Angeregt durch politische Skandale wie Watergate stürzte Lombardi sich immer intensiver in das Studium von Gerichtsunterlagen, politischen Affären und Geldwäscheskandalen. Weltweite Anerkennung erlangte er für seine Arbeit jedoch erst nach 9/11—und nach seinem Tod. Wenige Wochen nach der Eröffnung seiner bis dato renommiertesten Ausstellung im MOMA P.S. 1 in New York wurde Mark Lombardi im März 2000 tot in seinem New Yorker Atelier aufgefunden. Einen Tag vor seinem 48. Geburtstag.Wir leben in Marks Zukunft. Und seine Zukunft ist fucked up.
Global International Airways and Indian Springs State Bank, Kansas City, ca. 1977-83 (4th version), 1999. Graphite and red pencil on paper. 81 x 107 cm. Courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin. Privatsammlung. (Detail.)
Mark Lombardi bezeichnet seine Arbeit als „narrative Strukturen." Dabei geht es ihm nicht um Antworten, sondern zunächst einmal um einen kontinuierlichen, persönlichen Kampf, das Geschehen seiner Zeit zu begreifen. Seine Zeichnungen ordnen sein Verständnis der Welt, und gleichzeitig sind sie die Grundlage, auf der er sich als Künstler überhaupt äußern mag. „Der Kern meiner Arbeit ist Recherchieren und Skizzieren. Wenn ich das nicht gemacht habe, habe ich nichts Bedeutsames mitzuteilen", sagt Lombardi in Archiv-Aufnahmen in Mareike Wegeners Dokumentation„Kunst und Konspiration".Mit seiner intensiven Arbeit als Rechercheur ist es Mark Lombardi gelungenen, die wohl ersten zeitgenössischen Kunstwerke zu schaffen, die von Geheimdiensten genutzt wurden, um ihre eigene Informationen zu verifizieren. Seine Weggefährten, wie der Künstler Greg Stone, wussten um die Wucht von Lombardis Wissen: „Er hat die Welt gezeichnet. Wir leben in Marks Zukunft. Und seine Zukunft ist fucked up."Informationskunst, Journalismus für die TV-Generation, politische Architektur, wütende Graphik.
Mark Lombardis Indexkarten, die er zum Archivieren seiner Informationen anlegte. Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi
Die Geschichten der narrativen Strukturen Mark Lombardis haben auch heute nichts von ihrer Anziehungskraft und von ihrer Wirkung verloren. Lombardis Vermächtnis ist seine Sprache, die eine vernetzte Welt in analoger Präzision freilegt—mit jedem seiner Tableaus, die er Version für Version weiterentwickelte. Selbst Beamte des US-Heimatschutzministeriums ließen sich noch im Jahr 2003 von Kuratoren seine Bilder zeigen, um von seiner Visualisierung komplexer Zusammenhänge zu lernen. Neben zahlreichen weiteren Ausstellungen in den letzten Jahren fand sich Lombardis BCCI-Bild prominent platziert in den Räumen der Hauptausstellung der documenta 13 in Kassel.Das Werk wird zum Datenträger.
Global International Airways and Indian Springs State Bank, Kansas City, ca. 1977-83 (4th version), 1999. Graphite and red pencil on paper. 81 x 107 cm. Courtesy of Galerie Thomas Schulte, Berlin. Privatsammlung.
Die Aufmerksamkeit der Geheimdienste war Amrhein schon länger sicher. Nachdem er am Telefon wegen einer Ausstellung über die Werke Lombardis gesprochen hatte, klingelte nur wenige Tage später erneut sein Telefon. Ein Mitarbeiter des CIA begann Amrhein zu Namen wie Nagib Mahfuz oder Bin Laden zu befragen, die in dem Telefonat wie selbstverständlich gefallen waren. „Es hat mich schon irritiert, dass mein Telefon abgehört wurde", erklärte Joe Amrhein.Es hat mich schon irritiert, dass ich abgehört werde.
Mark Lombardi: Chicago Outfit and Satellite Regimes, c. 1981 - 1983. Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi
Detailansicht von „BCCI-ICIC & FAB, 1972-91 (4th Version)". Bild: John Berens; Verwendet mit freundlicher Genehmigung von: Galerie Pierogi und Donald Lombardi
Lombardi selbst beschrieb sich als „conceptual artist with an attitude." Seine Arbeit war für ihn „Informationskunst, Journalismus für die TV-Generation, politische Architektur, Machtnetzwerke, wütende Graphiken, narrative Strukturen." Bei seinen Zeichnungen geht es jedoch auch stets um das Kartographieren, um das Aufspannen einer Landschaft und die Weitung des Blicks. Das Panorama war stets ein entscheidendes Sujet für den Künstler, und der gelernte Kunsthistoriker Lombardi selbst fertigte von 1987 bis 1989 ein umfassendes Manuskript zum Thema „Panorama: The Atlas of Romantic Art (1787-1862)" an.In Lombardis „narrativen Strukturen" bedeutet ein Panorama nicht nur den Ausblick oder die Aufsicht, sondern die Übersicht über eine Situation, die einzig im Detail nicht begreifbar wäre. Zugleich zeigen Lombardis sozio-politische Zeichnungen, die Konstellationen, Umgebungen und Handlungen, die sich in ihnen vollziehen. Die menschliche Weltordnung der Netzwerke wird zu einem Landschaftportrait der Informationsgesellschaft, das in detailreichen Facetten durchblickt werden kann.Es lohnt sich noch heute, die Geschichten, die uns Lombardis narrative Strukturen erzählen, zu lesen.Conceptual Artist with an Attitude.