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toxische männlichkeit

Der "Fall Ribéry" zeigt, dass du dir als Liebling vom Chef alles erlauben kannst

Der Umgang des FC Bayern mit seinem Goldsteak-Franzosen ist ein gutes Beispiel für die boys-will-be-boys-Einstellung der gesamten Fußballwelt.

von Niclas Seydack
07 Januar 2019, 3:15pm

Hoeneß/Ribery: Philippe Ruiz | imago || Steak: Gottfried Czepluch | imago ||Salt Bae: Future Image | imago || Goldflocken: Wikipedia || Bearbeitung: VICE

Franck Ribéry hat es also geschafft, Mütterbeleidigen auf ein neues Level zu heben. Am Sonntag lud der Fußballer vom FC Bayern München bei Instagram ein Statement hoch, in der er seinen Hatern nahelegte, sie mögen doch gleich – generationsübergreifend – ihren kompletten Stammbaum ficken.

Er, der Multimillionär, hatte ein Steak bestellt, 400 Gramm aus der Rinderlende, mit Blattgold überzogen. Serviert im Edelrestaurant "Nusr-Et" in Dubai und zwar persönlich vom Koch Nusret Gökçe aka "Salt-Bae". Der Typ, der es zur Meme-Berühmtheit geschafft hat, indem er Fleisch breitbeinig, mit ausgestrecktem Hintern filetiert und mit angewinkeltem Arm in Form eines Flamingos würzt.

Nusret Gökçe hat mehrere Restaurants eröffnet, darunter eins in New York und eins in Dubai, welches Ribéry vergangene Woche besuchte. Die beiden nahmen zusammen ein Video auf, Ribéry postete es bei Instagram. Eine harmlose PR-Nummer für beide. Eigentlich.

Doch bei Instagram warfen sie dem Fußballer vor, er sei dekadent. Die Häme kam gerade aus seiner Heimat Frankreich, wo er seit seinem Streik bei der WM 2010 vielerorts verhasst ist. Ribéry reagierte mit dem Stammbaum-ficken-Statement. Der sogenannte "Fall Ribéry" war geboren. Es schien, als sei ein weiterer Beweis gefunden für einen Fußballer, der die Bodenhaftung verloren hat. Der, gepolstert von seinem Millionengehalt, im siebten Himmel des Geldes schwebt. Fernab von den Fans in der Kurve, die sich ärgern, wenn ihr Verein die Bratwurst zwanzig Cent teurer macht.

Dabei ist das nicht der Punkt. Franck Ribéry soll seine Steaks mit Kokain oder Seltenen Erden marinieren lassen – wen kümmert das in einer Welt, in der prekärbeschäftigte Millennials an Kylie Jenner spenden, damit sie endlich Milliardärin ist?


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Was den Fall so unappetitlich macht, ist auch nicht Ribérys Anregung, seine Kritiker mögen ihren Stammbaum ficken.

Ja, sprachlich ist das daneben. Sehr sogar. Aber viel schlimmer ist, dass sein Verein, der FC Bayern München, ihm das als irgendwie liebenswürdigen Jungenstreich durchgehen lässt. Ribéry, längst eine Legende im Verein, bekam böse Schimpfe vom Sportdirektor Hasan Salihamidžić: "Er hat Worte benutzt", hieß es vom Verein, "die wir als FC Bayern München nicht akzeptieren können und die Franck als Vorbild nie benutzen darf."

Der Umgang mit Ribéry zeigt vor allem ein toxisches Verständnis im Umgang mit Fehltritten, Skandalen und Beleidigungen beim FC Bayern.

Ribéry soll wegen seiner Tirade nun eine Geldstrafe zahlen, deren Höhe der Verein nicht öffentlich macht. Sagen wir, der Verein brummt ihm 100.000 Euro auf oder 200.000 Euro – das verdient Ribéry in einer Woche. Das ist keine Bestrafung, sondern ein Feigenblatt.

Der Umgang mit Ribéry zeigt vor allem ein toxisches Verständnis im Umgang mit Fehltritten, Skandalen und Beleidigungen beim FC Bayern. Dort pampern sie Ribéry so sehr, dass ein Mitarbeiter für ihn seinen Hausmüll rausbringt.

