Pari Roehi über Transsexualität im Iran, die AfD und die Zeit nach ‚GNTM‘
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LGBTQ

Pari Roehi über Transsexualität im Iran, die AfD und die Zeit nach ‚GNTM‘

Vom Flüchtlingskind aus dem Iran zur ersten transsexuellen Kandidatin bei ‚Germany's Next Topmodel‘—die Geschichte von Pari ist alles, aber nicht langweilig.
15.9.16

Als Pari vor 27 Jahren als Parham im iranischen Rasht geboren wird, hätte sie sich wahrscheinlich nicht nicht vorstellen können, zwei Jahrzehnte später in einer Berliner Altbauküche zu sitzen und anlässlich ihres ersten Buches ein Interview zu geben. Mein bunter Schatten—Lebensweg einer Transgender-Frau soll Ende September erscheinen. Probleme damit, über ihre Erfahrungen als Flüchtlingskind in den Niederlanden, ihre Operationen und ihr kurzes Intermezzo bei Germany's Next Topmodel zu sprechen, hatte sie aber auch davor nicht. Pari ist es wichtig, über ihre Transsexualität zu reden—auch deshalb erregte 2015 ihr Auftritt bei Heidi Klums Modelshow so viel Aufsehen.

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Die Medien machten einen Skandal aus ihrem frühzeitigen Ausscheiden, für Boulevardzeitschriften war ihr Privatleben ein gefundenes Fressen. Das Model zog sich zurück, konzentrierte sich auf ihren Traum von einer Moderationskarriere und feilte an ihrem Deutsch—die mittlerweile sechste Sprache, die die gebürtige Iranerin spricht. Mittlerweile kann man ihr Leben in allen Höhen und Tiefen auf Instagram und YouTube verfolgen. Weil die 27-Jährige aber auch ohne Kamera im Raum sehr viel zu sagen hat, haben wir sie in ihrer neuen Wohnung besucht. Herausgekommen ist dabei ein ebenso interessantes wie bedrückendes Gespräch über die Hölle, die transsexuelle Jugendliche nach wie vor durchmachen müssen und die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft, die sich auch in der Trans-Community niederschlägt.

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Broadly: In deinem Buch beschreibst du auch die Zeit, als du als Flüchtling in die Niederlande kamst. Wie erlebst du die aktuelle Flüchtlingsdiskussion in Deutschland?
Pari Roehi: Am Anfang habe ich mich ein bisschen distanziert von allem. Es war zu intensiv für mich, weil ich das ja alles selbst erlebt habe. Für ein paar Monate hab ich das Glück gehabt, einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran helfen zu können. Dadurch habe ich mich erst richtig mit dem Thema beschäftigt. Ich hab mit der Wohnungssuche und dem ganzen Papierkram geholfen und bin zum LaGeSo mitgegangen. Die Leute vergessen, dass Flüchtlinge in ihrer Heimat ein ganz normales Leben mit ganz normalen Jobs hatten. Sie denken, dass sie alle arm sind und kommen, weil sie Geld und Arbeit von den Deutschen möchten. Das ist nicht so! Wir sind fleißige Leute. Sie sagen auch immer „Flüchtlingsproblem" dazu. Es ist kein Problem. Es ist ein Thema und das müssen wir jetzt auflösen und klären.

Es gibt ein Problem in dem Ursprungsland, deswegen kommen die Leute her. Das ist das Problem, worüber man reden sollte.
Ich möchte mich eigentlich gar nicht politisch äußern, aber: Wenn Deutschland keine Waffen verkaufen und sich mit Öl in den Ländern beschäftigen würde, dann hätten sie das Problem nicht. Dann bleiben die Leute in ihrer Heimat. Es hat aber auch etwas Gutes, dass wir die ganzen Leute hier haben. Ich glaube daran, dass das unsere Kultur bereichert. Wenn alles gleich ist, ist es langweilig.

Ich sehe mich nicht mehr als Model. Ich bin keine 14 mehr. Ich habe keine Size Zero mehr.

