Berlin

Leni Riefenstahls besondere Anziehung zum schwarzen Sprint-Star Jesse Owens

Jesse Owens war der Superstar der Olympischen Spiele von Berlin. Das Nazi-Regime musste den schwarzen Athleten ertragen. Propaganda-Regisseurin Leni Riefenstahl aber hatte ein besonderes Verhältnis zu Owens.
5.8.16
Library of Congress Prints and Photographs Division

Diese Woche vor 80 Jahren hat Jesse Owens seine dritte Einzel-Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewonnen. Wir alle haben schon mal von der Story gehört: Jesse Owens, ein schwarzer Afrikaner aus Cleveland, ging nach Nazideutschland und widerlegte die These der Rassisten, dass die arische Rasse überlegen sei. Wie? Indem er einfach schneller rannte als sie.

Doch das waren keine Nachrichten, die in den USA—vor allem im Süden—gut angekommen sind. Die Wahrheit sah so aus, dass Zeitungen in den Südstaaten sich weigerten, ein Foto von Owens abzudrucken oder auch nur zu erwähnen, dass schwarze US-Athleten die Spiele in Berlin dominierten. Eine Reaktion, die kindischer nicht sein konnte und in diesem Punkt sogar noch das Medienecho der Nazis unterbot. Die Zeitungen im Norden der USA hingegen feierten zwar das Amerikanisch-sein von Owens und merkten auch seine Hautfarbe an, gingen aber nicht so weit, Owens' Wahnsinnsleistungen als Widerlegung der Naziideologie, geschweige denn des heimischen Rassismus auszulegen.

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Nein, die traurige Wahrheit sah so aus, dass die Nazis Owens—zumindest in der Öffentlichkeit—mit weitaus mehr Respekt begegneten als seine Landsleute in der Heimat. Natürlich gab es auch von deutscher Seite massenweise rassistische Kommentare, doch die behielt man sich für seine Tagebücher und interne Kommuniqués vor. Berlin und der Großteil von Europa hat Owens geliebt. Im Gegenzug hatte Owens während und kurz nach den Spielen über Hitler nur Positives zu sagen. Übrigens: Hitler hat Owens auch nie—wie gerne berichtet wird—den Handschlag verweigert.

Die Propagandamaschinerie der Nazis verstand nur allzu gut, dass die Spiele dem Regime eine tolle Möglichkeit an die Hand gaben, sich als besonnenes und harmloses Land dem Rest der Welt zu präsentieren. Hitler und die anderen Nazigrößen waren insgeheim verärgert darüber, dass ein gutes Dutzend schwarzer Amerikaner in Berlin Medaillen gewannen. Doch genau diese Tatsache ermöglichte es ihnen auch, sich so zu geben, als würde es sie überhaupt nicht stören.

Und welch beißende Ironie, dass eine aufstrebende deutsche Filmemacherin für das beste Videomaterial von einem der besten schwarzen Athleten aller Zeiten gesorgt hat. Ironie deswegen, weil sie eine überzeugte Nationalsozialistin war und ihr Geld vom Propagandaministerium der Nazis erhalten hatte, um einen Film zu drehen, der das Dritte Reich glorifizieren sollte.


Leni Riefenstahl, die Schauspielerin und Filmemacherin, machte bei den Nazis Karriere, nachdem sie Hitler in einem Brief ihre Bewunderung ausgedrückt hatte. Laut dem New Yorker war sie ein Stammgast bei Partys von Joseph Goebbels, eine Tatsache, die sie vehement abstritt, bis in den 90ern ihr Tagebuch auftauchte.

Hitler wählte Riefenstahl höchstpersönlich für eine Verfilmung der Spiele von Berlin aus, weil sie „Ästhetik so einzusetzen weiß, dass dabei das Bild eines starken Deutschlands—erfüllt von den Wagner'schen Motiven von Stärke und Schönheit—entsteht." Richard Wagner war bekannt für seine dramatischen und opulenten Werke—und Hitler ein Fan von ihm.

Foto: Imago

Riefenstahl führte Regie bei zwei Filmen über Berlin 1936: Fest der Völker und Fest der Schönheit. Nach dem Krieg beteuerte sie wiederholt, dass beide Filme nicht von den Nazis, sondern vom IOC finanziert und von ihrer eigenen Produktionsfirma produziert wurden. Sie behauptete außerdem, dass Goebbels sie angewiesen habe, Bildmaterial von Owens und anderen schwarzen Siegern zu entfernen, sie sich aber geweigert habe. Riefenstahl versuchte stets, sich als prinzipientreue Dokumentarfilmerin darzustellen, die sich gegen die Zensur der Nazis widersetzte.

