Sex

Vom Fleshlight zum Prostata-Stimulator: So hat sich das Sexspielzeug für Männer entwickelt

"Jetzt gerade ist in Bezug auf Sexspielzeug die beste Zeit, einen Penis und eine Prostata zu haben."

von Mark Hay
01 Januar 2017, 5:00am

Titelfoto: Das Fifi-Sexspielzeug für Männer | bereitgestellt von getfifi.com​

Über 600 Film- und Fernsehszenen, in denen die Selbstbefriedigung entweder direkt dargestellt oder zumindest zum Thema gemacht wird, hat Lauren Rosewarne zusammengesammelt. Rosewarne ist Expertin für Sexualitätsdarstellung in der Popkultur und Autorin des Buchs Masturbation in Pop Culture. Egal ob nun männliche oder weibliche Darsteller, ob voller Enthusiasmus oder voller Scham, die Szenen scheinen das gesamte Spektrum abzudecken. Aber während Sexspielzeug für Frauen in Hülle und Fülle vorkommt, scheint Sexspielzeug für Männer eher außen vor gelassen zu werden. Die einzige Ausnahme bilden Sexpuppen – zum Beispiel Al Bundys aufblasbare Isis oder die lebensechte Bianca aus Lars und die Frauen. Die Puppen sollen dabei fast immer einen traurigen Sexersatz für creepy Männer darstellen.

Diese Darstellungsweise ist ein Aspekt der vorherrschenden Meinung zu der schon immer etwas beschränkten Welt von Sexspielzeug für Männer. Diese Meinung gehört nun aber der Vergangenheit an. Im Laufe der letzten zehn Jahre haben diese Sexspielzeuge nämlich eine Renaissance in Sachen Design, Qualität und Vielfalt erlebt. Diese Entwicklung bildet auch die Grundlage eines massiven Wachstums (in manchen Läden sind die Verkäufe im vergangenen Jahrzehnt um über 1.000 Prozent nach oben geschossen) bei einer sich stetig verändernden Männer-Demografie. Das alte Stigma ist zum Großteil abgeschüttelt worden.

Claire Cavanah, die Mitbegründerin des beliebten Sexspielzeug-Unternehmens Babeland, beschreibt es folgendermaßen: "Jetzt gerade ist in Bezug auf Sexspielzeug die beste Zeit, einen Penis und eine Prostata zu haben."

Zur Geschichte der Sexspielzeuge für Männer gibt es leider nicht so viele Informationen wie zu Sexspielzeugen für Frauen. Dennoch kann man mit Sicherheit sagen, dass Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts oftmals nur schäbige und qualitativ minderwertige Sachen verkauft wurden, die vor allem für Männer mit Potenzproblemen gedacht waren – zum Beispiel Penispumpen. Einen großartigen Reiz hatte das natürlich nicht.


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Als 1995 dann das Fleshlight erfunden wurde, hatten Männer endlich eine Masturbationshilfe, die den Look und das Gefühl des weiblichen Geschlechtsteils so gut wie noch nie zuvor imitierte. Der Markt bekam dadurch einen gewaltigen Schub. "Das Ganze hat die Selbstbefriedigung mit einem Sexspielzeug bei heterosexuellen Männern beliebt gemacht", erklärt Leo Depots von Adam's Toy Box, einem 2013 gegründeten Sexspielzeug-Versand mit Fokus auf den Mann. "Hier hat auch alles andere seinen Ursprung."

Und trotzdem konnte das Fleshlight keine Wunder vollbringen. Zwar führten bessere Materialien, ein Umdenken sowie positive Darstellungen (zum Beispiel der Rabbit-Vibrator aus Sex and the City) Sexspielzeug für Frauen um die Jahrtausendwende herum im Mainstream ein und zogen so viele Innovationen nach sich, aber Sexspielzeug für Männer schwamm auf dieser Welle nicht mit. Zwar legen aktuelle Studien nahe, dass die meisten Männer genauso wie Frauen schon einmal Sexpielzeug benutzt haben, aber dabei handelte es sich um Vibratoren (oftmals für Frauen gedacht), die eher im Liebesspiel mit der Partnerin zum Einsatz kamen. Laut Cavanah hatte auch Babeland Mitte der 2000er nur wenige Sexspielzeuge für Männer im Sortiment – darunter Fleshlights und Cockringe. Zweitgenannte wurden dabei vor allem an schwule Männer vermarktet.