Ihr seid vom Iran aus damals in die Niederlande gekommen, wo du auch aufgewachsen bist. Warum hast du dich entschieden, nach Deutschland zu gehen?
Ich habe mich eigentlich gar nicht mit Deutschland beschäftigt und auch kein Deutsch gesprochen. Die Niederlande sind ja wirklich so antideutsch, da heißt es immer „die haben den Krieg gebracht". Ich wollte dann aber mal mit Freunden aufs MELT Festival fahren, nach dem Festival haben wir Berlin besucht und auf der Rückfahrt nach Amsterdam ist das Auto kaputt gegangen—weswegen wir wieder zurück nach Berlin mussten. Meine Freunde sind ein paar Tage später mit einem neuen Auto zurück nach Amsterdam gefahren, aber ich bin in Berlin geblieben und habe mich in die Stadt verliebt. Vier Jahre ist das so gewachsen und ich habe die Sprache gelernt, habe mich integriert, eine Arbeit gesucht. Mein Leben ist weiter gegangen. Ich sehe keine Grenzen. Für mich ist die Welt offen, ich mag das gerne. Ein paar Monate oder Jahre da bleiben und dann wieder weiter. Ich bin eine Nomadin.

Ist wahrscheinlich auch sinnvoll, wenn man in der Modebranche ist.
Ich mache nicht so viel mehr in der Modebranche, ich model nicht mehr Vollzeit. Ich bin jetzt ein Instagram-Model! [lacht] Nach Germany's Next Topmodel habe ich mir gedacht, dass ich gerne moderieren würde und habe mich auch mit meinem YouTube-Kanal beschäftigt. Ich will mein Deutsch verbessern und vor der Kamera stehen. Modeln finde ich toll und mache das auch noch gerne, wenn sie mich für irgendetwas buchen, aber ich sehe mich nicht mehr als Model. Ich bin keine 14 mehr. Ich habe keine Size Zero mehr, ich mag meine Kurven. Ich möchte keine Diäten und Castings machen, nein. Ich möchte genießen und ich werde auch älter. Moderation ist wirklich meine Leidenschaft gerade, in diese Richtung möchte ich weitergehen.

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Da hätte man wahrscheinlich auch den ganz einfachen Weg nehmen können, nach dieser ganzen Germany's Next Topmodel-Sache von einer Talkshow in die nächste zu gehen und erzählen, was ‚wirklich passiert' hinter den Kulissen.
Das wollte ich nicht. Ich bin jemand, der nicht lästert und wenn ich ein Problem habe, kläre ich das direkt. Ich hab mit BILD gesprochen, das ist kein Geheimnis. Ich habe gesagt, was passiert ist und sie haben so eine dramatische Abrechnung daraus gemacht. Danach musste ich mich die ganze Zeit bei anderen Journalisten dafür rechtfertigen. Ich liebe Heidi, ich liebe die Show, deswegen habe ich mitgemacht. Heidi hat eine Tür für mich geöffnet, ich schreibe jetzt mein Buch. Wieso sollte ich auf sie und die Show böse sein? Ich bin mit 24, 25 in die Show gegangen. Ich war schon ziemlich erwachsen und wusste, was passieren würde und wie Fernsehen funktioniert.

Ich bin jetzt von meinem Freund getrennt und anfangs war ich sehr naiv, hatte Bilder und Videos von uns gepostet und solche Sachen. Jedes Klatschmagazin—OK!, People, Closer—hat etwas über mich geschrieben. Deswegen habe ich mich jetzt etwas zurückgezogen. Ich möchte mich auf mein Privatleben fokussieren und wenn ich etwas richtig tolles habe, teile ich das gerne. Aber ich muss mich jetzt nicht auf den roten Teppich stellen und sagen „Hi, hier bin ich wieder", ich habe bessere Sachen zu tun.