Ihre Version ist natürlich komplett erlogen und war mit Sicherheit ein Versuch, sich während der Nürnberger Prozesse von der Nazi-Kriegsmaschinerie zu distanzieren. Denn Fakt ist: Das Propagandaministerium gab Riefenstahl ein großes Budget und gestalterische Kontrolle. Sie brauchte rund 18 Monate, um die Filme so zu schneiden und zu bearbeiten, dass am Ende ein Einzelfilm, Olympia, dabei herauskommen konnte. Der feierte 1938 auf Hitlers Geburtstagsparty in Berlin Premiere. Olympia war ein Kassenschlager und brachte dem Propagandaministerium neben Ruhm auch Geld ein. Bei den Filmfestspielen von Venedig 1938 gab es dafür sogar die Goldene Medaille.

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Dank der Nazipropaganda können wir aber noch heute Jesse Owens in Kinoqualität rennen sehen. Laut dem US Holocaust Memorial Museum hat Riefenstahl Pionierarbeit für zahlreiche cinematografische Techniken geleistet, darunter die sogenannte Kamerfahrt. Sie verwendete außerdem leistungsstarke Teleobjektive sowie Unterwasserkameras. Ihre Arbeit kann man in ihrer Darstellung von Owens' Triumph über 100 Meter bewundern.


Olympia ist übrigens keine Doku im eigentlichen Sinne. Denn die Athleten haben ihre Errungenschaften für die Kameras nachgestellt und Riefenstahl hat dann—ihrem kreativen Freifahrschein sei Dank—die Wettkämpfe in einem glamouröseren Licht dargestellt. Propaganda eben.

Claudia Roth Pierpont schrieb dazu im New Yorker: „Die überraschend große Aufmerksamkeit von Riefenstahls Kameras für Jesse Owens, den afroamerikanischen Star der Spiele, sollte der Welt die Ängste vor Nazideutschland nehmen. Passend dazu gab es auch viele Aufnahmen eines lächelnden, plaudernden, beispiellos ‚menschlichen' Hitler. Und trotzdem haben Riefenstahls Aufnahmen von Owens eine unbestreitbare Wärme. Es ist ein unlösbares Paradox, dass sie beiden Männern und deren Errungenschaften so viel Liebe zum Detail widmet."

Wie paradox das Ganze wirklich ist, wird klar, wenn man sich in Erinnerung ruft, was die Nazis tatsächlich über Schwarze, Juden und all die anderen „minderwertigen" Rassen dachten. Das lässt sich besonders eindringlich veranschaulichen mit der Aussage eines Mitglieds des Nazi-Außenministeriums, der sich wie folgt über die Erfolge schwarzer Amerikaner äußerte: „Wenn Deutschland denselben fehlenden Sportsgeist gezeigt und einfach Hirsche oder andere leichtfüßige Tiere ins Rennen geschickt hätte, wäre Amerika in den Laufwettbewerben untergegangen."

Denn laut der Naziideologie war Jesse Owens' Erfolg kein menschlicher Erfolg. Darum konnte er auch nicht ihre Rassentheorie gefährden. Leider haben auch einige Amerikaner diesen Irrsinn verbreitet. Dean Cromwell, Co-Trainer der US-Leichtathleten bei den Spielen 1936, war der Auffassung, dass „der Neger bei den Wettkämpfen überragt, weil er den Primaten nähersteht als der weiße Mann."

Glücklicherweise müssen wir uns mit solchen dummen Kommentaren nicht weiter beschäftigen, der Film spricht für sich selbst. Owens' Zeit von 10,3 ist nach heutigen Maßstäben ziemlich langsam. Aber das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Technologie (und Doping) weiterentwickelt hat, nicht die Sprinter. Laut dem sportwissenschaftlichen Journalisten David Epstein benutzten Sprinter zu Owens' Zeiten noch Asche als Startblock und mussten sich mit einem Handtuch selber Startlöcher graben, bevor es dann auf eine weiche Streckenoberfläche ging. Heutzutage gehen Sprinter von hochmodernen Startblöcken ins Rennen und katapultieren sich auf Strecken, die einem „speziell angefertigten Teppich" ähneln, der es ihnen erlaubt, so schnell zu rennen, wie es einem Menschen nur möglich ist", wie es Epstein ausdrückt. Versuche, Owens Zeiten mit denen heutiger Sprinter zu vergleichen, hatten ergeben, dass sie nah an Usain Bolts Weltrekord gekommen wären.

Diese Rechenspielchen erlauben es uns, Owens Können und Klasse in die heutige Zeit zu übertragen, aber Riefenstahls Bilder schaffen viel mehr als das. Indem sie Owens mal aus der Distanz und mal aus der Nähe aufnahm, bekommt der Zuschauer ein ungewöhnlich präzises Bild von seiner Kraft und Anmut. Denn Owens war nicht nur ein überragender Athlet, sondern auch ein echter Ästhet. Kurzum: Er war ein schön anzusehender Sprinter.