Richtig interessant wurde es dann allerdings Ende der 2000er: Der japanische Masturbationshüllen-Hersteller Tenga fasste mit seinen innovativen Produkten und seinen schlanken, modernen Designs auch in anderen Ländern Fuß. Währenddessen wurde vielen Sexspielzeugentwicklern klar, was Vibratoren benutzende Männer schon lange wussten: Schwänze finden Vibration richtig gut. Deshalb wurden direkt mal alle Produkte mit dieser Funktion ausgestattet und das Ganze ging auch direkt weg wie warme Semmeln. Es ergaben sich außerdem ganz neue Möglichkeiten für Pärchen-Spielzeuge, die zwei Menschen gleichzeitig Vergnügen bereiten.

Im gleichen Zeitraum ließ sich auch der "Große Prostata-Rausch von 2010" beobachten – so beschreibt es Steve Thomson von LELO, einer Sexspielzeug-Luxusmarke aus Schweden. Damit meint er die Entwicklung, in der sich vor allem die heterosexuellen Kunden mehr Stimulation für den P-Punkt gewünscht haben. Schwule Männer hatten schon lange vorher von dieser Möglichkeit der intensiveren Stimulation gewusst und nun sprangen auch die Heteros auf den Zug auf. Eine aktuelle LELO-Umfrage hat ergeben, dass 71 Prozent der heterosexuellen Männer in einer festen Beziehung die Prostata-Stimulation entweder schon mal ausprobiert haben oder ausprobieren wollen.

"Plötzlich wollten alle Marken ganz frenetisch neue und bessere Prostata-Massagegeräte herstellen", erzählt Thomson und meint damit sowohl größere Spielzeuge als auch Apparate, die einen analen Orgasmus hervorrufen. 2008 bot Babeland zwei Prostata-Sexspielzeuge an, heute sind es 23. "Als sich die Aufregung ein paar Jahre später wieder gelegt hatte, war die Qualität des Sexspielzeugs für Männer um Längen besser und die männliche Sexualität sah komplett anders aus", sagt Thomson. Die Verkaufszahlen von Masturbatoren oder Cockringen sind in den vergangenen Jahren nur leicht angestiegen, während Prostata-Massagegeräte einen massiven Boom erleben.

Vielfältige Innovationen im Bereich dieser Massagegeräte deuten darauf hin, dass es nicht mehr wie früher nur darauf ankommt, Sex zu imitieren – eine Si­sy­phus­ar­beit, die laut dem Sexperten Lux Alptraum mögliche Formen und Gefühle komplett außen vor lässt. Besagte Innovationen lassen sich zum Beispiel im B-Vibe oder beim hochgelobten Pulse finden. Beim Zweigenannten handelt es sich um eine Penisumhüllung, bei der kein kleiner Motor, sondern ein Schwingkolben für die einzigartige Vibration verantwortlich ist. Diese Vibration zielt auf das Frenulum ab und sorgt so für einen ganz besonderen Orgasmus. Beim ELEMENT MS werden alte Designs ebenfalls komplett über Bord geworfen, damit man sich ganz auf den Penisschaft konzentrieren kann. So wird der Sex nicht ersetzt, sondern durch neue Empfindungen für beide involvierten Parteien angereichert.


Der Fokus auf neue Designs geht dabei Hand in Hand mit einem Abwenden von zweifelhaften Verpackungen und provokativen Formen hin zur schlanken Moderne. In anderen Worten: Für die heutigen stimulierenden Geräte braucht sich kein Kunde mehr zu schämen. Thomson zufolge erreichte dieser Trend 2014 seinen Schwellenpunkt und revolutionierte den gesamten Sexspielzeugmarkt. Depois rief adamstoybox.com schon im Jahr zuvor ins Leben, weil sein Team das Wachstumspotenzial erkannte und der Meinung war, genau diese Nische bedienen zu können. Jetzt verzeichnen sie jedes Jahr einen Verkaufsanstieg von 60 Prozent und es scheint so weiterzugehen.