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Ich kann mir vorstellen, dass du in dem, was du über deine Kanäle machst, für viele transsexuelle Jugendliche ein Vorbild bist.
Was ich an YouTube toll finde, ist, dass ich nicht nur große LGBTQ-Communitys erreiche, sondern auch ganz normale Kinder aus der Kleinstadt, die mit so etwas nicht in Kontakt kommen. Leute, die so was sehen und für die das nicht sowieso schon was normales ist. Das ist toll, weil ich meine Geschichte erzählen und den Leuten mein Motto, „Keep it classy", mitgeben kann. Ich möchte weg von dem Image, dass Transfrauen wie so laute Talkshow-Gäste sind. Ich glaube, das war auch der Grund, weshalb ich damals so viel in den Medien bewegt habe: Weil sie eine ruhige, starke Persönlichkeit gesehen haben ohne Skandale oder Lügen oder ‚sie hat mit einem Football Player geschlafen"-Geschichten. Ich finde das wichtig und so möchte ich junge Leute inspirieren.

Sehr viele Männer oder Frauen machen eine OP um frei zu sein, aber am Ende sind die nicht frei. Sie sind gefangen.

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass Transsexualität im Iran viel akzeptierter ist als Homosexualität. Dass man quasi sagt „Gott hat einen Fehler gemacht" und man korrigiert den dann eben.
Der Iran war vor vielen Jahren eines der ersten Länder im Mittleren Osten, das sehr frei war. Wir hatten zum Beispiel eine erste Frauenuniversität. Der Islam war nicht so präsent, aber dann gab es in den 70er Jahren eine Revolution, die Monarchie wurde abgeschafft und alles wurde konservativer. Meine Eltern hatten homosexuelle und transsexuelle Freunde und die Menschen an sich sind bei diesen Themen sehr offen. Die Regierung und die Politik machen dann aber etwas schlimmes daraus. Frauen, die Trans sind und im Iran wohnen, können nichts anderes machen, als in die Prostitution zu gehen. Du kriegst keinen Job, du hast keine Zukunftsplanung, du kannst nichts erreichen für dich selber. Du wirst immer in eine Schublade gesteckt. Sehr viele Männer oder Frauen machen eine OP um frei zu sein, aber am Ende sind die nicht frei. Sie sind gefangen.

Es ist interessant, dass du sagst, dass die einzige Möglichkeit für sie die Prostitution ist. Selbst in den Kulturen, in denen Transsexualität öffentlich abgelehnt wird, gibt es ja genug Männer, die sich trotzdem zu Transfrauen hingezogen fühlen und die das dann heimlich machen. Als wäre es ein komischer Fetisch.
Es gibt so viele Männer, die damit gar kein Problem haben und es gibt sehr viele Transfrauen im Iran, die verheiratet sind, Kinder haben. Aber ich glaube, es sind oft Frauen, bei denen du es nicht sehen kannst. Wenn du es verheimlichen kannst, ist es OK, aber wenn man sieht, dass du Trans bist, dann ist es ein Problem. Wenn ich nicht so aussehen würde, wie ich aussehe, hätte ich jetzt auch nicht das erreicht, was ich in meiner Karriere erreicht habe. Eine Freundin von mir, auch ein Transmädchen, hat gesagt, dass es sehr gefährlich ist, dass wir uns immer so auf das Aussehen fokussieren. Es gibt ein falsches Bild an Kinder. Du musst dünn sein, du musst groß sein, du musst blond sein und blaue Augen haben und das ist auch in der Trans-Community so. Deswegen glaube ich auch, dass ich kein gutes Vorbild bin. Ich habe schließlich auch Schönheits-OPs gemacht, aber zumindest gehe ich ganz offen damit um und spreche darüber. Ich bin ich und lebe mein Leben so, wie ich das am besten kann. Wenn ich Leute damit dazu inspiriere, das auch zu machen, macht mich das natürlich sehr stolz.

