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Foto: Rebecca Rütten

10 Fragen an einen Imam, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Nora Kolhoff

Was passiert, wenn du im Himmel auf 72 Jungfrauen triffst? Wie oft verschläfst du das Morgengebet? Was würdest du machen, wenn dein Sohn schwul wäre?

Foto: Rebecca Rütten

Wenn Amir Aziz die Länder aufzählt, aus denen die Leute in seine Moschee kommen, klingt das, als leite er einen Tourismusverband. Seine Predigt muss er in drei Sprachen halten, Englisch, Arabisch und Deutsch. Auch Sunniten und Schiiten beten hier gemeinsam. Der Pakistaner ist Imam in der ältesten Moschee Deutschlands, der Berliner Moschee in Wilmersdorf.

Aziz wohnt im Imamhaus direkt neben der weißen Moschee mit der silbernen Kuppel und zwei 30 Meter hohen Minaretten. In seinem Wohnzimmer hängen Bilder der Gründer seiner indisch-pakistanischen Ahmadiyya-Gemeinde, auf dem Tisch ist der Koran aufgeschlagen. Die Ahmadiyya-Bewegung schickt nur äußerst gelehrte Menschen als Imame in die Gemeinden weltweit. Vor einem Jahr wurde er gebeten, die Stelle in Deutschland zu übernehmen. Der 47-Jährige war vorher Gymnasiallehrer in Pakistan, seine drei Kinder leben noch dort. Er findet, dass der Imam-Job dem eines Lehrers ziemlich ähnlich ist. "Es ist meine Pflicht, den Islam zu erklären", sagt er. Nur unterrichte er jetzt eben alle Altersgruppen. Und wir haben Fragen.


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VICE: Was war die dümmste Predigt, die du je gehalten hast?
Amir Aziz: Als ich nach Deutschland gekommen bin und meine erste Predigt auf Deutsch gehalten habe, habe ich mit Google Translate übersetzt. Die Leute, die nur Deutsch sprechen, haben echt nicht verstanden, worüber ich geredet habe.

Morgengebet 5 Uhr: Wie oft verschläfst du?
Als Imam ist es meine Pflicht, da zu sein, ich muss das Gebet ja anleiten. Es ist einfach mein Job. Aber so zwei, drei Mal im Jahr passiert mir das schon. Das ist menschlich.

Wie viele Islamisten beten bei dir in der Moschee?
Gar keine. Die dürfen nicht zu uns kommen, wir sind gegen Extremismus. Die Mitglieder unserer Gemeinde sind sehr religiöse Menschen, aber sie sind keine Islamisten. Das Erste, was ich jedem hier sage, ist, sich ernsthaft mit den Lehren des Islam zu beschäftigen und vor allem die Gesetze des Landes zu respektieren, in dem man lebt. Die Gesetze von Deutschland sind die Gesetze für die Muslime hier.

Foto: imago | Schöning

Man hört oft über islamistische Attentäter, dass sie keine Muslime sind; ist das nicht zu einfach?
So einfach ist es tatsächlich nicht. Das sind Muslime. Aber Muslime, die ihre eigene Religion falsch verstanden haben. Das ist das Problem. Und gleichzeitig werden sie oft für politische Zwecke manipuliert. Ihr größter Fehler ist die Auslegung des Dschihad. Viele ungebildete junge Menschen lernen, dass Dschihad bedeutet, dass du jeden Nicht-Muslim töten darfst. Dschihad ist aber nur ein Verteidigungskrieg. Wenn ein Land dich angreift, darfst du kämpfen. Aber ein Muslim kann keinen Dschihad in Deutschland führen und unschuldige Menschen umbringen, völlig egal, welche Religion die haben.

