein und zeigt auf mich.

Ehe ich mich versehe, bin ich im nächsten Gespräch verwickelt, die Leute haben ein nahezu unstillbares Mitteilungsbedürfnis. Ein Schweizer mittleren Alters stellt sich als Betreiber einer Internetseite vor, die "von denen" lahmgelegt worden sei. Er zeigt dabei auf den Taschenbergpalais. "Wer steht denn dahinter?", frage ich. Er lächelt. "Komm, fang an zu lesen", sagt er beinahe etwas mitleidig. Dann drückt er mir mehrere Broschüren in die Hand. Als ich diese durchblättere, erfahre ich, dass der Mann glaubt, von den "Mächtigen" mit elektromagnetischen Waffen gefoltert zu werden. Und dass er offenbar von der Existenz einer "jüdisch-bolschewistischen Verschwörung" überzeugt ist.

Am Zaun, der um das Tagungshotel aufgestellt wurde, tummeln sich selbsternannte "Investigativ-Journalisten" aus aller Welt. Sie versuchen, die Teilnehmer der Konferenz mit ihren Zoomobjektiven abzulichten. Auch ein paar Aktivisten hängen herum. Einzelne widmen sich der "Aufklärung" von Passanten. Ein Tourist winkt ab, er hat offenbar keine Lust, sich belehren zu lassen. Er wisse schon, dass sich dort die "depperten Freimaurer" träfen, sagt er im breitesten österreichischen Dialekt.

Am nächsten Tag versammeln sich etwa 150 Menschen bei einer Kundgebung der AfD. Ein Redner kritisiert die "Verzahnung von Politik, Wirtschaft und internationaler Hochfinanz". "Scheiß BRD!", ruft ein weiterer Mann am Rande mit Deutschlandfahne in der Hand. Immer und immer wieder: "Scheiß BRD!" "Sie halten doch eine BRD-Flagge, warum rufen Sie dann so etwas?", frage ich. "Ja, hast schon Recht", sagt er. "Normalerweise habe ich eine andere dabei." Dann rollt er die Fahne ein. "Scheiß BRD", ruft er immer noch.

Vor der Frauenkirche versammeln sich derweil ein paar Aktivisten zu einem "Kunstprotest". Im Vorfeld hatten sie Wert auf die Feststellung gelegt, ihre Aktion werde "weder von Linken, Rechten, Gewerkschaften, Mahnwachen oder anderweitig politisch motivierten Organisationen" unterstützt. Unter den ersten Teilnehmern am Samstag sind dann allerdings ein paar Männer mit Plakaten des Magazins Compact und die Ex-Pegida-Bürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling.

Zur gleichen Zeit treffen sich auf dem Postplatz etwa 100 Menschen, eine Demonstration von Endgame: Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas. Diverse Schilder der Organisation liegen dort herum, auch die Pegida-Aussteigerin Kathrin Oertel ist da.

Später am Nachmittag trifft die Endgame-Demo vor der Frauenkirche auf den Kunstprotest, wo die Leute mittlerweile ein langes Stück Papier beschriftet und bemalt haben. "Regierung entmachten, Banker verhaften" steht an einer Stelle. Über Banken reden auch zwei Aktivisten, ich höre ihnen zu. Alle großen Banken, lasse ich mir von einem erklären, hätten "krypto-jüdische Vorsitzende". Mein verwirrter Gesichtsausdruck veranlasst ihn zu einer Klarstellung: "Die sind gar keine Juden, die behaupten das aber, damit sie nicht angreifbar sind." "Ach so", sage ich und denke: "Was zur Hölle."

Ich habe Kopfschmerzen. Ich habe genug von kruden Verschwörungstheorien. Dass die Proteste alles andere als ein Hort der Aufklärung sind, war mir im Vorfeld klar. Wie offenherzig viele zu ihrer Judenfeindschaft stehen, hat mich allerdings erschreckt. Alles in allem waren an dem Protest-Wochenende nicht mehr als ein paar hundert Menschen auf den Beinen. Immerhin das ist ein kleiner Trost.

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