Einige der Entwicklungen beim Sexspielzeug für Männer basieren auf dem allgemeinen Wachstum des jährlich 15 Milliarden Dollar schweren Sexspielzeugmarkts (der 2020 sogar schon 50 Milliarden Dollar machen könnte). Dieser Umstand steht auch symbolisch für eine immer weiter voranschreitende Akzeptanz von unterschiedlichen Ansichten und Erfahrungen in Bezug auf das sexuelle Vergnügen. Aber auch direkt bei den Männern lässt sich eine Veränderung beobachten: Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass heutzutage 78 Prozent über den Kauf eines Solo-Sexspielzeugs nachdenken und dass 70 Prozent das Stigma von Sexspielzeug für Männer unnötig finden. Im Handel heißt es, dass der Kundenstamm immer jünger wird, sich weniger schämt und Sexspielzeug nicht mehr mit Potenzproblemen assoziiert. Für Ariana Rodriguez, die Produktredakteurin beim Sexindustrie-Magazin XBIZ, haben nuancierte und offene mediale Meinungen zum sexuellen Vergnügen – vor allem bei Lifestyle-, Gesundheits- und Wellness-Veröffentlichungen – stark dazu beigetragen, dieses Stigma zu reduzieren. Das erklärt vielleicht auch, warum Männer, die Sexspielzeug benutzen, in einer Studie eine bessere sexuelle Gesundheit vorweisen konnten.

"Im Internet gibt es noch andere Quellen, die die gesundheitlichen und sexuellen Vorteile der Prostata-Stimulation aufzeigen", sagt sie. "Der sogenannte 'Movember' ist zum Beispiel eine tolle Möglichkeit, öffentlich über den P-Punkt zu reden und gleichzeitig die körperliche Gesundheit voranzubringen."

Prostata-Spielzeuge profitieren Debois zufolge auch von einem breiteren Verständnis und einer höheren Akzeptanz in Bezug auf die Themen Homo- und Bisexualität. So haben Heteros zum Beispiel keine Angst mehr, schwul zu werden, wenn sie sich auf Po-Spielchen einlassen. Und bessere Verpackungen sowie besseres Marketing haben ebenfalls immens dazu beigetragen, dass Männer den Kauf von Sexspielzeug nicht mehr als "schmutzig" ansehen,

Trotz dieser ganzen Fortschritte werden Rodriguez' Schätzungen zufolge immer noch doppelt so viele Sexspielzeuge für Frauen als für Männer angeboten. Debois glaubt, dass diese Sexspielzeuge auch um ein Jahrzehnt voraus sind. Und Alptraum fügt richtigerweise hinzu, dass viele der Sexspielzeuge für Männer immer noch auf menschliche Formen setzen und dabei das Design sowie das vielfältige sexuelle Vergnügen des männlichen Körpers außer Acht lassen. So gewinnen aktualisierte Versionen des Fleshlights auch heute noch diverse Awards, sind verstärkt in den Medien vertreten und beanspruchen den Großteil des Markts.

Es ist nicht klar, ob die derzeitige Innovationswelle lange genug Bestand hat, um die Lücke zwischen den Sexspielzeugen für Männer und Frauen zu schließen. Vielleicht können geschlechtsneutrale Geräte mit Fokus auf variablem und individuellem Vergnügen da ebenfalls weiterhelfen. Allein solche Überlegungen ziehen womöglich schon neue Innovationen nach sich.

Derzeit reicht es aber schon, wenn Männer einfach nur offen für die ganzen Möglichkeiten sind, die sich in den vergangenen Jahren für sie aufgetan haben. Die heutigen Sexspielzeuge für Männer können einem dann nämlich eine komplett neue Welt aufzeigen. Je mehr wir das Ganze erforschen und Feedback geben, desto kleiner wird das Stigma und desto innovativer können die Hersteller agieren. Und einen außergewöhnlichen Orgasmus gibts obendrauf.

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