Warum willst du nicht, dass deine Frau neben dir betet?
Meine Frau kann zu Hause neben mir beten, das ist im Islam kein Problem. Aber in der Moschee sind Frauen von Männern getrennt. Das liegt an der Art, wie wir beten: Beim Beten müssen sich Muslime teilweise nach vorne beugen. Dabei streckt man der Person hinter sich unweigerlich den Hintern entgegen. Viele Frauen fühlen sich unwohl, sich so vor den Männern herunterzubücken. Für mich ist das also eher eine kulturelle Regel als eine islamische.

Wenn deine Frau von einem Tag auf den anderen ihr Kopftuch ablegen würde, was würdest du sagen?
Meine Frau trägt gar kein Kopftuch, auch meine Tochter nicht. Was Leute hier nicht verstehen: Das Kopftuch ist keine religiöse Regel. So wie die meisten es hier kennen, ist es die Kultur von arabischen und türkischen Menschen. Wenn man nach Indien oder Pakistan geht, sehen die Kopftücher anders aus. Jede Frau kann das in unserer Moschee so handhaben, wie sie will.

Dürfen sich zwei Männer in deiner Gemeinde küssen?
Das ist bei uns in der Gemeinde noch nie passiert. Homosexualität wird als unnatürlich und unreligiös betrachtet. Manche Leute sind von Natur aus weder weiblich noch männlich, das ist etwas anderes. Das ist im Islam akzeptiert. Homosexualität, wie es sie heute in westlichen Ländern gibt, ist aber nicht erlaubt. Ich habe das Gefühl, es ist auch eine Mode geworden. Manche Leute wollen einfach als Homosexuelle leben. Ich sehe das als Krankheit, die man behandeln muss. Deshalb würde ich versuchen zu erklären, warum das nicht natürlich ist. Aber ich würde niemanden zu etwas zwingen.

Foto: Rebecca Rütten

Und wenn dein Sohn schwul wäre?
Ich würde versuchen, ihm zu erklären, dass Sexualität im Islam nicht einfach für die eigenen Bedürfnisse da ist, sondern auch, um Kinder zu bekommen. Wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der jeder homosexuell ist, das wäre das Ende der Welt. Wenn mein Kind also eine solche Tendenz hätte, würde ich das erklären. Ich bin mir sicher, jede vernünftige Person würde das verstehen.

Was würdest du machen, wenn deine Tochter mit einem Christen durchbrennt?
Ich würde meiner Tochter sagen, dass es keine gute Idee ist. Aus der islamischen Sicht ist der Mann dafür verantwortlich, sich um die Frau zu kümmern. Die Frau kann sich entscheiden, ob sie einen Beruf ausüben will. Aber sie ist nicht verantwortlich. Hier in Deutschland ist es anders, hier sind beide verantwortlich. Heiraten bedeutet, sich sehr gut zu verstehen. Ich denke, dieses unterschiedliche Verständnis vom Mann- und Frausein würde über die Zeit Probleme mit sich bringen. Aber natürlich hat man die freie Wahl, wen man heiratet.

Was passiert, wenn du im Himmel auf 72 Jungfrauen triffst?
Das ist eine falsche Interpretation des Islam. Im Koran wird das Wort "hur" verwendet, was "rein" bedeutet. Die Purheit und Reinheit wird Männern und Frauen im Paradies versprochen, mehr nicht. Ins Paradies kommen nur die, die sich auf Erden auf ihren Partner beschränken. Wenn sie nicht einmal hier in dieser Welt mit verschiedenen Leuten Sex haben, warum sollten sie das dann im Paradies wollen? Die Idee ist verrückt und unlogisch. Erstens, weil die Zahl 72 im Koran überhaupt nicht vorkommt. Und zweitens, weil Männer dabei denken, sie seien die einzigen, die sexuelle Bedürfnisse haben. Zudem wird eine normale Person in ihrem Leben mit einer Person schlafen, vielleicht zwei. Aber selbst jemand, der viel flirtet, wird kein Vagabunden-Leben mit 72 Frauen führen. Warum sollte Gott so ein Playboy-Leben im Paradies auf einmal erlauben?

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