Du hilfst auch transsexuellen Jugendlichen. Was genau machst du da?
Ich arbeite mit zwei Organisationen in Berlin, eine heißt Gleich und Gleich und die andere Lambda. Bei Lambda kommen alle Kinder aus der Nachbarschaft und ganz Berlin—schwul, Trans, LGBTQ, aber auch heterosexuelle Kinder, Cis-Frauen, Cis-Männer—in eine Art Clubhaus. Es gibt eine Bibliothek, DVD-Abende, spezielle Informationsabende und so weiter. Bei Gleich und Gleich arbeiten die mit Kindern, die Problemfamilien haben oder Probleme mit Akzeptanz. Gleich und Gleich hilft diesen Jugendlichen bei der Wohnungssuche, beim in die Schule Gehen, bei der Therapie und so weiter. Ich würde bei beiden Organisationen am liebsten ständig vorbeikommen, aber ich vergesse oft, dass die genug zu tun haben und nicht immer jemanden brauchen, der so aufgedreht ist wie ich. Deswegen probiere ich, ab und zu vorbeizugehen. Das letzte Mal hab ich meine Erfahrungen mit den Jugendlichen geteilt. Sie fragen mich dann „Du Pari, wie hast du das so erlebt? Wie hast du das und das gemacht, was ist deine Ansicht zu dem und dem, wie hast du das damals gemacht?" Ich finde es sehr schön, mit den Jugendlichen zu reden und bin sehr dankbar für das Vertrauen, das sie in mich haben.

Die AfD kann machen, was sie will: Noch lebe ich in einem freien Land und kann mich kleiden und ausdrücken, wie ich möchte.

Was, hast du das Gefühl, sind so die größten Probleme, die sie haben?
Akzeptanz! Das kann von der Familie sein, von der Schule oder von der Gesellschaft. Ich höre manchmal auch Geschichten, bei denen ich erst wieder merke, wie sehr Deutschland bei so was hinterher ist. Wie die Kinder in den Krankenhäusern behandelt werden oder welche psychologische Betreuung sie bekommen. Was die alles durchmachen müssen, um beispielsweise eine OP machen zu dürfen oder dass ein anderer Name im Pass steht. Die Kinder kriegen davon Depressionen. Es ist wirklich schlimm und ich probiere immer, es ihnen ein bisschen leichter zu machen.

Dieser ganze Ablauf, bis jemand wirklich sein Geschlecht angleichen darf, ist ja auch deswegen so kompliziert, weil gesagt wird: Wir wollen wirklich sichergehen, dass das Kind das will. Als würde sich so ein Kind aus Spaß so etwas ausdenken, es ist ja nichts, womit man sich cool macht.
Genau! Mir saß auch mal jemand in einer Talkshow gegenüber, der mich gefragt hat: „Glaubst du nicht, dass das gerade ein Hype ist mit dem Trans-Sein?" Wieso würdest du das alles durchmachen—den Schmerz, das Mobbing—nur weil es ein Hype ist? Wenn ein Psychologe seine Arbeit gut macht, dann sieht er, ob die Person das ernst meint.

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Ich hab so das Gefühl, dass durch den Erfolg von Parteien wie der AfD, die ein konservatives Geschlechterbild vertreten, die Situation für transsexuelle Menschen in Deutschland nicht gerade besser wird.
Ich glaube, deswegen ist es auch wichtig, dass Frauen wie ich in die Medien kommen und über das Thema sprechen. Lambda geht zum Beispiel auch in Schulen und redet über die LGBTQ-Community. Information und Aufklärung ist so wichtig. Die AfD kann machen, was sie will: Noch lebe ich in einem freien Land und kann mich kleiden und ausdrücken, wie ich möchte. Ich lasse mich nicht von so einer Gruppe beeinflussen. Wir hatten in Deutschland schon zwei Weltkriege und diesen einen Typen, der alles kaputt gemacht hat. Die AfD ist ein Hype, das glaube ich wirklich, und das wird vorbeigehen. Ich glaube, wir haben in Deutschland genug kluge Leute, die sich dagegenstellen—das hoffe ich zumindest. Ich werde diesen Kampf gerne angehen, das ist für mich gar kein Problem.