Allen voran Präsident Uli Hoeneß hat immer zu seinem Liebling gehalten. Er hat ihn immer in Schutz genommen, seine Aktionen als heißblütig und temperamentvoll gerechtfertigt. Egal, was Ribéry anstellte, sein Uli sorgte dafür, dass ihm nichts passiert. Das war in München schon immer so, seit der Franzose im Jahr 2007 dorthin wechselte:

  • Es begann mit harmlosen Pranks in der FC-Bayern-Zentrale. Ribéry schmierte Zahnpasta unter Türklinken und machte Torhüter-Legende Oliver Kahn mit einem Eimer Wasser nass.
  • 2009 hatte Ribéry, bereits verheiratet und zweifacher Vater, Sex mit der damals minderjährigen Prostituierten Zahia Dehar. Er wurde dafür angeklagt – und freigesprochen. Ihn treffe keine Schuld, urteilte das Gericht, wenn ihm jemand eine Prostituierte zuführe, die erst 17 ist. Kann er ja nicht wissen.
  • Inzwischen sammelte Ribéry unzählige gelbe und rote Karten, weil er Gegenspieler trat, ohrfeigte, würgte oder Finger in die Augen steckte.
  • Als Ribéry im August 2017 zum ersten Mal ein Spiel bestritt, das von einer Schiedsrichterin gepfiffen wurde, fasste er Bibiana Steinhaus an die Unterschenkel und öffnete ihre Schnürsenkel. Das fand er sehr witzig. Aber hätte er das auch bei einem Schiedsrichter-Neuling gemacht, der ein Mann ist?
  • Im vergangenen Herbst attackierte Ribéry in München einen Fotografen, der ihn in einem Taxi fotografierte.
  • Und im November ohrfeigte er einen französischen Journalisten, der es wagte, nach Ribérys Anteil an der Niederlage gegen Borussia Dortmund zu fragen.

Und trotzdem: Franck Ribéry ist der Liebling des FC Bayern. Er ist mittlerweile 35, er ist langsam geworden und spielt nur noch selten. Aber er ist noch da. Dank der Bromance von Uli und Franck. Aber der FC Bayern ist mit seinem besonderen Verständnis von Mitarbeiterführung bei weitem nicht allein. Die Grundregel der Fußballwelt, ihrer Funktionäre und Fans lautet heute: Boys will be boys. Die sind halt so, Millionäre mit 20, da kannste nix machen, wenn die mal austicken.

Die Grundregel der Fußballwelt, ihrer Funktionäre und Fans lautet heute: Boys will be boys. Die sind halt so, Millionäre mit 20, da kannste nix machen, wenn die mal austicken.

Der Portugiese Cristiano Ronaldo soll eine Frau vergewaltigt haben, es gibt starke Indizien, dass er es getan hat – die Clubbosse in Turin und seine Fans lieben ihn weiterhin. In sozialen Medien behaupten sie, ein Mann wie er habe es doch gar nicht nötig, jemanden zu vergewaltigen. Die Frau erfinde das, um ihm zu schaden und sich ins Gespräch zu bringen. Und Lionel Messi, der andere alles überragende Superstar, hat Steuern hinterzogen. Er ist vorbestraft, zwei Jahre Bewährung. Auch das interessiert niemanden. Weder in Barcelona, wo er spielt, seit er ein Teenager ist, noch in sozialen Medien, wo sie ihn lieber für seine Freistoßtore feiern.

Es ist, als gebe es diese stille Übereinkunft im Fußball: Spieler sind keine Menschen, sondern Humankapital. Eingesetzt, um das Produkt Fußball herzustellen, das Manager vermarkten und Fans konsumieren. Und es ist eine Männerbranche, die nach Regeln funktioniert, die Männer machen und schützen, und die Fehlverhalten nach ihrem ureigenen Macho-Codex sanktioniert.

Oder es bleiben lässt, wenn es die reibungslose Produktion stören könnte.

Vielleicht – vielleicht ist das eine gute Beschreibung von dem, was heute Fußball im globalen Maßstab auszeichnet. Vielleicht waren Fußballer aber schon immer so. Und erst die sozialen Medien sorgen dafür, dass wir es mitbekommen. Womit wir wieder bei Franck Ribéry sind. Der schrieb, nachdem er von seiner Vereinsführung ordentlich ausgeschimpft worden war, auf Instagram: "Keine Sorge, es geht mir gut." Und man las fast das hämische Ihr-könnt-mir-gar-nichts-solange-mein-Bro-Uli-da-ist-Gegrinse aus jedem Muskelarm-Emoji, das er dahinter setzte.

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